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       # taz.de -- Rückgabe von kolonialem Raubgut: Reisefreiheit für die Bronzen
       
       > Ein Spitzentreffen deutscher Museen und Kulturpolitiker beschließt
       > „substanzielle“ Rückgaben von Benin-Bronzen. Historiker äußert sich
       > enttäuscht.
       
   IMG Bild: Raubkunst-Bronzen sind im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) ausgestellt (Archiv 2018)
       
       Berlin taz | Nach einer 60 Jahre währenden Debatte sind Deutschlands Museen
       bereit, die geraubten Benin-Bronzen an Nigeria zurückzugeben. Erste
       Kunststücke sollen bereits im kommenden Jahr restituiert werden. Das
       beschloss am Donnerstagabend eine Gesprächsrunde mit Vertretern jener
       Museen, die solche umstrittenen Objekte in ihren Sammlungen haben, sowie
       ihrer Träger von Bundesländern oder Kommunen, des Auswärtigen Amtes sowie
       der Staatssekretärin für Kultur, Monika Grütters (CDU). „Wir stellen uns
       der historischen und moralischen Verantwortung, Deutschlands koloniale
       Vergangenheit ans Licht zu holen und aufzuarbeiten“, betonte Grütters, die
       zu der digitalen Konferenz eingeladen hatte. „Der Umgang mit den
       Benin-Bronzen ist dafür ein Prüfstein.“
       
       [1][Die Benin-Bronzen] sind ein mehrere tausend Objekte umfassendes
       Konvolut aus Reliefs und Skulpturen, die meisten aus Bronze. Die technisch
       und künstlerisch anspruchvollen Werke aus dem 16.-19. Jahrhundert sind
       Ausweis der westafrikanischen Hochkultur im historischen Königreich Benin
       und zugleich Symbol für Zerstörung und Kulturraub im Kolonialismus. 1897
       eroberten, plünderten und zerstörten englische Soldaten die alte
       Königsstadt, infolgedessen gelangten tausende Bronzen über Handel und
       Kunstauktionen in „westliche“ Museen.
       
       Berlin hat weltweit die zweitgrößte Sammlung mit 505 Objekten, davon rund
       415 aus Bronze. Die größte soll sich im British Museum in London befinden.
       Andere deutsche Museen mit größeren Benin-Beständen sind in Hamburg,
       Stuttgart, Dresden, Leipzig und Köln.
       
       In einer nach dem Treffen veröffentlichten [2][gemeinsamen Erklärung] heißt
       es, „die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekräftigen ihre grundsätzliche
       Bereitschaft zu substanziellen Rückgaben von Benin-Bronzen.“ Sie würden
       „umfassende Transparenz“ über ihre Bestände herstellen und „zeitnah und
       koordiniert“ weitere Gespräche mit Nigeria führen.
       
       ## Umfassende Dokumentation
       
       Grütters kündigte an, dass bis zum 15. Juni kurzfristig eine Aufstellung
       aller im Besitz der deutschen Museen befindlichen Benin-Bronzen im Internet
       veröffentlicht wird. Die Daten sollen auf der Webseite [3][www.cp3c.de] der
       von Bund und Ländern gemeinsam finanzierten „Kontaktstelle für Sammlungsgut
       aus kolonialen Kontexten“ zugänglich gemacht werden. Zudem würden die
       Museen bis Ende des Jahres die Herkunft dieser Kunstobjekte umfassend
       dokumentieren und die Daten dazu ebenfalls auf der Webseite der
       Kontaktstelle öffentlich zugänglich machen.
       
       Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Hermann
       Parzinger, der für Berlin an dem Treffen teilnahm, sagte am Freitag der
       taz: „Es war ein historisches Treffen. Wir haben eine deutschlandweite
       Haltung im Umgang mit den Benin-Bronzen erreicht.“ Es werde zu
       „substanziellen Rückgaben“ kommen, so Parzinger: „Gleichzeitig war man sich
       einig, dass mit der nigerianischen Seite auch besprochen werden soll, wie
       Benin-Bronzen als Teil des künstlerischen Erbes der Menschheit auch künftig
       in Deutschland gezeigt werden können.“
       
       Dagegen zeigte sich der Hamburger Historiker und Experte für
       Restitutionsfragen, Jürgen Zimmerer, enttäuscht. Der taz sagte er: „Statt
       bedingungsloser Verpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst, ist nur vage von
       einem substantiellen Teil die Rede. Wer bestimmt diesen? Man male sich nur
       mal aus, man hätte verkündet, alle Bronzen bis Jahresende zurückzugeben,
       und bittet dann das nigerianische Volk darum, einige Bronzen in Deutschland
       ausstellen zu dürfen“, sagte Zimmerer. Das wäre „eine totale Verkehrung
       kolonialer Herrschafts- und Besitzverhältnisse“ gewesen. Jeden Anschein
       eines „Kuhhandels“ hätte man so vermieden.
       
       Zimmerer sagte: „Die Geste wäre grandios, eines wahrhaft dekolonialen
       Humboldt Forums mit Weltgeltung würdig.“ So bleibe man aber „bei der
       Kabinettspolitik eines Preußenschlosses. Und um die Rettung dieses
       preußischen Disneylands geht es im Grunde. Zugestanden wird nur, was man
       nicht mehr verweigern kann.“
       
       [4][Seit der Unabhängigkeit Nigerias] 1960 fordert das Land – wie andere
       ehemals kolonisierte Länder – seine Kulturschätze zurück, bislang
       vergeblich. Zuletzt war im Zuge der Debatte um das Humboldt Forum erneut
       Bewegung in die Sache gekommen. Im rekonstruierten Berliner Schloss sollen
       ab September auch Benin-Bronzen zu sehen sein. Diese – zumindest ein Teil
       von ihnen – werden wohl bald zurückgehen in ihre Heimat. In Benin-City wird
       in Kooperation mit deutschen und europäischen Museen derzeit ein Museum für
       die Bronzen gebaut. 2022 sollen erste Gebäude fertig gestellt sein.
       
       Kürzlich hatte es auch in anderen Ländern erste Ankündigungen von Rückgaben
       gegeben, etwa von der Universität von Aberdeen in Schottland, dem
       Smithonian National Museum of African Art in Washington D.C. sowie der
       Anglikanischen Kirche. Vollzogen ist bislang keine.
       
       30 Apr 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Debatte-um-Benin-Bronzen/!5762936
   DIR [2] https://www.bundesregierung.de/resource/blob/973862/1902050/38d01f18cd1a3c1f102497ec468f414b/2021-04-29-gemeinsame-erklaerung-data.pdf?download=1
   DIR [3] http://www.cp3c.de
   DIR [4] /Debatte-um-Benin-Bronzen/!5764818
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Susanne Memarnia
       
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