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       # taz.de -- Kieler Fotoausstellung über 1967: Als die Blumenkinder starben
       
       > Die Kieler Stadtgalerie widmet sich der Hippie-Bewegung im Jahr 1967.
       > Dazu stellt sie den Musik- und Dokumentarfotografen Jim Marshall vor.
       
   IMG Bild: Von den Beatniks bis zu den Hells Angels waren alle da: 1967 im Golden Gate Park in San Francisco
       
       Kiel taz | Anfang Oktober war schon wieder alles vorbei. Es gab noch eine
       letzte Pressekonferenz, die Journalisten saßen im Jackett vor ihren
       tragbaren Tonbandgeräten und nahmen auf, was man ihnen und damit der Welt
       zu sagen hatte: [1][Die Hippie-Bewegung ist tot!] Sie habe sich selbst
       erledigt, während sie ihren Aufschwung genommen habe, sei versunken in der
       banalen Popularität des Trends, woran nicht zuletzt die Medien mit ihrem
       Sensationsdrang schuld gewesen seien.
       
       Es folgte am Nachmittag eine wilde Prozession, bei der nicht nur in einem
       Sarg ein Meer von Blumen zu Grabe geleitet wurde, sondern auch einer der
       ihren durch die Straßen getragen, auf einem Holzkreuz liegend, beinahe wie
       einst der Sohn Gottes. Das Kreuz wurde verbrannt, die enttäuschten Anhänger
       tanzten zum Abschluss noch einmal verzückt im Kreis. Es würde schon
       irgendwie weitergehen. Vielleicht.
       
       Der [2][Musikfotograf Jim Marshall] war selbstverständlich mit seiner Leica
       dabei – an jenem heute legendären 6. Oktober des Jahres 1967. Er hatte in
       den Jahren zuvor [3][in New York die Akteure der dortigen Jazzszene
       abgelichtet], war in die kleinsten und engsten Keller abgestiegen; dann
       aber hatte es ihn nach San Francisco verschlagen, wo am 14. Januar im
       Stadtteil Haight-Ashbury im dortigen Golden Gate Park das „[4][Human
       Be-in]“ stattfand: 30.000 Besucher zog er an, der Mix aus Konzert, Lesung
       und Demonstration, auch Verkündigung und Treffen in einem.
       
       „Fragt man nach dem Start der Hippie-Bewegung, nennen die meisten das Jahr
       1969 und als prägendes Festival ‚Woodstock‘“, sagt Peter Kruska, Leiter der
       Kieler Stadtgalerie, dem es selbst so ergangen sei. Dass tatsächlich alles
       zwei Jahre zuvor startete wenn nicht gar schon wieder endete: Das zeigt nun
       [5][die Fotoausstellung „Summer of Love“], eine Übernahme aus der City Hall
       von San Francisco immerhin verbindet seit 2017 eine Städtepartnerschaft
       Kiel und, eben, jene Stadt in Nordkalifornien.
       
       So geht es Raum für Raum, Monat für Monat, am Jahr 1967 entlang. Marshall,
       der sich nie als klassischer Fotograf, sondern als Reporter mit Kamera
       verstand, zeichnet seine beständige Nähe zum Geschehen und dessen
       Protagonisten aus. Er steht vor der Bühne und nimmt die Position des
       gemeinen Publikums ein; er steht auf der Bühne und fotografiert ins
       Publikum; lichtet die verzückt sich drehenden jungen Leute beim
       Nachbarschaftskonzert ab, während in den hinteren Reihen das
       mittelbürgerliche Publikum noch abwartend die Arme verschränkt hält, aber
       zumindest schon mal zuschaut.
       
       Absolut auffällig: [6][Marshall dokumentiert eine offenbar grundlegend
       friedliche Stimmung], eine von heute aus gesehen fast schon verdächtig
       wirkende Idylle zwischen verschiedenen sozialen Gruppen: den [7][Beatniks]
       und den Hells Angels, den Zaungästen und den „[8][Diggers]“, jener
       politischen Hippie-Hardcore-Fraktion, die sich Großes erhoffte, wenn es nur
       alles für alle umsonst geben würde. Und nirgendwo sieht man Absperrgitter,
       sieht man Ordner oder Aufpasser, die sich den Fans rüde in den Weg stellen
       und einen auf wichtig tun.
       
       Dass sie nicht bleiben wird, die heitere Stimmung vom lockeren Aufbruch,
       auch das zeigt sich: Der Protest gegen den Vietnamkrieg macht sich auf den
       Weg, und nun sehen wir die Polizei mit ihren schweren Motorrädern
       vorfahren, wenn sie auch noch vergleichsweise harmlos gekleidet sind, wie
       eben aus einer anderen Welt.
       
       Spannend auch ein Schnappschuss Marshalls auf einen Mann mit
       heruntergelassenen Hosen, der ausgestreckt auf einer Liege eben liegt,
       während ihm eine Frau im adretten weißen Pulli und mit Goldarmband eine
       Spritze setzt: Die ‚Free Clinic‘ bot damals allen eine kostenlose
       medizinische Versorgung, fragte nicht nach Herkunft und Status, übte sich
       so im Ideal einer Gesellschaft, in der man für den anderen da ist und ihm
       hilft, entsprechend misstrauisch beäugt von der Regierung.
       
       Man kann die Ausstellung aber ebenso [9][erst einmal schlicht als Musikfan]
       ansehen und entsprechend genießen. Jefferson Airplane treten an, die Band
       Greatful Dead, [10][die vergessenen Moby Grape] und dann – [11][Janis
       Joplin]. Da sitzt sie, noch mitten im Publikum; eine junge, fast schüchtern
       wirkende Frau, die damals noch mit ihrer Band den Erfolg suchte, die auf
       einen recht sperrigen Namen hörte: „Big Brother and the Holding Company“.
       Auf dem Monterey-Pop-Festival Mitte Juni wird sie einen ersten, größeren
       Auftritt haben und dann geht alles wie von selbst und drei Jahre später ist
       sie nicht mehr am Leben.
       
       Und auch von Jimi Hendrix gibt es ein berührend entspanntes Bild vom Star
       als normalem Festivalgänger, der zuschaut, so wie man ihm zuvor zugeschaut
       hat. Auch das wird sich ändern, dazu gibt es eine passende Anekdote, die
       sich gut weitererzählen lässt: „Kurz vor seinem Auftritt auf dem
       Monterey-Festival hat Hendrix Jim Marshall gefragt, ob er auch genügend
       Filmmaterial dabei hätte – denn es würde diesmal etwas Revolutionäres
       passieren“, erzählt Kruska.
       
       Und auf dem [12][heute ikonographischen Foto, wo Hendrix auf dem Boden
       kniet, vor sich seine brennende Gitarre], sieht man nun deutlich, was der
       Gitarrenmeister etwas versteckt in seiner linken Hand hält: ein Fläschchen
       mit Feuerzeugbenzin.
       
       Immer wieder zeigt sich so Marshall sowohl als behutsamer
       Dokumentarfotograf, der sich dennoch nicht von der Auftragsfotografie
       trennen wird, was seinen Preis hat: Denn so sympathisch seine Alltagsbilder
       immer auch sind, er bedient eben auch von Anfang an die Bildwelten der sich
       neu aufstellenden Musikindustrie, die es bis heute so locker vermag, den
       Aufruhr dank seiner gleichzeitigen Verwertbarkeit zu nutzen.
       
       Dann sieht man seine Band-Protagonisten sich brav vor der amerikanischen
       Flagge aufstellen und es ist fast, als hätten sie sich die langen Haare
       noch mal schnell gekämmt.
       
       So liefern seine privaten Schnappschüsse der aufstrebenden
       Kalifornien-Bands bald das Material für den globalen Fan, der glaubt,
       seinem Idol nah zu sein, wenn er es nur anschaut. Apropos Musik:
       Angenehmerweise hat die Stadtgalerie darauf verzichtet, von irgendwo her
       Musik aufspielen zu lassen. Man hört den Sound jener Jahre ja auch so.
       
       ## Knallbuntes Ende
       
       Stattdessen bietet sich für den Informationsbedürftigen ein
       [13][Dokumentarfilm über Jim Marshall] an, der durch sein Leben führt, ihn
       manches erzählen und erklären lässt, sodass eine weitere Zielgruppe
       glücklich werden dürfte: alle, die sich für Fotografie-Geschichte
       interessieren und von Jim Marshall noch nicht gehört hatten.
       
       Und überhaupt: Man sieht sich mal wieder eine so richtig schöne
       Schwarz-Weiß-Foto-Ausstellung an. Weshalb es passt, dass eines der letzten
       Bilder der Ausstellung knallebunt daherkommt: [14][ein Porträt des Sängers
       Donovan, eine Doppelbelichtung aus seinem Gesicht und Floralem]. Von hier
       aus ist es nun nicht mehr weit zur Pril-Blume, die hierzulande bald für ein
       wenig Frische auf den Kacheln kleinbürgerlicher Küchen sorgt.
       
       10 Jul 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Geschichte-des-Summer-of-Love/!5415784
   DIR [2] https://www.jimmarshallphotographyllc.com/
   DIR [3] https://www.theguardian.com/artanddesign/2016/sep/03/jazz-festival-rock-jim-marshall-photographer-monterey-newport
   DIR [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Human_Be-In
   DIR [5] https://www.kiel.de/de/kultur_freizeit/museum/_kalendereintrag.php?279793
   DIR [6] https://www.goodreads.com/book/show/23668241-the-haight
   DIR [7] /!1348985/
   DIR [8] https://en.wikipedia.org/wiki/Diggers_(theater)
   DIR [9] https://www.rollingstone.com/music/music-lists/love-and-haight-jim-marshalls-iconic-sixties-san-francisco-photos-19403/im-from-rolling-stone-239264/
   DIR [10] https://www.youtube.com/watch?v=YcanG_FIdt0
   DIR [11] https://www.media.jimmarshallphotographyllc.com/sf-proclaims-jim-marshall-day-0
   DIR [12] https://www.artsy.net/artwork/jim-marshall-jimi-hendrix-setting-his-guitar-on-fire
   DIR [13] https://www.youtube.com/watch?v=cpNHlrM0erg
   DIR [14] https://www.liveauctioneers.com/item/70960961_donovan-jim-marshall-sixties-poster
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Frank Keil
       
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