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       # taz.de -- Nachruf auf Eric Carle: „Raupe Nimmersatt“-Autor ist tot
       
       > Ohne ihn würde es den konsumkritisch interpretierten Kinderbuchklassiker
       > nicht geben. Nun ist Eric Carle im Alter von 91 Jahren gestorben.
       
   IMG Bild: Der Kinderbuchautor Eric Carle ist im Alter von 91 Jahren gestorben
       
       Ganz am Ende, wenn die kleine Raupe sich in einen „wunderschönen“
       Schmetterling verwandelt hat, leuchten die Flügel in vielen Farben. Blau
       sieht man in verschiedenen Abstufungen, Grün, Gelb, Rot, Orange, Violett,
       mit erkennbarem Strich und feinen Einsprengseln hingetuscht auf das Papier.
       
       Am Anfang ist die Raupe noch grün gewesen, mit rotem Kopf. Doch dann hat
       sie sich im Fortgang der Geschichte all die anderen Farben angeeignet,
       indem sie sich erst durch Früchte und darauf durch proteinhaltigere Nahrung
       gefressen hat. Durch grüne Birnen und dunkelblau-violette Pflaumen, rote
       Erdbeeren und orange Apfelsinen, einen gelben Käse, eine braune Wurst,
       einen blau-gelb geringelten Lolli, eine giftgrüne saure Gurke und manches
       mehr.
       
       Den sich wiederholenden Schlusssatz der einzelnen Seiten wird nicht mehr
       vergessen, wer Eric Carles Kinderbuchklassiker „Die kleine Raupe
       Nimmersatt“ gelesen hat: „Aber satt war sie noch immer nicht.“
       
       ## Ausdruck des nicht zu stillenden Habenwollens
       
       Eric Carle wurde 1929 in den USA geboren, doch kehrte er Mitte der
       dreißiger Jahre mit seinen Eltern nach Deutschland zurück. Bis 1952 lebte
       er in Stuttgart, wo er in der Akademie der bildenden Künste studierte, dann
       emigrierte er zurück in die USA und wurde Kinderbuchautor.
       
       Bis ins hohe Alter entwarf und zeichnete er, „10 kleine Gummienten“
       erschien noch 2005. Doch er wird vor allem der Autor des Buches „Die kleine
       Raupe Nimmersatt“ bleiben, das auf deutsch 1969 erschien, ein Welterfolg
       wurde und bis heute von Eltern ihren Kindern vorgelesen wird.
       
       „Die kleine Raupe Nimmersatt“ ist im Laufe der Jahrzehnte schon konsum- und
       auch kapitalismuskritisch interpretiert worden, als Ausdruck des nicht zu
       stillenden Habenwollens des Menschen. Aber das muss man nicht so sehen. Es
       ist tatsächlich etwas vom geradezu raubtierhaften Aneignungs- und
       Lebenswillen von Säuglingen und Kleinkindern auf diesen Seiten; die Wirkung
       der Handlung beruht gerade auch darauf, dass das kindliche Wollen nicht
       wegverniedlicht wird. Doch ist es eben eingebunden in eine
       Entwicklungsgeschichte – und in ihr geht es keineswegs nur um eine
       individuelle Verwandlung, sondern um eine Aufnahme der Welt.
       
       ## Buntheit und Differenziertheit der Welt
       
       Ganz am Anfang, noch bevor das „kleine Ei“ der Raupe „nachts im Mondschein“
       auf einem Blatt liegt und bevor auf der nächsten Seite im Schein der
       lächelnden Sonne – „knack“ – die kleine hungrige Raupe schlüpft, sieht man
       eine von Eric Carle hingetupfte Blumenwiese. Alle Farben, die am Schluss in
       den Flügeln des Schmetterlings schimmern, finden sich schon hier, das
       dunkle Gelb, das Helle Grün, die verschiedenen Schattierungen von Blau und
       Rot, das Orange, das Braun und das Violett.
       
       In ihrer individuellen Entwicklungsgeschichte hat sich die kleine Raupe die
       Buntheit und Differenziertheit der Welt angeeignet, es war ihr Hunger auf
       die Welt, der nicht zu stillen war. Und die Sonne – Eric Carle war ein ganz
       wunderbarer Zeichner von freundlichen, den Menschen zugewandten Sonnen –
       lächelt dazu wohlgefällig.
       
       Eric Carle ist, wie jetzt bekannt wurde, am vergangenen Wochenende im Alter
       von 91 Jahren in New York gestorben.
       
       27 May 2021
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Dirk Knipphals
       
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