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       # taz.de -- Neues Album von Camilo Lara: Ode an den Distrito Federal
       
       > „D.F.“, das neue Album von Camilo Laras Soloprojekt Mexican Institute of
       > Sound, ist eine Liebeserklärung an die mexikanische Hauptstadt.
       
   IMG Bild: „Sampling Sommelier“ Camilo Lara (l.) beim Auftritt im Berliner Tempodrom 2018
       
       Bei dem Namen stellt man sich eine gläserne Eingangshalle mit Portier und
       moderne, lichtdurchflutete Büros vor. Das Mexican Institute of Sound (MIS)
       ist aber lediglich ein Einmannbetrieb, hinter dem der Produzent und Musiker
       Camilo Lara steckt.
       
       Der Mittvierziger versorgt uns mittlerweile schon gute 15 Jahre mit
       überdrehten bass-schweren Pop-Collagen, für die Lara regelmäßig
       Versatzstücke der mexikanischen Populärkultur verarbeitet. Das hat ihm auch
       den Titel [1][„Sampling Sommelier“] eingebracht. Bei seinem lexikalischen
       musikalischen Wissen ist die Bezeichnung Sound-Institut also gar nicht mal
       so hochtrabend.
       
       Das Mexican Institute of Sound ist so etwas wie Laras lebenslanges
       Herzensprojekt. Jetzt legt er mit [2][„D.F.“] sein sechstes
       MIS-Studio-Album vor – eine Liebeserklärung an seine Heimat, den früher
       auch Distrito Federal (D.F.) genannten Großraum der Hauptstadt Mexikos. Von
       den Azteken auf Seen errichtet, ist die Cuidad de México heute eine
       vibrierende Metropole mit über 20 Millionen Einwohnern.
       
       Eröffnet wird die Platte mit dem Chorus-gefüllten Song „Se compran“, in dem
       Lara mit seinem lakonischen Sprechgesang die Straßenverkäufer der Stadt
       preist, die lautstark für „Matratzen, Tambores, Kühlschränke“ werben.
       
       ## Tanz das Gegenmittel
       
       In „La Luna de Noviembre“ besingt Lara leise die Schönheit des
       Novembermonds, während der Cumbia „Dios“ Laras Vorliebe für mexikanisches
       Streetfood auf den Punkt bringt: „Sollte ich Gott treffen, würde ich ihn um
       Quesadillas bitten“. Der Song „El Antídoto“ beginnt dann in typischer
       MIS-Manier mit einem stolpernden Intro, bevor Bässe tief brummen und die
       Kolumbianerin La Perla „tanz´ das Gegenmittel“ rappt – was vielleicht nach
       rettendem Impfstoff klingt, aber doch nur eine Aufforderung ist, sich den
       „mythischen Klängen“ hinzugeben, „die dich heilen werden“.
       
       Weitere Gäste auf dem Album sind Dan The Automator von den Gorillaz, die
       Rapperin BIA und Graham Coxon von Blur. Ein Höhepunkt ist das von „Black
       Lives Matter“-inspirierte, mantraartige „My America Is Not Your America“,
       in dem Lara zu Coxons Gitarrenriffs den Kontinent Amerika bewusst von den
       USA abgrenzt.
       
       Seit seinen ersten Mixtapes bastelt Lara Collagen auf Grundlage von
       Breakbeats, Mariachi-Bläsern und trippigen Bässen. Dazu kommen ironisch
       gebrochene Texte, Samples aus dem reichhaltigen Fundus mexikanischer
       Herzschmerz-Musik und Kitschfilmen der 1950er Jahre, Pauken und Trompeten –
       und manchmal auch ein Zitat des Schriftstellers Juan Rulfo („Sie und ich,
       wir alle wissen, dass die Zeit schwerer wiegt als das, was ein Mensch
       ertragen kann“).
       
       2012 gelang Lara dann mit dem Album [3][„Político“] der große Wurf: Der
       Song „México“ über ein Land im Strudel von Gewalt und Korruption wurde mit
       seinem stampfenden Cumbia-Beat zur Hymne einer Protestgeneration – und die
       Nationalfarben umgedeutet: „México, México, ra, ra, ra – Grün wie Marihuana
       / Weiß wie Kokain / Rot dein Blut.“
       
       ## Der letzte Drink
       
       Daneben ist Lara ständig in Projekte eingebunden, welche die Granden der
       mexikanischen Musik würdigen. So war er am Tribut-Album „Un mundo raro“
       (2017) für José Alfredo Jiménez beteiligt – jenen legendären
       Ranchero-Sänger („El último trago“, „Der letzte Drink“), mit dem gemeinsam
       sich die großartige Diva Chavela Vargas fast zu Tode gesoffen hätte (am
       Ende erwischte es aber Jiménez mit nur 47 Jahren zuerst, während Vargas in
       hohem Alter noch späten Erfolg feierte). Kurz darauf produzierte Lara das
       Album „Esto Si Es Cumbia“ der Cumbia Sonidera-Band Los Ángeles Azules –
       eine der erfolgreichsten mexikanischen Platten der letzten 25 Jahre.
       
       Vor Kooperationen mit großen Namen und Unternehmen schreckt Camilo Lara
       ohnehin nicht zurück. Schon 2015 ging er mit Toy Selectah ins Studio, dem
       Mix-Master des in der ganzen Welt „Ghetto-Tech“-Sounds wildernden
       US-Produzenten Diplo. Ihr Album „Compass“ nahmen beide in den Studios des
       Getränkeherstellers Red Bull in New York, London, Mexico-Stadt, São Paulo
       und L.A. auf.
       
       Danach wurde Lara musikalischer Berater für den Disney-Pixar-Blockbuster
       „Coco“ (2018), einen Trickfilm um den „Día de los Muertos“, den Tag der
       Toten, an dessen Oscar-prämierten Song „Remember Me“ Lara mitgetüftelt hat.
       
       Die neue MIS-Platte „D.F.“ ist sperriger und weniger tanzbar als ihr
       Vorgänger „Disco Popular“ (2017). Vielleicht hat das auch mit der (dem
       Alter geschuldeten?) Nostalgie zu tun, mit der er auf die Veränderungen in
       Mexiko-Stadt blickt – im Viertel Roma etwa, von Regisseur Alfonso Cuarón im
       gleichnamigen Film verewigt, wo auch Lara lebt und das eine ähnliche
       Aufwertung wie der Prenzlauer Berg in Berlin erfahren hat.
       
       In Interviews betont Camilo Lara jedenfalls, Mexiko-Stadt bleibe für ihn
       für immer und ewig D.F., der Distrito Federal seiner Jugend, auch wenn sie
       längst umbenannt wurde. Das neue, modische Kürzel CDMX für die Ciudad de
       México komme ihm nicht über die Lippen.
       
       26 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://www.desertofmyeye.com/music/mexican-institute-of-sound
   DIR [2] https://mexicaninstituteofsound1.bandcamp.com/album/distrito-federal
   DIR [3] /Neues-Album-von-Mexican-Institute-of-Sound/!5082669
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ole Schulz
       
       ## TAGS
       
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