URI:
       # taz.de -- Werke von Gerhard Richter für Berlin: Das Multioptionsmuseum
       
       > Pressekonferenz zum Museum des 20. Jahrhunderts. Außer der Zusage der
       > „Gerhard Richter Kunststiftung“ für eine Dauerleihgabe gab es wenig
       > Neues.
       
   IMG Bild: Stand der Planungen für das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum, März 2021
       
       Ob Raubkunst im Humboldt Forum, Reformstau in eigener Sache oder der
       umstrittene Neubau eines Museums des 20. Jahrhunderts (M20): die Stiftung
       Preußischer Kulturbesitz (SPK) produziert derzeit vor allem
       Negativschlagzeilen. Umso größer wurde die Ankündigung, Gerhard Richter
       stelle mehr als 100 Kunstwerke als Dauerleihgaben für das zukünftige M20 am
       Kulturforum in Aussicht, Mitte März als Erfolg gefeiert.
       
       Richter zählt zu den weltweit gefragtesten Künstlern. Eine solche Anzahl
       von Werken für das neue Museum in Berlin zu sichern, darunter [1][sein
       „Birkenau“-Zyklus,] der 2014 in Auseinandersetzung mit von Häftlingen im
       Vernichtungslager aufgenommenen Fotos entstand, ist zweifellos ein Coup.
       
       Die genauen Modalitäten im Vertrag zwischen der „Gerhard Richter
       Kunststiftung“ und der SPK konnte Stiftungspräsident Hermann Parzinger auf
       einer am Montag einberufenen Online-Pressekonferenz zum M20-Thema
       allerdings noch nicht erläutern: An den Verträgen werde derzeit „noch
       gearbeitet“.
       
       Parzinger versprach, dass die „wesentlichen Punkte der Vereinbarung“ nach
       Vertragsunterzeichnung öffentlich gemacht würden. Joachim Jäger,
       kommissarischer Direktor der Neuen Nationalgalerie, betonte, die Werke
       würden für „lange Zeit“ bleiben – als Dauerleihgabe gehören sie dem Museum
       allerdings eben nicht für immer.
       
       ## Die Kooperation hat ihre Tücken
       
       Die Kooperation zwischen öffentlichen Museen und Stifter*innen – in der
       Regel Privatsammler*innen – hat ihre Tücken. Jahrzehnte finanzieller
       und personeller Unterausstattung haben die Museen in die Abhängig von
       Sammlerinteressen gebracht – gerade in Berlin. Schlechte Erfahrungen machte
       man etwa mit Erich Marx, der dem Gegenwartsmuseum Hamburger Bahnhof einst
       einen eigenen Kurator diktierte, der sich auch als Kunsthändler betätigte.
       
       Wo Bund und Länder beim Geld für das museale Sammeln, Ausstellen und
       Vermitteln knausern – und damit Hauptverursacher der Berliner Museumskrise
       sind –, sprudeln die Finanzquellen [2][für neue Bauaufgaben der
       Preußenstiftung]. Aktuell soll das M20 nach Plänen des Schweizer
       Architekturbüros Herzog & de Meuron mit insgesamt 9.000 Quadratmetern
       Ausstellungsfläche rund 450 Millionen Euro kosten.
       
       Der Entwurf sieht eine kompakte Scheunenform mit Satteldach und riesigen
       Schiebetoren vor, in deren Innerem sich zwei sogenannte „Boulevards“
       kreuzen. Wer dabei an ein klassisches Mall-Konzept denkt, liegt nicht ganz
       falsch. Jacques Herzog verspricht „ein vielfältig bespielbares Museum“, das
       „kein großer Dampfer“ sein soll.
       
       Das vorgelegte Nutzungskonzept der SPK setzt denn auch auf einen
       Mischbetrieb. Der Grund für den Neubau, angemessene Präsentationsflächen
       für die Sammlung der Neuen Nationalgalerie zu schaffen, erscheint nur mehr
       als eine Funktion unter vielen in einem Museum, das Angst vor sich und
       seinen Kernaufgaben zu haben scheint.
       
       ## Dezidiert kein Museum der Moderne
       
       Dazu passt eine Namenspolitik, wonach das Haus dezidiert kein Museum der
       Moderne werden soll. Ein eher symbolischer Abschied von der westlichen
       Kulturhegemonie. Denn nach wie vor sollen, so erklärte es Jäger, vor allem
       die um die Sammlungen Pietzsch und Marzona erweiterten Bestände der
       Nationalgalerie zum 20. Jahrhundert gezeigt werden: in
       thematisch-assoziativen Blöcken wie „Ost/West“ und „Körper und
       Rollenbilder“ geordnet.
       
       Mit Kupferstichkabinett und Kunstbibliothek sollen aber noch zwei weitere
       Mitanbieter mit eigenem Programm und sogar eigenen Vermittlungsräumen
       kommen wie einem geplanten „Paper Lab“. Eine wichtige Rolle in der, laut
       Plan, teilweise Tag und Nacht geöffneten Architektur sollen zukünftig die
       Gastronomie spielen sowie frei zugängliche Räume für Konzerte und
       Performances.
       
       Damit mag die Last der Geschichte, die sich ein Museum „des 20.
       Jahrhunderts“ als Teil der Nationalgalerie aufbürdet, heruntermoderiert
       sein. Dennoch schaffen Architektur und Nutzungskonzept ein irritierendes
       Gefälle zwischen der in eigenen Räumen inszenierten „teuren“ und
       „richtigen“ Kunst von Gerhard Richter oder Joseph Beuys und möglichst viel
       „Multioption“.
       
       Fraglich, ob es so gelingt, dem Kulturforum unweit der Potsdamer Platz
       Arkaden Urbanität einzuhauchen – wo der Neubau mit seiner langen
       Klinker-Fassade zur Potsdamer Straße diese keineswegs überbrücken und die
       städtebauliche Situation nur verfestigt wird.
       
       ## Kein Sammlermuseum?
       
       Während Parzinger betonte, das M20 würde „kein Sammlermuseum“ – trotz
       erneuter Aufstellung der Sammlung Marx –, ist die Kooperation mit der
       „Gerhard Richter Kunststiftung“ ein Novum. Das hat auch mit der
       Preisentwicklung auf dem hoch spekulativen Kunst- und Auktionsmarkt zu tun.
       
       Weil im Spitzensegment seit Langem utopisch hohe Preise aufgerufen werden,
       ist es für die öffentliche Hand unmöglich geworden, wichtige Werke aus
       diesem Bereich anzukaufen. Aufgrund der anfallenden Schenkungsteuer sei
       sogar Kunst zu schenken schlicht zu teuer geworden, erklärte Joachim Jäger
       am Montag.
       
       Künstler*innen und Nachlassverwalter*innen gründen daher
       Stiftungen, die als Leihgeber fungierten. Keine gute Nachricht für Museen.
       Sie müssen unabhängige Orte des Sammelns, Forschens und der Vermittlung
       sein und dürfen nicht Verschiebebahnhöfe für Kunst-Leihgaben werden.
       
       Für eigene Ankäufe stehen den drei Häsern der Nationalgalerie aktuell
       65.000 Euro im Jahr zur Verfügung. 1990 hatte der damalige
       Nationalgalerie-Direktor Dieter Honisch dafür immerhin noch einen Etat von
       rund 2 Millionen D-Mark.
       
       31 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Bilder-zur-Unzeigbarkeit-der-Shoah/!5442936
   DIR [2] /Museum-der-Moderne-in-Berlin/!5638685
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hans-Jürgen Hafner
   DIR Kito Nedo
       
       ## TAGS
       
   DIR Museum des 20. Jahrhunderts
   DIR Neue Nationalgalerie
   DIR Kulturforum
   DIR Gerhard Richter
   DIR Stiftung Preußischer Kulturbesitz
   DIR Architektur
   DIR Kulturforum
   DIR Bildende Kunst
   DIR Museen in Berlin
   DIR Neue Nationalgalerie
   DIR Berlin
   DIR Stiftung Preußischer Kulturbesitz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Ökologisches Update für Museumsneubau: Wenn nicht cool, dann richtig grün
       
       Ob das ökologische Update für das Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin
       gelingt, hängt davon ab, wie grün es über die Grundstücksgrenzen hinaus
       wird.
       
   DIR Kulturforum in Berlin: Essensbuden statt großer Ideen
       
       Das Kulturforum rund um Philharmonie und Staatliche Museen verdient den
       Namen nicht. Bei einer Diskussion der Akteure fehlen mitreißende Visionen.
       
   DIR Künstlerbücher von Gerhard Richter: Ist das hier ein Spiel?
       
       Das eigene Werk zerlegen: Das passiert in Gerhard Richters Künstlerbüchern,
       ausgestellt in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.
       
   DIR Reform der Staatlichen Museen in Berlin: Weiter in der Schwebe
       
       Der Hamburger Bahnhof, das Museum für Gegenwart in Berlin, steckt in einem
       schwierigen Strukturwandel. Auch abseits von Corona.
       
   DIR Neue Nationalgalerie in Berlin: Der fehlende Handlungsspielraum
       
       Baustellen der Hauptstadt: Udo Kittelmann, der schillernde Berliner
       Ausstellungsmacher, verabschiedete sich als Direktor der Nationalgalerie.
       
   DIR Klaus Lederer über Kulturpolitik: „Es geht nur im Miteinander“
       
       Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz steckt in der Krise. Ein Gespräch mit
       Kultursenator Klaus Lederer zu Zustand und Zukunft der Berliner Museen.
       
   DIR Zukunft der Preußen-Stiftung: Vorwärts, Reformen
       
       Die Vorschläge für die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bergen
       Zündstoff. Es geht um die Finanzierung und verpasste Debatten.