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       # taz.de -- Autor David Schalko über sein Werk: „Die Mentalität ist sehr alpin“
       
       > „Bad Regina“ heißt der neue Roman von David Schalko. Ein Gespräch über
       > ihn, die Ibiza-Affäre und die konservativen Machtmechanismen in
       > Österreich.
       
   IMG Bild: Wird auch für seine Serienformate gefeiert: der österreichische Regisseur und Autor David Schalko
       
       taz: Herr Schalko, Ihr neuer Roman „Bad Regina“ spielt in einem
       heruntergekommenen ehemaligen Nobelkurort in Österreich, wo nur mehr 46
       Menschen leben. Ein geheimnisvoller Chinese kauft nach und nach die Häuser
       der verbliebenen Einwohner auf. Bad Regina ist ein wenig verschlüsseltes
       Ebenbild von Bad Gastein. Haben Sie mit dem Ort eine Rechnung offen? 
       
       David Schalko: Im Gegenteil. Ich habe ein sehr liebevolles Verhältnis zu
       Bad Gastein weil wir dort in den letzten Jahren stets Urlaub gemacht haben.
       Ein Ort, der mich aufgrund seiner Geschichte interessiert hat und wegen all
       der Legenden, die sich um ihn ranken. Warum er verfallen ist, welche
       Geschichte dahintersteckt …
       
       Bad Regina wird von skurrilen, großteils lebensuntüchtigen Figuren
       bevölkert. Gibt es für sie lebendige Vorbilder? 
       
       Es gibt Vorbilder, die aber nicht unbedingt aus Bad Gastein sein müssen.
       Man braucht immer jemanden vor Augen, damit es eine Wahrhaftigkeit
       entwickeln kann.
       
       Der Held, wenn man ihn so nennen will, ist ein ehemals linker
       Sozialschmarotzer, wie er das Hassobjekt des Jörg Haider oder von
       Heinz-Christian Strache sein könnte. Muss man mit Othmar sympathisieren? 
       
       Dass jemand lauwarmes Bier trinkt und nicht auf der Höhe seines Schaffens
       ist, heißt ja nicht, dass man mit ihm nicht sympathisieren kann. Im
       Gegenteil. Ich finde, gerade ein müder Charakter, der nicht dazu geschaffen
       ist, den Ort zu retten, verdient mehr Sympathie, als jemand, der sich als
       Held aufspielt. Sympathie entsteht ja auch, wenn man jemanden kennenlernt
       und nicht auf sofort mag. Charaktere, die man in Gut und Böse einteilen
       kann, finde ich schwierig. Mensch sein heißt ja auch ambivalent sein. Ich
       finde wichtig, dass sich das widerspiegelt.
       
       Muss man eine Parabel auf die österreichische Seele hineinlesen? 
       
       Muss man nicht. Er ist viel als Parabel gelesen worden, weil die Dinge mit
       dem Selbstverständnis von Europa im 20. Jahrhundert zu tun haben, wo dann
       der Verfall Europas hineininterpretiert wird. Europa verfällt ja nicht, es
       gibt eher einen Kulturkampf und der wird da thematisiert.
       
       Der Ausverkauf an einen mysteriösen Ausländer, die Dekadenz der
       Protagonisten, könnte das auch in einem anderen Land spielen? 
       
       Die Atmosphäre und die Mentalität sind sehr alpin. Aber ob das jetzt in
       Österreich, in der Schweiz oder in Deutschland spielt, ist für die Handlung
       relativ egal. Der Rassismus, der das ganze Buch durchzieht, steckt in den
       Personen drin. Das ist ja in ganz Europa so und hat mit der
       kolonialistischen Vergangenheit und einem kulturellen Überlegenheitsgefühl
       zu tun.
       
       „Der Standard“ schreibt in seiner Rezension, dass man sich das gut im TV
       vorstellen kann. Ist die Verfilmung mitgedacht? 
       
       Das ist in diesem Fall natürlich naheliegend. Mal sehen.
       
       Dem Buch vorangestellt ist ein Hinweis auf die rassistische Sprache mancher
       Protagonisten. Ist heute so eine Trigger-Warnung notwendig obwohl
       wahrscheinlich 90 Prozent der Menschheit keine politisch korrekte Sprache
       benutzt? 
       
       Die Behauptung der Political Correctness hat nicht immer Entsprechung in
       der Realität. Stimmt. Andererseits ist es ja auch ein Kompass der Werte.
       Wir führen diesen Diskurs nur so hysterisch, dass sich andere wiederum
       davon bevormundet fühlen. Was die Gesprächsbasis verhindert und
       Gesellschaften spaltet. Der Trumpismus ist fast ein trotziges Ergebnis
       dieser fundamentalistisch geführten Debatten. Ich weiß nicht, ob das immer
       der richtige Weg ist. Nicht hinter jeder PC steht automatisch Wahrheit.
       Andererseits, aus der automatisch entstehenden Demütigungsmechanik, die
       noch dazu instrumentalisiert wird, entstehen politische Parteien, die
       darauf aufbauen. Und das endet im Antiaufklärerischen.
       
       Was haben wir in den letzten Wochen über die politische Kultur in
       Österreich gelernt? 
       
       Nichts Neues. Die Dinge drehen sich im Kreis. Dass bei uns Korruption ein
       großes Thema ist, ist ja nicht neu. Im Augenblick ist es schwierig über
       Politik zu reden, ohne über Corona zu reden – weil die Politik fast
       ausschließlich mit Corona beschäftigt ist.
       
       Immerhin gibt es den Ibiza-Untersuchungsausschuss, bei dem die
       problematische Haltung der ÖVP gegenüber den Verlockungen
       privatwirtschaftlicher Zuwendungen immer deutlicher herausgearbeitet wird. 
       
       [1][Das Ibiza-Video hat etwas sichtbar gemacht], von dem ohnehin alle
       wussten. Wenn man diese Emporkömmlingsgier, die Politik nur als etwas
       versteht, an dem es sich bereichern lässt, dann aber vorgespielt sieht,
       dann kommt einem schon ordentlich das Grausen. Man darf aber nicht
       vergessen, dass dahinter ein Netzwerk agiert, in dem die Kurz-ÖVP
       wesentlich [2][mehr Macht hat als die FPÖ]. Letztendlich wurde jedes
       machtpolitische Vorhaben aus dem Ibiza-Video durchgeführt – [3][nur eben
       von der ÖVP und nicht von Strache]. Wir haben es jetzt mit einer jungen
       Clique zu tun, die nicht besonders moralbehaftet ist. Man hat ja gesehen,
       dass Gewissen bei denen keine große Rolle spielt. Sonst würden sie es nicht
       ablehnen, ein paar Flüchtlingskinder aus Lesbos aufzunehmen. Vielmehr
       verkaufen sie ihre Hartherzigkeit als Tugend.
       
       Die ÖVP tut etwas Empörendes und dafür geprügelt werden die Grünen. Wieso
       ist das so? 
       
       Das ist das Talent der ÖVP, die Aufmerksamkeit abzulenken. Es ist ja kein
       Zufall, dass da Schulmädchen unter großem Getöse nach Georgien abgeschoben
       werden, wenn man eigentlich darüber reden sollte, welche Festplatten die
       ÖVP schreddern ließ und warum. Man muss nicht verschwörerisch denken, um da
       einen Zusammenhang zu sehen. Die ÖVP hat es immer schon verstanden, von
       sich abzulenken und auf andere zu deuten, wenn etwas schiefläuft. Man kann
       sagen, sie haben ihren Machiavelli gelesen. Den Grünen tut die Coronakrise
       am meisten weh, weil sie ihre Themen nicht durchbringen. Da geht es nicht
       nur um Umweltpolitik, sondern auch um Menschenrechte. Den Grünen wird die
       Härte in der Asyl- und Flüchtlingspolitik natürlich viel stärker
       angekreidet als einer ÖVP.
       
       Wo führt das hin? 
       
       Natürlich fragt man sich an der grünen Basis, warum machen wir das noch
       mit?
       
       Auch Sebastian Kurz hat in den Umfragen etwas verloren. Wird der politische
       Komet demnächst verglühen? 
       
       Das glaube ich nicht. Die Alternativen sind ja nicht zu glänzend,
       andererseits hat man ihm persönlich weder Korruption nachgewiesen noch
       irgendwelche Skandale, die ihn zu Fall bringen könnten. Natürlich ist die
       Ankündigungspolitik immer einfacher als das Tun, das kann man an der
       Coronapolitik deutlich sehen. Aber letzten Endes ist die Situation in
       Österreich auch nicht so katastrophal. Das Scheitern an der Coronakrise
       ist in Deutschland genauso groß wie bei uns oder woanders. Man kann überall
       hinzeigen und sagen, wir sind alle überfordert.
       
       13 Apr 2021
       
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