# taz.de -- In der Jahrmarktwirtschaft: Ein Heer von Gauklern
> In der Wirtschaftpolitik kommt man sich mitunter vor wie unter
> MarktschreierInnen. Hauptsache laut, Hauptsache zum Staunen.
IMG Bild: Die CDU vergleicht die Grünen mit einem Fliegenpilz: Schön, aber giftig
Wer an der Marktwirtschaft zweifelt, sollte mal auf meinen Wochenmarkt
kommen: „Schöne, schööne Erdbeeren hier“, gibt es da oder „Sparjel und
heimischet Jemüse, lecker und jesund!“, den Stand von Pide und Pasten mit
Migrationshintergrund und dann noch den Blumenhändler mit den unglaublichen
Angeboten: „Ich muss verrückt sein!“
Nur ein paar Gedankenschritte weiter lande ich schnell bei der
Jahrmarktwirtschaft. Da steht gleich am Anfang ein ehemaliger Kohlehändler
aus dem rheinischen Revier. Bis vor einer Woche verkaufte er noch
Kruppstahl-Handbremsen gegen den Klimaschutz und niedliche Schaufelbagger
für große Sandgruben. Jetzt hat er umdekoriert: [1][Höhere CO2-Preise und
mehr Ökostrom], beides früher Ladenhüter. „Klimaneutral deutlich vor 2050“
ist sein neuer Werbeslogan, auch wenn das Modell „2050“ bisher noch gar
nicht geliefert wurde.
Daneben macht sich das vornehm-kühle hanseatische Handelshaus breit, das in
der Vergangenheit gern mal schmallippig „Nö!“ sagte, wenn ein Kunde nach
Klimaschutz fragte. Jetzt brüllt und gestikuliert der oberste Verkäufer:
„Ziele haben ist schön, zu sagen, wie es geht, noch viel schöner!“, sagt es
dann aber doch nicht. Im Keller wird gerade noch ein Transparent seiner
Ex-Chefin versteckt: „Keine Blutgrätsche gegen die Braunkohle“.
Ich gehe weiter und komme zu meinen Lieblingen, den Magiern und Gauklern.
Breitbeinig steht da der Fantastische Franke und trötet in die Menge:
„Klimaneutral bis 2050? Wir sagen 2045 – ach, egal, 2040! Wer will noch
mal, wer hat noch nicht?“
## Neue Taschenrechnerspielertricks
Neben ihm der liberale Robin Hood und Wortakrobat, mit seinem neuen
Taschenrechnerspielertrick beschäftigt: Wie teuer ist der höhere CO2-Preis
für die Armen? Leider verrechnet er sich in der Eile immer wieder. [2][Ein
Doppelwesen aus dem GrünSchwarzwald verspricht, sogar schon bis 2030 bei
Null-Emissionen zu sein]. Dem Publikum steht vor Staunen der Mund offen.
Deshalb vergisst es, dass das Wesen bisher mit leeren Händen dasteht. Es
bestaunt lieber einen fliegenden Händler, der seine saarländische
Windmaschine anpreist: So neuartig beschichtet, dass alle Schuldzuweisungen
abprallen.
Am Ende des Weges steht die junge Bio-Frau und verkauft ruhig ihre Ware.
Der Kohlehändler kommt von hinten und schreit: „Achtung, das sind alles
Fliegenpilze da! Schön anzusehen, aber giftig“, und schwenkt eine
CDU-interne Anweisung. Aber die KundInnen kaufen weiter wie besessen. So
ist das in der Marktwirtschaft. Ich muss verrückt sein.
7 May 2021
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## AUTOREN
DIR Bernhard Pötter
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