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       # taz.de -- Struktureller Rassismus im Alltag: Was läuft falsch in Deutschland?
       
       > Der Hamburger Lehrer Philip Oprong Spenner wurde in seiner Schule für
       > einen Einbrecher gehalten und verhaftet. Ein Gastbeitrag zum Thema
       > Rassismus.
       
   IMG Bild: Keine Lust auf weiße Überheblichkeit: Demonstration gegen Rassismus im Juli 2020 in Düsseldorf
       
       Mein Name ist Philip Oprong Spenner. Bis zu meinem 20. Lebensjahr lebte ich
       in Ostafrika, unter anderem als Straßenkind. Heute bin ich Familienvater
       dreier Kinder und Lehrer an einer Schule in Hamburg. Ich bin zudem
       Buchautor sowie Gründer und Vorsitzender eines Vereins, der benachteiligten
       Kindern in Kenia kostenlose Bildung ermöglicht.
       
       Am 22. November 2020 wurde ich als Lehrer an meinem Arbeitsplatz von
       mindestens zehn Polizisten, teils mit gezogener Waffe, quasi überfallen.
       Die Beamten waren angerufen worden: Eine „schwarz maskierte Person“ bewege
       sich verdächtig im Schulgebäude. Dass die Polizei, im Ansatz rassistisch
       motiviert, so reagiert hat, lenkt meiner Meinung nach ab von dem
       eigentlichen strukturellen Problem. Für mich bleibt diese größere Frage:
       Hätte der Polizeieinsatz überhaupt stattgefunden, wenn meine Haut weiß
       wäre?
       
       Noch heute ist im Polizeibericht die Rede von einer „schwarz maskierten
       Person“. Ich habe an jenem Abend aber keine Form von Maske getragen. Es
       scheint also, als wäre meine schwarze Hautfarbe wahrgenommen worden wie die
       Maske eines typischen Einbrechers.
       
       Rassismus bleibt Rassismus, ob mit oder ohne Absicht. Aber was läuft derart
       falsch in unserer Gesellschaft, dass solche Anrufe und andere
       Ungerechtigkeiten – nicht nur in meinem Fall – immer wieder stattfinden?
       Mir geht es weniger um den Anruf an sich. Ohne Frage wollte die junge
       Anruferin Zivilcourage zeigen. Es geht mir um die Reaktion auf eine
       Beobachtung, die zu diesem Anruf geführt hat; und darum, was diese Reaktion
       verursacht hat.
       
       ## Eurozentristische Überheblichkeit
       
       Das Strukturelle daran ist die eurozentrische Überheblichkeit, auf der die
       meisten Begegnungen mit anderen Kulturen basieren und das seit Jahrzehnten.
       Also eine Form der Voreingenommenheit, wonach die eigene Kultur und das
       „Weiß-Sein“ anderen Kulturen oder Gesellschaften überlegen seien; und die
       Überzeugung, dass diese eigene, weiße Kultur unschuldig sei. Nicht nur die
       historische Sklaverei, auch der Kolonialismus bis ins 20. Jahrhundert und
       der heutige Neokolonialismus basieren auf dieser Sicht. Unsere Medien,
       unsere Literatur, auch unsere Schulbücher tragen das Ihre dazu bei.
       
       Ich bin bis zu meinem 20. Lebensjahr unter schwierigen Bedingungen in
       Afrika aufgewachsen. Man muss nur zurückblicken in die Vergangenheit dieses
       wunderbaren Kontinents: Die Befreiungs- und Unabhängigkeitskämpfe nach
       jahrelanger Unterdrückung durch die Kolonialherren waren nur möglich durch
       die vorherige einmalige Begegnung auf Augenhöhe. Eine Begegnung, wie wir
       sie heute mehr denn je brauchen, um die zerstörerische eurozentrische
       Überheblichkeit zu überwinden.
       
       Denn nachdem die Kolonialherren die sogenannte Rassentrennung untermauert
       hatten, stand ihnen plötzlich ein Weltkrieg bevor, in dem alle Kräfte nötig
       waren, um gegen den jeweiligen Feind anzutreten – beispielsweise Briten in
       Kenia gegen Deutsche in Tansania. Hier nun kämpften Weiß und Schwarz,
       Kolonialherr und Unterdrückte plötzlich Seite an Seite. Die lange
       bestehende Hierarchie spielte keine – oder keine so große – Rolle mehr.
       
       Zurück in den Kolonien war dann den Unterdrückten ein Licht aufgegangen:
       Die Mythen um die Überlegenheit und Unverwundbarkeit ihrer Kolonialherren
       stimmten nicht. Im Krieg starben und litten die Unterdrücker genauso wie
       die Unterdrückten. Sie waren nicht besser, wenn es darum ging Tapferkeit zu
       zeigen. Und das Blut unter ihrer weißen Haut war genauso rot. Wir wissen
       heute, dass diese Aufklärung der Unterdrückten eine sehr wichtige Rolle bei
       den späteren Unabhängigkeitskämpfen gespielt hat.
       
       Wie ist das übertragbar hier und heute? Wenn mir ein weißer Kamerad im
       Gospelchor nach Jahren gemeinsamen Singens berichtet, dass er jetzt weiß,
       dass ich eigentlich als Schwarzer gar nicht so gefährlich bin, wie er
       dachte, dann hat unsere Begegnung und Zusammenarbeit seine Vorurteile
       abgebaut. Wir brauchen mehr solcher Begegnung auf gleicher Ebene – zwischen
       den Kulturen, den Gesellschaftsschichten, den Hautfarben, den Generationen,
       den Religionen; wir brauchen sie, um unser Unwissen und unsere Vorurteile
       über die jeweils anderen abbauen zu können.
       
       Geht es nicht persönlich, dann kann diese Begegnung auch aus der Ferne
       stattfinden: durch Literatur, durch vorurteilsfreies Lesen. Unser Urteil
       besteht aus der Summe unserer Erfahrung, diese Erfahrung müssen wir
       dringend erweitern, um Rassismus effektiv zu bekämpfen.
       
       Was können wir persönlich – und was kann die Politik tun, damit mehr von
       diesen für unsere Gesellschaft unabdingbaren Begegnungen stattfinden? Was
       kann getan werden für weniger sogenannte Ghettoisierung in privilegierte
       und nicht privilegierte Stadtteile und stattdessen mehr Annäherung und
       Begegnung auf Augenhöhe? Wir verfangen uns zu oft in der
       Opfer-Täter-Perspektive, wenn es um Rassismus geht. Wir bleiben dabei gerne
       auf der Empörungsebene. Aber dadurch kommen selten konstruktive und
       produktive Lösungen zustande.
       
       ## Leugnung oder Gleichgültigkeit
       
       Wenn ich „den Weißen“ immer nur an dem messe, was seine Vorfahren getan
       haben – oder was gesellschaftliche Strukturen hervorrufen –, ohne
       Lösungsmöglichkeiten oder zumindest eine Annäherung anzubieten, dann führt
       dies bei meinem Gegenüber entweder zu einer rein defensiven und leugnenden
       Haltung oder zur emotionalen Narbe der Gleichgültigkeit. (Ganz abgesehen
       davon, dass dieser Vorwurf ebenfalls nicht verallgemeinert auf alle
       „Weißen“ übertragen werden darf.) Beides – die Leugnung und die
       Gleichgültigkeit – aber ist fatal für die Bewältigung des Rassismus
       weltweit.
       
       Ja, es ist wichtig, dass wir die schlimme und ungerechte Vergangenheit und
       Gegenwart berücksichtigen. Noch wichtiger wird es aber, die richtigen
       Lektionen daraus zu ziehen, damit das Schlimme und die Ungerechtigkeit
       nicht fortbestehen.
       
       Wir so genannt „schwarze“ Menschen oder Persons of Colour, POCs, wollen
       nicht anders behandelt werden sondern gleich, am besten ohne bewusste oder
       unbewusste eurozentrische, „weiße“ Überheblichkeit. Äußerliche Merkmale
       dürfen nicht bestimmen, wie wir behandelt werden – weder in die eine noch
       in die andere Richtung.
       
       22 May 2021
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Philip Oprong Spenner
       
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