# taz.de -- Streit um Vorlesung in Osnabrück: Canceln ist Kampfsport
> Neurechter Althistoriker? Ein Vortrag Egon Flaigs an der Uni Osnabrück
> sorgt für Streit.
IMG Bild: Symbolfoto, ganz eindeutig: Auseinandersetzungen an Unis gehen meist weniger drastisch vonstatten
Hamburg taz | Vielleicht hätte es die Welt jenseits von Osnabrück gar nicht
mitbekommen: Das Historische Seminar der Universität, genauer gesagt die
Abteilung Alte Geschichte, hatte einen Fachkollegen eingeladen. Im Rahmen
einer [1][Reihe zu „Macht, Gewalt und Geschlecht“] war der emeritierte,
[2][zuletzt in Rostock lehrende] Althistoriker Egon Flaig angekündigt mit
einem Vortrag über die „Grenzen von Machtkonzepten: Warum sich [3][mit
Bourdieu] keine politische Soziologie der Antike machen lässt“.
Macht, Geschlecht und dann auch noch der Verweis auf den 2002 verstorbenen
Star-Soziologen, der sein Fach mal [4][als „Kampfsport“ bezeichnet] hat?
Gegen so was können doch eigentlich nur ganz konservative akademische
Geister sein, oder? Also solche, die ihre hehre Disziplin frei halten
möchten von allem „Zeitgeist“.
## Protest aus den Gremien
Protest wurde in der Tat geäußert, aber von links: Allgemeiner
Studierendenausschuss (Asta) und Fachschaft wandten sich gegen das
Gastspiel. Flaig sei bekannt für „rechte und revisionistische Ansichten“,
[5][schrieb am 8. April der Asta], und habe etwa behauptet, dass „die
kolonialisierten afrikanischen Staaten sich nur von der Unterdrückung lösen
wollten, um weiterhin das eigene Volk versklaven zu können“. [6][Aus Sicht
der Historiker_innen-Fachschaft] vertritt Flaig „seit Jahren unter dem
Deckmantel der Wissenschaftlichkeit politische Positionen der Neuen
Rechten. Er leistet damit einer menschenverachtenden, diskriminierenden und
rassistischen Ideologie erheblichen Vorschub.“
Flaig hat sich selbst als „aus der linken Ecke“ kommend bezeichnet und
steht innerhalb des Fachs nicht eindeutig für Rückwärtsgewandtes. Aber er
ist auch schon als Experte für die AfD in Erscheinung getreten. Mit der
Partei will er gebrochen haben, als der völkische „Flügel“ um Björn Höcke
dort zu viel Einfluss gewann. 2011, 25 Jahre nach dem „Historikerstreit“ um
die Singularität des Holocaust, forderte er indes gegen den
Sozialphilosophen Jürgen Habermas mehr „Normalität“ für die Deutschen.
So wie Eva Herman, Thilo Sarrazin und Uwe Tellkamp hat er 2018 die
„Gemeinsame Erklärung“ gegen „gegen „illegale Masseneinwanderung“
[7][erstunterzeichnet]. Und im Zusammenhang mit dem Kasseler
Regierungspräsidenten Walter Lübcke äußerte Flaig [8][gelinde gesagt
Missverständliches] über eine Mitverantwortung des Ermordeten.
## Aktivierte rechte Medien
Als nun die Ausladung gefordert wurde, aktivierte das Medien des
konservativen bis hart rechten Spektrums: Hatte ein Text des ehemaligen
Mecklenburg-Vorpommer’schen Wisssenschaftsministers Mathias Brodkorb [9][in
der FAZ] die Sache erst überregional bekannt gemacht, sahen der Blog
„Tichy’s Einblick“ und die Junge Freiheit „Cancel Culture“ am Werk – und
die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr. Worin wiederum die kritischen
Studierenden eine [10][typisch rechte Diskursverschiebung erkannten.]
Auch andernorts ist Flaig schon Anlass für Debatten gewesen, etwa an der
Uni Rostock und der FU Berlin. In Osnabrück nun äußerte die Gastgeberin,
Professorin Christiane Kunst [11][gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung],
sie teile die vom Asta angesprochenen politischen Positionen Flaigs
„keineswegs“. Aber eine mögliche Ausladung nennt sie „in mehrfacher Sicht
problematisch“.
Flaig selbst erklärte gegenüber der NOZ: „Die Kampagne des Asta beruht auf
Verleumdungen und zielt auf Rufmord“, keiner der erhobenen Vorwürfe sei
wahr. Die laut Uni „bereits vor einem Jahr“ geplante Sache fand dann am
Donnerstag statt, online und ohne besondere Vorkommnisse.
24 Apr 2021
## LINKS
DIR [1] https://www.geschichte.uni-osnabrueck.de/abteilungen/alte_geschichte/neues_aus_der_alten_geschichte/veranstaltungen.html
DIR [2] https://www.altertum.uni-rostock.de/institut/mitarbeitende/egon-flaig/
DIR [3] /Pierre-Bourdieus-90-Geburtstag/!5697549
DIR [4] https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/pierre-bourdieu-denker-der-feinen-unterschiede/1810844
DIR [5] https://www.asta.uni-osnabrueck.de/news/2021-08/alte-geschichte-der-uni-osnabrueck-wo-die-neueste-geschichte-einfach-ignoriert-wird
DIR [6] https://www.geschichte.uni-osnabrueck.de/fachschaft/aktuelles.html
DIR [7] https://web.archive.org/web/20180320111022/http://www.deutschlandfunk.de/gemeinsame-erklaerung-autoren-gegen-illegale.2849.de.html?drn%3Anews_id=862742
DIR [8] /Lesung-des-Tumult-Magazins/!5664924
DIR [9] https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/der-asta-der-uni-osnabrueck-will-althistoriker-ausladen-17293520.html
DIR [10] https://www.facebook.com/AStA.Uni.Osnabrueck/posts/3890838894303080
DIR [11] https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/2281184/umstrittener-vortrag-an-osnabruecker-universitaet
## AUTOREN
DIR Alexander Diehl
## TAGS
DIR Hochschule
DIR cancel culture
DIR Neue Rechte
DIR Wissenschaft
DIR Meinungsfreiheit
DIR Osnabrück
DIR Schwerpunkt Rassismus
DIR cancel culture
DIR Lesestück Meinung und Analyse
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Polizei-Seminar an der Uni Hannover: Racial Profiling ausgespart
An der Leibniz Uni hält ein Soziologe und Polizist ein Seminar über
Polizei. Asta und Fachrat kritisieren mangelnde wissenschaftliche Distanz.
DIR Grünen-Aufruf gegen Cancel Culture: Warnung vor „neuer Unfreiheit“
Etwa 30 Grüne wenden sich gegen linke Identitätspolitik und vermeintliche
Cancel Culture. Einer von ihnen ist der Tübinger Bürgermeister Boris
Palmer.
DIR Egon Flaigs Buch über Flüchtlingspolitik: Gegen „unsere Werte“
Egon Flaig kritisiert die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. Er
behauptet, AfD-Wähler würden im Namen des „Gemeinsinns“ handeln.