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       # taz.de -- Waldbrände in der Türkei: Mit Teebeuteln gegen das Feuer
       
       > Erdoğan behauptet, oppositionelle Bürgermeister in den Brandgebieten
       > seien verantwortlich für das Löschen der Brände. Den Betroffenen schenkt
       > er Teebeutel.
       
   IMG Bild: Menschen beobachten die Löscharbeiten eines Waldbrandes in Koycegiz
       
       Fast zwei Wochen wütet das Feuer an der türkischen Mittelmeerküste und der
       Ägäis. Wie in Griechenland und in Italien gehen Wälder in Flammen auf.
       Extreme Temperaturen über 40 Grad, geringe Luftfeuchtigkeit und Winde
       befeuerten die Katastrophe: Die von Menschenhand gemachte Klimakrise zeigte
       ihre zerstörerische Wucht.
       
       Über Tage hinweg waren in der Türkei die Menschen nahe den Waldgebieten auf
       sich selbst gestellt. Die Notrufnummern reagierten nicht, es kamen keine
       Flugzeuge und Helikopter. Menschen, Tiere, Bäume, Häuser und Felder
       verbrannten. Die sozialen Medien sind voll von Videoaufnahmen, wie die
       ansässige Bevölkerung und freiwillige Helfer aus dem gesamten Land mit
       Schaufeln, Sägen, Traktoren und Wassertanks versuchen, die Brände unter
       Kontrolle zu bringen.
       
       Sehr schnell offenbarte sich das [1][Missmanagement des türkischen Staats].
       Die Türkei verfügt gerade einmal über 3 Löschflugzeuge. Das viel kleinere
       Griechenland hat 39 Löschflugzeuge. Die schon 1925 von den Republikgründern
       ins Leben gerufene, öffentlich finanzierte Luftfahrtgesellschaft THK, die
       über Jahrzehnte Waldbrände bekämpfte, wurde aus politischen Gründen von der
       Regierung Erdoğan kaputtgespart und war nicht einsatzfähig.
       
       Hinzu kommt die systematische Zerstörung der Ökosysteme der Wälder durch
       Gesetze und Verordnungen der Regierung. [2][Ganze Teile zusammenhängender
       Waldgebiete wurden dem Energiesektor, dem Bergbau und der Bebauung durch
       Tourismus geöffne]t. Während die Feuer im gesamten Land tobten, trat mit
       der Unterzeichnung von Präsident Erdoğan ein Gesetz in Kraft, das ihm die
       alleinige Vollmacht gibt, Waldgebiete Investitionen und Bebauung zu öffnen.
       
       ## Fake News und „Terroristen“
       
       Doch wie kommuniziert man einen Waldbrand? Tagelang bombardierten die
       gleichgeschalteten Medien die Bevölkerung mit Fake News, dass
       „Terroristen“, die kurdische PKK, Brandstifter seien. „Die Brände sind ein
       Terroranschlag auf die Regierung Erdoğan und die türkische Ökonomie“, so
       ein Abgeordneter der Regierungspartei.
       
       Dann ließ Erdoğan verlauten, die Bürgermeister der betroffenen
       Mittelmeerküste, alle geführt von der Opposition, seien verantwortlich für
       die Bekämpfung der Waldbrände. Hilfsangebote ausländischer Staaten,
       Löschflugzeuge zu schicken, wurden zuerst einmal abgewiesen. Die Rundfunk-
       und Aufsichtsbehörde RTÜK wies die Sendeanstalten an, keine negative
       Berichterstattung über die Waldbrände zuzulassen.
       
       Wie das Feuer waren auch die Nachrichten aus den Waldgebieten nicht unter
       Kontrolle zu bringen. Millionenfach wurde das Video einer 42-jährigen
       Köchin geteilt, deren Bruder 2017 bei einem Waldbrand ums Leben gekommen
       ist: „Wir haben alles Hab und Gut verloren. Tretet zurück“, ruft die Frau
       dem Forstminister zu. Sie wurde mittlerweile wegen Beleidigung des
       Staatspräsidenten festgenommen. Auch der Twitter Hashtag #HelpTurkey, von
       prominenten Schauspielern und Künstlern geteilt, erreichte Millionen.
       
       ## „Die starke Türkei“ sagt Erdogan
       
       Mittlerweile hat die Generalstaatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren
       eingeleitet. Präsident Erdoğan hatte gesagt: „Um die Türkei als mittellos
       und arm zu denunzieren, haben sie die Kampagne #HelpTurkey gestartet. Wir
       sagen: Die starke Türkei. Wir sind stark.“
       
       Unvergesslicher Höhepunkt ist die Stippvisite des Präsidenten in der vom
       Feuer umgebenen Mittelmeerstadt Marmaris. Er sagt Menschen, deren Häuser
       abgebrannt sind, Hilfe zu. Dann bewirft er einige Hundert Zuhörer mit
       Teebeutelgeschenken. Ein Lokalpolitiker seiner Partei legt nach. „Wäre bloß
       auch unser Haus abgebrannt, werden die Menschen sagen.“ Es erinnert an den
       US-Präsidenten Donald Trump, der im Jahr 2017 ebenfalls auf Stippvisite in
       dem vom Hurrikan zerstörten Puerto Rico die Menschen mit Toilettenpapier
       bewarf.
       
       Schließlich nahm die Türkei doch Hilfe an, auch von der EU. Es kamen 3
       Löschflugzeuge. Und plötzlich ist das Foto da, das die endgültige
       Niederlage der staatlichen Kommunikation besiegelt: Eine junge Spanierin,
       Pilar Martin, im Cockpit des Löschflugzeugs. Nach geflogenem Einsatz macht
       sie das Siegeszeichen. Millionen Türken vergöttern sie nun, während sie
       ihren frauenfeindlichen Präsidenten verabscheuen.
       
       12 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
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