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       # taz.de -- Als Schwarzes Kind auf dem Dorf: Die Wut kam später
       
       > Sprüche im Bus, AfD-Plakate vor der Haustür: Als Schwarze Person auf dem
       > Dorf aufzuwachsen ist nicht einfach. Aber es gibt auch gute Seiten.
       
       Das typische deutsche Dorfkind läuft barfuß durch Wald und Wiese. Das
       typische deutsche Dorfkind trägt kurze Hosen und friert als letztes – auch
       im Winter. Es klettert liebend gern auf Bäume, sammelt Steine und andere
       Dinge, kennt sich super mit Tieren aus und trinkt in Jugendjahren auf
       Partys alle anderen unter den Tisch. Und das typische deutsche Dorfkind ist
       natürlich weiß.
       
       Auf mich trifft eigentlich nur eines dieser Klischees zu: Ich würde
       behaupten, dass ich mich gut mit Tieren und Pflanzen auskenne. Ansonsten
       bin ich kein typisches deutsches Dorfkind. Und ich bin Schwarz.
       
       Vielleicht überrascht es Sie, dass ich Schwarz großschreibe. Das tue ich
       deshalb, weil Schwarz in diesem Zusammenhang ein politischer Begriff ist,
       der nicht auf den Hautton abhebt, sondern auf die
       Diskriminierungserfahrungen, die Schwarze Menschen erleben und erlebt
       haben.
       
       [1][Laut deutschland.de] leben 15 Prozent der Menschen hierzulande in Orten
       unter 5.000 Einwohner*innen. Erhebungen dazu, wie viele Schwarze Personen
       darunter sind, gibt es nicht. Das [2][Statistische Bundesamt zählte] 2018
       über 21 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. 12,7
       Prozent von ihnen wohnten [3][laut Bundeszentrale für politische Bildung]
       in ländlichen Regionen.
       
       Zu „Menschen mit Migrationshintergrund“ zählen auch die, die einen
       deutschen Pass und eine Migrationsgeschichte haben. Wie meine Familie und
       ich.
       
       „Ach krass, du kommst vom Dorf? Wie war es da so?“, werde ich oft von
       Leuten aus der Stadt gefragt, mit denen ich die Diskriminierungserfahrung
       teile, nicht weiß zu sein. Und ein kurzes Zögern meinerseits wird auch
       schon als negative Reaktion gewertet. Trotzdem habe ich auf diese Frage bis
       heute keine Antwort.
       
       Denn insbesondere die letzten beiden Sommer in der Coronapandemie haben mir
       vor Augen geführt, wie schön und wertvoll meine Kindheit auf dem Dorf war –
       weil ich gerne dorthin zurückkehre. Dabei spreche ich natürlich nicht für
       jede nichtweiße Person, die in einem Dorf aufwächst. Ich hatte das Glück,
       in einem kleinen Ort groß zu werden, in dem die Menschen zum größten Teil
       nett und freundlich zu mir waren. Doch gibt es eben auch die anderen
       Erfahrungen; je nachdem, in welchem Umfeld und in welcher Region man groß
       geworden ist.
       
       Bisher gibt es noch keine Studien, die die Erfahrungen und Gefahren
       erfassen, denen Schwarze Menschen und Menschen of Color ausgesetzt sind,
       die auf dem Dorf aufwachsen. Doch dass sich diese Erfahrungen von denen der
       weißen Mehrheitsgesellschaft unterscheiden, das weiß ich – aus meiner
       eigenen Kindheit, aus Gesprächen mit meinen Geschwistern und aus Gesprächen
       mit Miri, Kofi, Virginnia, Josephine und Stephanie, die in verschiedenen
       ländlichen Regionen Deutschlands groß geworden sind und die ich bei der
       Recherche zu diesem Artikel befragt habe. Zu ihrem persönlichen Schutz
       nenne ich nur ihre Vornamen und benenne auch nicht die Dörfer, in denen sie
       ihre Kindheit verbracht haben.
       
       Hier will ich unsere Geschichten erzählen, die sich weit entfernt von
       belebten Stadtzentren zugetragen haben. Wie ist es also, als Schwarzes Kind
       in einem kleinen Dorf in Deutschland groß zu werden?
       
       Meine Familie zog in den späten 1990er Jahren aufs Land. Meine Familie, das
       sind mein Schwarzer Vater, meine weiße Mutter, meine ältere Schwester und
       meine beiden älteren Brüder. Mein Vater war damals Schichtleiter in einer
       Getränkefirma, die ihren Standort gewechselt hatte. Nach zwei Jahren, in
       denen mein Vater pendelte, entschieden sich meine Eltern, der Firma
       hinterherzuziehen.
       
       Also ging es aus der Millionenstadt Berlin in ein niedersächsisches Dorf
       mit 600 Einwohner*innen zwischen Wolfsburg und Hannover. Aber auch aus
       einer Vierzimmerwohnung in ein Haus mit großem Hof und Garten. Ein Jahr
       lebte meine Familie schon dort, dann wurden meine Zwillingsschwester und
       ich geboren.
       
       Wir wuchsen in einem Dorf auf, durch das man in weniger als zehn Minuten
       gehen kann. Drumherum alles grün, viele Felder, auf denen Raps, Mais,
       Weizen oder Gerste wachsen, ein paar Wiesen, auf denen Pferde grasen oder
       Gänse watscheln, dazu viel Wald. Auch das Dorf selbst ist nicht gerade
       hässlich, wenn man sich auf die Fachwerkhäuser konzentriert und die grau
       verputzten Fassaden außer Acht lässt. Und das Beste ist, dass mittendurch
       ein kleiner Bach fließt, in dem wir den ganzen Sommer über in unseren
       Gummistiefeln planschen und kleine Fische fangen konnten.
       
       ## Der Bus fuhr nur stündlich
       
       Nicht so schön fanden wir hingegen, dass der Bus nur stündlich fuhr –
       obwohl wir uns eigentlich nicht beklagen konnten, immerhin fuhr er damit
       deutlich häufiger als in den Nachbardörfern. Dafür findet sich bei uns weit
       und breit kein Supermarkt, sodass meine Zwillingsschwester, meine beste
       Freundin und ich die Tankstelle ansteuern mussten, wenn wir
       Hubba-Bubba-Kaugummis und Lakritzlollis wollten. Zum Glück gab es damals
       schon den Tennisplatz, wo ich die Massen an Zucker in Energie umsetzen
       konnte, außerdem Fußballturniere, ein kleines Festival, Freibadpartys,
       Dorf- und Schützenfeste – irgendwas war immer los.
       
       Auf dem Dorf hatten wir mehrere Banden: In der Grundschule waren wir „Die
       Wilden Kerle“. Wir hatten sogar Ausweise, auf denen die Namen der
       Charaktere standen. Ich war Fabi, „der schnellste Rechtsaußen der Welt“.
       Zwei Jahre später habe ich mich mit meiner Zwillingsschwester und unserer
       besten Freundin zu den „Wilden Hühnern“ zusammengeschlossen. Mit
       Bandenbuch! Während die anderen Dorfkinder in größeren Gruppen zusammen im
       Garten spielten oder ins Freibad fuhren, blieben wir zu dritt und zogen auf
       unseren Fahrrädern durch den Ort.
       
       Da hatte meine Entfremdung von dem Dorf schon begonnen. Sie passierte
       schleichend und lässt sich am besten am Musikgeschmack festmachen: Ich weiß
       noch, wie irritierend ich es fand, wenn auf den Dorffesten Mickie Krauses
       „Geh mal Bier hol’n“ gespielt wurde. Während die meisten anderen Kinder
       solche Ballermann-Hits leidenschaftlich mitsingen konnten, ging ich lieber
       vor die Tür und schnappte frische Luft.
       
       Bei uns zu Hause wurde andere Musik gehört. In Videos aus unserer Kindheit
       sieht man meine Schwester und mich mit drei oder vier Jahren zu R&B-Songs
       von Whitney Houston, Usher und D’Angelo tanzen. Diese Künstler*innen
       prägten mich, und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass mein erstes
       Konzert nicht von Helene Fischer war, sondern von Alicia Keys. Durch ihre
       Musik lernte ich auch Klavier spielen, „If I Ain’t Got You“ war der erste
       Song, den ich singen und wozu ich mich selbst begleiten konnte.
       
       Mit zehn Jahren fing ich außerdem an, Geige zu spielen. Erst unfreiwillig,
       dann mit immer mehr Begeisterung. Weil meine Mutter im Dorfkindergarten
       arbeitete, war sie gut vernetzt, sie hatte Kontakt zum Bürgermeister, und
       so kam es, dass meine Zwillingsschwester und ich öfters als Streichduo für
       Senior*innenfeiern engagiert wurden. Zwei Schwarze Kinder, die für
       eine Gruppe alter weißer Menschen Musik machen: Das mag aus heutiger Sicht
       wie eine exotisierende Zurschaustellung wirken – doch das war es bei uns
       nicht. Als viel unangenehmer sind mir die Auftritte beim Musikwettbewerb
       „Jugend musiziert“ in Erinnerung geblieben. Der machte seinem Ruf, eine
       klassische weiße und elitäre Musikszene zu repräsentieren, alle Ehre. Wir
       waren die einzigen Schwarzen Kinder dort und konnten die Blicke der anderen
       Teilnehmer*innen auf unseren Körpern förmlich spüren.
       
       Bis auf die Sache mit der Musik war das Dorfleben für mich und meine
       Geschwister als akzentfrei sprechende light-skinned Personen, also Schwarze
       mit hellerem Hautton, aber eigentlich ziemlich gut. Andere hatten da
       weniger Glück, wie ich aus dem Gespräch mit Miri erfahre.
       
       Miri wuchs, ebenfalls in den späten 1990er Jahren, in einem Dorf mit 800
       Einwohner*innen in Thüringen auf. Sie hat eine Schwarze Mutter, einen
       weißen Vater und einen jüngeren Bruder.
       
       Im Dorf zog sich die rechte politische Gesinnung deutlich durch die
       Gesellschaft und äußerte sich auch ihr gegenüber, erzählt sie mir am
       Telefon. Zum Beispiel, als ihr kleiner Bruder aus dem Schulbus stieg und
       vor der Schule von Nazikindern in den Schwitzkasten genommen wurde, weil
       seine Schwester – im Gegensatz zu ihm – „nicht deutsch“ aussieht. Es zeigte
       sich auch in der Schule: Ein Mitschüler und Kind von NPD-Wähler*innen
       beleidigte sie über Jahre hinweg im Unterricht. „Ich bin immer ruhig
       geblieben, aber als er das N-Wort zu mir sagte, da musste der Frust raus
       und ich habe zurückgeschrien“, sagt Miri. Die Lehrer*innen machten
       nichts, und am Ende bekam sie Ärger und musste zur Schulleitung. Für ihren
       Mitschüler gab es keine Konsequenzen.
       
       ## Sie kann es nicht ignorieren
       
       Miris Mutter, die in den 1970er Jahren ebenfalls auf dem Dorf aufwuchs,
       sagte ihr stets: „Du musst es ignorieren, irgendwann hört es auf.“ Für die
       Mutter hat das vielleicht funktioniert, für deren Schwester, Miris Tante,
       allerdings nicht. Sie kam nicht mit den rassistischen Äußerungen zurecht
       und verließ das Dorf, in dem sie groß wurde, sobald es ging. Sie konnte die
       rassistischen Erfahrungen nicht ignorieren.
       
       Denn es hörte nicht einfach auf. Damals nicht und auch nicht später, wie
       Miri erzählt. Wie sollte sie auch darüber hinwegsehen, dass ihre weißen
       Kolleginnen und Kollegen vor ihrer geplanten Reise nach Australien zu ihr
       sagten: „Wenn das so weitergeht mit den ganzen Flüchtlingen, dann kannst du
       gleich in Australien bleiben.“ Das war 2015, als vermehrt Menschen nach
       Deutschland geflüchtet sind und sich der Hass auf die, die nicht der
       typischen Vorstellung vom „Deutschsein“ entsprachen, auch in Miris Umfeld
       verstärkte.
       
       Auch Kofi fühlte sich während seiner Kindheit und Jugend unwohl, wie er mir
       erzählt. Er wuchs in einem Dorf in Brandenburg auf, das in den 2000er
       Jahren Schwerpunkt der rechten Szene war. Auch wenn er damit
       glücklicherweise selten direkt konfrontiert wurde, beeinflusste allein das
       Wissen darum sein Lebensgefühl.
       
       Josi hingegen empfindet das Dorf, in dem sie aufwuchs, als einen Ort, an
       den sie auch heute gerne zurückkommt. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schule,
       die sie als einen Ort des Unwohlseins beschreibt, der von rassistischen
       Sichtweisen geprägt war.
       
       In Josis Schilderungen finde ich mich wieder. Denn sobald ich mich aus der
       Geborgenheit meines Dorfes hinausbewegte, wurde ich mit rassistischen
       Übergriffen konfrontiert. Das fing schon mit der Busfahrt zur Schule an, wo
       immer mindestens zwei Schüler*innen meine Zwillingsschwester und mich
       beleidigten. Entweder bewarfen sie uns mit Murmeln oder flüsterten das
       N-Wort und andere rassistische Beleidigungen. Ich trainierte mir anfangs
       an, alles zu ignorieren, so zu tun, als hörte ich es nicht. Aber in mir
       brodelte es. Und das Brodeln wurde immer lauter. Kochte hoch, flachte ab
       und nahm wieder zu.
       
       Witze über meinen Namen führten so weit, dass meine Schwester vorschlug,
       einen anderen Bus zu nehmen, um diese Kinder zu meiden. Irgendwann konnte
       ich die Wut nicht mehr unterdrücken und wollte sie rauslassen. Ich wollte
       mich wehren und warf die Murmeln zurück. Es fühlte sich gut an, nicht alles
       herunterzuschlucken, es war erleichternd: wie eine Last, die abfiel. Danach
       warfen sie nicht mehr mit Murmeln und ließen uns in Ruhe.
       
       Doch selbst in meinem Dorf änderte sich die Stimmung. Eines Tages
       entdeckten wir, wie jemand ein AfD-Wahlplakat an die Laterne direkt vor
       unserem Grundstück gehängt hatte. Es folgten viele weitere. Meine
       Zwillingsschwester und ich entfernten sie ein ums andere Mal, um unserer
       Wut Luft zu machen, auch wenn es nur eine kleine Aktion war. Meine Familie
       fasste es zwar als Provokation auf, wir machten uns aber eher darüber
       lustig, als uns Sorgen zu machen. Trotzdem gab es mir ein Gefühl von
       Unwohlsein: Durch die Plakate war die Bedrohung näher gerückt und
       sichtbarer geworden.
       
       Wut verspürte ich auch, als mein Lehrer im Sportleistungskurs beim Thema
       Doping die kenianischen Langstreckenläufer*innen als Beispiel nahm
       und sagte: „Die ernähren sich da unten auch nicht nur von Reis und Wasser“
       – mit einem Lächeln im Gesicht, weil er schon wusste, dass ein paar meiner
       Mitschüler*innen über seine Bemerkung lachen würden. Denn, ja klar, in
       „Afrika“ gibt es nur Reis und Wasser und sonst nichts – da müssen die
       „Afrikaner*innen“ ja irgendetwas Leistungssteigerndes genommen haben, um
       gute Läufer*innen zu sein.
       
       ## Die Wut orchestrieren
       
       Ich wollte damals etwas erwidern, aber ich schwieg. Ich hatte keine
       Begriffe, um zu sagen, was an seinen Aussagen falsch war. Alles spannte
       sich in mir auch an, als Mitschüler*innen beim Thema Kolonialismus in
       Geschichte das N-Wort benutzten und danach diskutierten, was denn die
       „politisch korrekte“ Bezeichnung für Schwarze Menschen wäre. Ich bekam
       alles mit, hörte, wie meine weißen Mitschüler*innen über
       Begrifflichkeiten redeten, die mich betrafen, aber konnte nichts sagen,
       weil ich selbst noch keinen Begriff dafür hatte. Auch das machte mich
       wütend.
       
       Die Schwarze Schriftstellerin Audre Lorde beschrieb, was in uns brodelte,
       in ihrem Essay „Vom Nutzen unseres Ärgers“ so: Wir mussten lernen, schrieb
       sie, „unsere Wut zu orchestrieren, damit sie uns nicht zerriß. Wir mußten
       lernen, uns durch sie hindurchzubewegen und sie zu nutzen: wir mußten Kraft
       und Stärke und Einsicht für unser tägliches Leben aus ihr ziehen.“
       
       Ich war in meinem zweiten Studienjahr, als ich auf den Text aufmerksam
       wurde. Er war eine Erleuchtung für mich, ein Aha-Moment. Denn endlich
       erfuhr ich, dass meine Wut berechtigt ist und es auch gut ist, sie zu
       zeigen. Seitdem halte ich, wenn es mir das wert ist, bei rassistischen
       Bemerkungen verbal dagegen. Denn Wut zu unterdrücken hat das Potenzial,
       sich selbst zu erdrücken.
       
       Wut wird oft mit Aggression gleichgesetzt, aber es gibt noch so viele
       andere Arten, sie zu äußern – und sie ist nicht immer laut. Man kann sie
       auch durchs Schreiben ausdrücken, durch Proteste, Demos, durchs
       Aussprechen. Wut ist wichtig. Wut auszudrücken ist wichtig. Wut hat eine
       Daseinsberechtigung, und sie ist auch politisch.
       
       Das alles erfuhr ich, als ich nach Bremen gezogen war, um dort Germanistik
       und Musikwissenschaften zu studieren. In einem Germanistikseminar sprach
       mich die einzige Schwarze Kommilitonin außer mir auf die Black Student
       Union (BSU) Bremen an. Nach dem ersten Treffen war ich überwältigt, so
       viele Schwarze Menschen in einem Raum zu sehen, die sich aktivistisch
       engagierten! Ich lernte tolle Menschen kennen, unter denen ich mich schnell
       wohlfühlte und die ich bewunderte. Seitdem wusste ich, was Empowerment
       bedeutet.
       
       Die BSU Bremen war die erste ihrer Art in Deutschland und wurde von
       Schwarzen Studierenden gegründet. Sie veranstaltete Lesekreise, in denen
       wir Texte von Frantz Fanon, dem Combahee River Collective oder Audre Lorde
       lasen. Texte von Schwarzen Aktivist*innen und Schriftsteller*innen, die
       die Mehrheit von uns im sonstigen Universitätsalltag vermisste. So auch
       Sojourner Truth’ beeindruckende Rede „Ain’t I a Woman?“. Die Schwarze
       Frauenrechtlerin und Abolitionistin thematisierte darin zum ersten Mal die
       Mehrfachdiskriminierung von Schwarzen Frauen, die etwa von weißen
       Feminist*innen rassistische und aus der eigenen Community sexistische
       Diskriminierung erfuhren.
       
       In der BSU lernte ich, dass die Phänomene, die ich in meiner Schulzeit
       erlebt hatte, tatsächlich Dinge sind, die benannt werden können. Im Laufe
       meines Studiums, als ich anfing, strukturelle Diskriminierung zu sehen und
       durch Gruppen Empowerment und Bestätigung bekam, lernte ich Begriffe wie
       Intersektionalität, also die Verschränkung von verschiedenen
       Diskriminierungsformen, zu verstehen und zu nutzen. Rückblickend kann ich
       einige Erfahrungen nun benennen und habe verstanden, wie wichtig Community
       ist und welches Glück ich hatte, dass ich in meiner Kindheit und Jugend
       nicht alleine war.
       
       ## In Gemeinschaft stärker
       
       Denn ich hatte meine Eltern und meine älteren Geschwister, die mir sagten,
       was ich erwidern konnte, wenn mich eine Person beleidigte. Ich hatte meine
       Schwestern, die genau wussten, von welchen Gefühlen ich sprach, wenn ich
       erzählte, dass mir wieder mal fremde Kinder in die Haare gefasst hatten.
       Und ich hatte meine Zwillingsschwester immer um mich. Wir waren immer zu
       zweit und mussten die Rassismuserfahrungen nicht alleine durchstehen.
       
       Miri konnte ihre Erfahrungen und ihre Gedanken dazu nicht mit ihrer Familie
       teilen. Sie war die Einzige, die sie nicht ignorierte. Ihr Vater und ihr
       Bruder konnten sie nicht verstehen. Ihre Mutter wollte sie nicht verstehen.
       Nur mit ihrer Tante konnte sie sich austauschen.
       
       Auch Stephanie empfindet so. Sie wuchs in einem Dorf in Schleswig-Holstein
       mit ihrer Mutter, einer Person of Color, und ihrem weißen Vater auf.
       Dadurch, dass sie die Rassismuserfahrungen mit ihrer Mutter teilen konnte
       und Unterstützung von ihr erhielt, wuchsen die beiden enger zusammen.
       
       Virginnia wurde als einzige Schwarze Person in einer weißen Pflegefamilie
       in einem nordrhein-westfälischen Dorf groß. Für sie war ein anderes
       Schwarzes Mädchen im Dorf eine Bezugsperson, sagt sie. Sie waren zwar nicht
       befreundet, aber immer, wenn sie bei ihr und ihrer Schwarzen Familie zu
       Besuch war, spürte sie ein anderes Gefühl von Zugehörigkeit – das war ihre
       „Community“.
       
       Und jede Community braucht ihren Safe Space. Unserer war unser Zuhause, wo
       wir tun und lassen konnten, was wir wollten; der Hof, auf dem meine
       Zwillingsschwester und ich mit unserem Vater Fußball spielten, auf dem ich
       von meinen Geschwistern Basketball lernte, ohne dass ältere Jugendliche
       kamen und den Platz für sich beanspruchten oder dumme Sprüche machten. Wir
       hatten viele Bäume, auf die wir klettern konnten, und einen Garten hinter
       dem Haus, der von Bäumen und Büschen gesäumt war, sodass wir dort unter uns
       waren. Hier konnte ich abschalten von allem, was sonst um mich herum
       passierte. Hier konnte ich herumalbern, diskutieren, lachen, Freundschaften
       vertiefen, die bis heute anhalten. Sie sind neben dem Besuch meiner Eltern
       ein Grund, warum ich immer wieder aufs Dorf fahre.
       
       ## Nicht den Mund halten
       
       „Wenn ich mit dem Wissen und Selbstbewusstsein von heute noch mal in der
       Schule wäre, dann würde ich meinen Mund aufmachen und viel mehr
       kritisieren“, sagen meine Schwarzen Freund*innen, Freund*innen of Color
       und ich heute. „Wenn ich mit dem Wissen, das ich heute habe, noch mal in
       mein elfjähriges Ich vom Dorf in Thüringen schlüpfen würde, wäre ich der
       unglücklichste Mensch auf Erden“, sagt Miri. Denn die rassistischen
       Strukturen, die für sie als Kind noch nicht zu überblicken waren, hätten
       sie zerrissen: zu wissen, dass man eigentlich nicht erwünscht ist, sondern
       nur geduldet wird – oder nicht einmal das.
       
       Miri würde ihre Kinder, wenn sie welche bekommt, deshalb auch in einer
       Stadt großziehen, sagt sie. Die Freiheit und Unbeschwertheit, die man auf
       dem Dorf genießen kann, wiegen weniger als die Aussicht, sich die Leute,
       mit denen man sich umgibt, aussuchen zu können. Denn das Dorf ist eine Welt
       für sich, die oft noch nach Regeln funktioniert, die in den Städten
       längst gestrig sind. „Selbst wenn man seine Kinder dann antirassistisch
       und feministisch erzieht, läuft man im Dorf gegen eine Wand. Das Denken ist
       da immer noch genauso wie vor zwanzig Jahren“, sagt Miri. Und auch die
       meisten anderen meiner Gesprächspartner*innen schildern, dass bei
       ihnen auf dem Land eher eine „Früher war alles besser“- oder „Das war schon
       immer so“- Stimmung vorherrsche.
       
       Doch es gibt auch heute noch Schwarze Menschen, die ganz bewusst wieder
       raus aufs Dorf ziehen. Meine ältere Schwester lebte über 20 Jahre in Berlin
       und entschied sich vor einigen Jahren, aufs Land zurückzugehen, wo sie
       jetzt mit ihrer Familie lebt. Sie kann sich inzwischen nicht mehr
       vorstellen, in einer Stadt zu wohnen. Auch mein Vater, der in einem kleinen
       Dorf in Gambia aufwuchs, würde nur noch in eine Stadt ziehen, wenn er dort
       seine Kumpel hätte. Die Gartenarbeit würde ihm fehlen und auch die Ruhe und
       entspannte Atmosphäre.
       
       Würde ich meine Kinder auf dem Dorf großziehen? Will ich noch mal auf dem
       Land leben? Würde ich anderen Menschen raten, ihre Schwarzen Kinder auf dem
       Dorf großzuziehen, wenn sie mich fragen?
       
       Das weiß ich noch nicht. Ich weiß aber, dass ich es nicht bereue, auf dem
       Land aufgewachsen zu sein – im Gegensatz zu den Annahmen vieler. Für mich
       war mein Dorf der schönste und sicherste Platz der Welt.
       
       Niemand kann sich aussuchen, an welchem Ort sie oder er geboren wird. Ich
       hatte Glück, dass es in einem guten Dorf war, und ich wünschte, dass noch
       mehr Schwarze Menschen und Menschen of Color so schöne Erinnerungen mit
       einem Landleben in Deutschland verbinden wie ich.
       
       1 Aug 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.deutschland.de/de/topic/leben/stadt-und-land-fakten-zu-urbanisierung-und-landflucht
   DIR [2] https://www.destatis.de/DE/Service/Statistik-Campus/Datenreport/Downloads/datenreport-2021-kap-1.pdf?__blob=publicationFile
   DIR [3] https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61646/migrationshintergrund-i
       
       ## AUTOREN
       
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       Räume im Thünen-Institut hat erforscht, wie die Nahversorgung funktioniert.
       
   DIR Zweite Staatsbürgerschaft: Ich, jetzt auch Lettin
       
       Die Autorin hat einen lettischen Namen, ansonsten weiß sie fast nichts über
       das Land ihrer Vorfahren. Dennoch entschied sie sich für den zweiten Pass.
       
   DIR Protest gegen AfD an Berliner Schule: Kein Schulhof für Nazis
       
       Am Robert-Blum-Gymnasium protestieren Jugendliche gegen eine Veranstaltung
       mit der AfD. Die Schulleitung sagt die Podiumsdiskussion daraufhin ab.
       
   DIR Stolpersteine für Schwarze Deutsche: „Sterilisiert und in Lager gesteckt“
       
       An die Verfolgung Schwarzer Deutscher unter dem NS-Regime wird bisher kaum
       erinnert. Dabei waren sie gezielte Opfer, sagt Forscher Robbie Aitken.
       
   DIR Shitstorm gegen Baerbock wegen N-Wort: Gepflegte Feindbilder
       
       Grünen-Chefin Baerbock benutzt in einer Talkshow das N-Wort und bittet vor
       Ausstrahlung um Entschuldigung dafür. Es folgt: ein rechter Shitstorm.
       
   DIR Der erste PoC-Kandidat der Berliner CDU: „Ich hab so ein Problem mit Quoten“
       
       Joe Chialo tritt im Wahlkreis Berlin-Spandau für den Bundestag an. Ein
       Gespräch über Rassismus, das Musikbusiness und das „C“ im Namen seiner
       Partei.
       
   DIR Deutscher in Kamerun inhaftiert: 22 Monate Gleichgültigkeit
       
       Fast zwei Jahre saß Wilfried Siewe in Kamerun unschuldig im Knast.
       Vernachlässigte das Auswärtige Amt seinen Fall, weil er schwarz ist?
       
   DIR Das Mädchen, das „Leila Negra“ war: Nichts war normal
       
       Als schwarzes Kind in Nazi-Deutschland musste Marie Nejar in
       NS-Propagandafilmen mitspielen. In der Nachkriegszeit tingelte sie als
       „Leila Negra“ durchs Land.