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       # taz.de -- Neues Album von Grüner Star: Punk für die Partei der Arbeit
       
       > Mit ihrem neuen Album „Hauptsache, es bleibt friedlich“ lotet die
       > Hamburger Punkband die Gemengelage zwischen Pop und deutschen Texten aus.
       
   IMG Bild: Galao ist der neue Punk: Grüner Star
       
       Es gibt Alben, die erst ein paarmal durchlaufen müssen, und selbst dann
       findet man zu mancher Musik keinen Zugang. „Hauptsache, es bleibt
       friedlich“, das Zweitwerk der Hamburger Allstar-Band Grüner Star, klingt
       hingegen vom ersten Ton an äußerst vertraut, sofern punkiger
       [1][Gitarrenpop] der letzten Dekaden nicht komplett an den geneigten
       Hörer:Innen vorbeigegangen ist.
       
       Verantwortlich dafür, dass die euphorische Atmosphäre bis zum Schluss
       anhält, ist ein Quartett, dessen Besetzung dem Who’s who des hanseatischen
       Punk-/Indie-Undergrounds der letzten 30 Jahre entspricht: Man kennt die
       vier Musiker (Andreas Reth, Florian Gelling, Nils Schuhmacher und Stephan
       Fust)
       
       durch ihr Mitwirken bei Graf Zahl, Die Charts, Abbau West, Concorde, Der
       Fremde, Tusq, Venus Vegas und Schneller Autos Organisation; Bands, die über
       Hamburg hinaus Fans haben und doch nur ein kleiner Aktivitäten-Ausschnitt
       des Schaffens der beteiligten Künstler:Innen darstellen.
       
       „Kennt ihr mich noch von früher?“, fragt folgerichtig Sänger Nils
       Schuhmacher, doch nicht etwa im Auftaktsong, sondern erst, als das Album
       von Grüner Star schon fast sein Ende erreicht hat. Es ist die verspätete
       Einladung, ihn an einen besseren Ort zu begleiten: „Ich nehm den nächsten
       Bus / Ich nehm das nächste Rad / Ich fahr an einen Ort, der mehr als einen
       Ausgang hat“, heißt es weiter, und selbstverständlich sind wir da schon
       längst mit Schuhmacher und Grüner Star unterwegs in viele Richtungen.
       
       Es ist mehr als nur die Erfahrung der Musiker, die das Hören dieses Albums
       zu einem maximal stilsicheren Erlebnis werden lässt. Tief verwurzelt im
       angloamerikanischen Indie-Underground, haben Grüner Star ganz
       offensichtlich [2][Wipers,] die frühen Guided By Voices und Pavement gehört
       und auch verstanden. Sie teilen auch deren unaufgeregte Attitüde, eine
       Haltung, die weder nach Zeitgeist noch Erfolg ausgerichtet ist und
       Lo-Fi-Sound mischt mit dem in all den Jahren des Musikmachens erworbenen
       Wissen und Selbstbewusstsein zum musikgewordenen Mittelfinger namens
       „Hauptsache, es bleibt friedlich“.
       
       Der Sound von Grüner Star besticht durch punkige Rotzigkeit und Druck.
       Aufgenommen sind die Songs im Studio von [3][Mense Reents] (Goldene
       Zitronen), dessen Aktivitäten am Mischpult des bundesdeutschen Undergrounds
       einen eigenen Artikel füllen würden.
       
       ## Anti-strategisch im Übungsraum
       
       Es geht bei Grüner Star weniger um strategische Positionierungen, ihr Album
       klingt, als mache die Band in erster Linie Musik für sich und schert sich
       nicht, ob vor der Tür des Übungsraums jemand davon Notiz nimmt. Und so kann
       Schuhmacher uns auch die Eingangsfrage kurz vor Schluss stellen, denn er
       weiß, wer will, verfolgt das Schaffen von Grüner Star schon seit dem ersten
       Song.
       
       Mit Fug und Recht darf Schuhmacher auch als einen der unterschätztesten
       Texter und Sänger deutschsprachiger Poppunksongs bezeichnet werden.
       „Hamburg und [4][Mannheim], Köln, wir werden uns niemals wiedersehen / Ich
       hab noch ’nen Gruß von dir / Hast du noch den Brief von mir? / Und was da
       drinsteht, das ist harmlos und verjährt“, singt er.
       
       Wer seinen markanten Gesang nicht den Vorgängerbands zuordnen kann, der
       kann sich von der Kombination aus eigenwilligen Texten und fetzigen Punk-
       und Popsongs mitreißen lassen. Seine Texte lassen Raum für lakonische
       politische Bekundungen („Ich bin ein einfaches Mitglied / in der Partei der
       Arbeit“), aber sie driften glücklicherweise nie in fades
       Befindlichkeitsgewinsel ab und wecken somit angenehme Erinnerungen an die
       norddeutsche Punk-Tradition zwischen Turbostaat, [5][Oma Hans] und
       Dackelblut. Mit dem Album „Hauptsache, es bleibt friedlich“ von Grüner Star
       kann man nichts falsch machen.
       
       31 May 2021
       
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   DIR Kevin Goonewardena
       
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