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       # taz.de -- Diskriminierung in Berlin: Raus aus dem Dunkelfeld
       
       > Trotz pandemiebedingter Einschränkung des öffentlichen Lebens verzeichnet
       > Berlin 2020 mehr rassistische und antisemitische Vorfälle.
       
   IMG Bild: Protest gegen strukturellen Rassismus vor dem Berliner Abgeordnetenhaus, März 2021
       
       Die Zahl der rechten, rassistischen und antisemitischen Vorfälle in Berlin
       hat im Jahr 2020 erneut einen Höchststand erreicht. Die Berliner Register
       listen in ihrem am Dienstag vorgestellten Bericht für das Jahr insgesamt
       3.822 Fälle auf, im Durchschnitt 10 am Tag. 2019 waren es 3.277 Fälle. Ein
       Anstieg zeigt sich insbesondere bei antisemitischer und NS-Propaganda;
       Propagandadelikte machen insgesamt fast 60 Prozent aller gemeldeten Fälle
       aus. Hier gab es gegenüber 2019 eine Zunahme um 576 Taten.
       
       Die Register verzeichneten 372 gewalttätige Angriffe (2019: 390) sowie 632
       Beleidigungen und Bedrohungen (2019: 594). Die Zahl der Vorfälle in diesen
       Kategorien blieb damit trotz weitläufiger Schließungen des öffentlichen
       Lebens auf ähnlichem Niveau wie im Vorjahr. Kati Becker, die Koordinatorin
       der Berliner Register, sieht das darin begründet, dass mehr Betroffene ihre
       Erfahrungen publik machten. Dazu beigetragen haben demnach sowohl
       antirassistische Communityangebote als auch die öffentliche Debatte, etwa
       die Aufarbeitung des Terroranschlags in Hanau sowie die
       Black-Lives-Matter-Bewegung.
       
       Jeff Kwasi Klein vom Projekt EACH ONE, das Anti-Schwarzen Rassismus
       dokumentiert, sieht trotz der gestiegenen Zahl registrierter Vorfälle nur
       einen Ausschnitt der täglichen Diskriminierungserfahrungen von Schwarzen
       Menschen abgebildet. Häufig bleibe rassistische Diskriminierung unsichtbar.
       
       Einen weiteren Trend sieht Kati Becker im Anstieg rechtsextremer und
       antisemitischer Inhalte. Wie die Zunahme von Propagandafällen insgesamt sei
       diese Tendenz auf einzelne Personen zurückzuführen, die täglich Hakenkreuze
       und andere Nazi-Symbole schmierten oder rechtsextreme Sticker verklebten.
       Der Anstieg von antisemitischen Vorfällen habe sich zum großen Teil online
       abgespielt, erklärt Becker: „Unter jedem Beitrag von jüdischen
       Einrichtungen im Internet finden sich antisemitische Kommentare.“
       
       Im Lockdown verteilten sich rassistische Vorfälle zudem dezentraler auf die
       Wohngebiete, betont Becker: „Rassistische Angriffe gab es vermehrt dort, wo
       die Leute leben, wo sie einkaufen.“
       
       Als weitere zentrale Entwicklung sieht der Register-Bericht die
       Veranstaltungen der Corona-Leugner. Zwei Drittel aller gelisteten
       Demonstrationen hatten demnach einen „Corona-Bezug“. Dabei sei es zu einem
       Schulterschluss diverser rechtsextremer Strömungen mit
       Verschwörungsmythiker:innen gekommen. Durch diese gemischte Szene
       sei eine deutlich größere Mobilisierung als in den Vorjahren möglich
       gewesen. Auf allen bisher dokumentierten Anti-Corona-Demos kam es demnach
       zu antisemitischen und Holocaust-relativierenden Aussagen.
       
       Positiv sieht der Bericht indes den Trend, dass Diskriminierungserfahrungen
       zunehmend transparenter würden. Durch die fortgesetzte Dokumentation dieser
       Fälle könnten Probleme wie struktureller Rassismus in Zukunft sichtbarer
       gemacht werden.
       
       31 Mar 2021
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Oscar Fuchs
       
       ## TAGS
       
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   DIR Dirk Behrendt
       
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