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       # taz.de -- LGBT-Szene in Tunesien: Ein Urteil, ein Ziel
       
       > Eine bekannte tunesische Queer-Aktivistin muss ins Gefängnis. Aktivisten
       > kritisieren das Urteil als Teil einer staatlich gelenkten Kampagne,
       
   IMG Bild: Regenbogenflagge nicht überall in Tunesien erwünscht: Demonstrationen zum Frauentag in Tunis 2018
       
       Tunis taz | Ein Gericht in Tunis hat die bekannte Queer-Aktivistin Rania
       Amdouni zu sechs Monaten Haft verurteilt. Das Verfahren wegen Störung der
       öffentlichen Ordnung und Beleidigung von Beamten ist nach Meinung von
       Menschenrechtsaktivisten Teil einer staatlichen Kampagne, um die sozialen
       Unruhen zu beenden, die Tunesien auf dem Höhepunkt der Coronakrise erfasst
       hat. Das Urteil fiel am Donnerstag.
       
       Als die Anwälte der 26-Jährigen am Tag vor dem Urteilsspruch das Zimmer der
       Richterin verließen, waren sie noch sicher gewesen, dass ihre Mandantin
       freigelassen würde. Auch die Aktivisten, die aus Solidarität mit der offen
       lesbischen Amdouni vor das Gericht im Stadtteil Montfleury gekommenen
       waren, waren optimistisch. Wegen der aktuellen Coronaregeln mussten sie vor
       dem Gebäude warten.
       
       Die Anklage wegen Störung der öffentlichen Ordnung beruhe allein auf den
       Aussagen von Beamten in Zivil, die Amdouni in den letzten Wochen auf
       Schritt und Tritt verfolgt hätten, waren sich viele sicher. Unter den rund
       60-LGBT-Aktivisten glaubten viele, die Richterin würde es nicht wagen, in
       Anwesenheit der zahlreichen tunesischen und internationale Journalisten ein
       willkürliches Urteil im Stil von vorrevolutionären Zeiten zu verhängen.
       
       Als Amdouni nach der Verhandlung aus dem Gerichtsgebäude in einen
       vergitterten Polizeitransporter gebracht wurde, brandete Jubel und Applaus
       auf. Doch anstatt in die Freiheit wurde die junge Tunesierin direkt zurück
       in ihre Gefängniszelle gefahren.
       
       ## Keine Bewährung
       
       „Wegen Beleidigung von Polizeibeamten und amoralischen Verhaltens wurde
       keine Bewährung zugelassen“, wundert sich Rechtsanwältin Saida Guarach, die
       zusammen mit 18 Kollegen Amdouni unentgeltlich vertritt.
       
       Einige Aktivisten der LGBT-Szene hatten dagegen bereits in den Tagen vor
       Amdounis Verhaftung am 27. Februar mit einem derart harten Vorgehen der
       Justiz gerechnet. Neben Amdouni waren auch andere prominente Vertreter der
       Szene auf offener Straße verfolgt, in sozialen Netzwerken beleidigt oder
       von Webseiten der Polizeigewerkschaft zum Ziel erklärt worden.
       
       Homosexualität ist in Tunesien strafbar, immer wieder werden harte Urteile
       gegen vermeintliche Schwule und Lesben verhängt. Amdouni geriet jedoch
       offenbar wegen ihrer Rolle in den Solidaritätsdemos mit den rund [1][1.600
       in den vergangenen Wochen verhafteten Jugendlichen] ins Visier der Polizei.
       
       Seit dem 15. Januar kam es in Vororten von Tunis und mindestens einem
       Dutzend anderer Städte wegen der unter anderem coronabedingten
       Wirtschaftskrise immer wieder zu Unruhen. Vielen bei den
       Auseinandersetzungen mit der Polizei inhaftierten Jugendlichen drohen nun
       zweijährige Haftstrafen. Aus Solidarität mit der Jugend aus den
       Armenvierteln gingen ab Februar dann Bürgerrechtsbewegungen im Zentrum von
       Tunis auf die Straße.
       
       ## Repression als Ablenkung
       
       Um die Freilassung der Demonstranten und eine Reform von Justiz und Polizei
       zu fordern, hatte auch der Verein für Gerechtigkeit und Gleichheit, Damj,
       zu einem Marsch auf die Avenue du Bourguiba in Tunis aufgerufen.
       Damj-Aktivistin Rania Amdouni stand jeden Samstag in vorderster Linie vor
       den mit Schlagstöcken und Helmen ausgerüsteten Sondereinheiten der Polizei.
       
       Obwohl es nur vereinzelt zu Gewalt kam, war die Empörung unter den nach der
       Revolution gegründeten Polizeigewerkschaften gegen Amdouni und ihre
       Mitstreiter groß. Vor den mit Farbbeuteln beworfenen Plexiglasschilden der
       Polizisten posierten LGBT-Aktivisten mit bunten Perücken oder als Clowns.
       
       Mit gezielten Verhaftungen begann das Innenministerium Angst unter den
       Organisatoren zu verbreiten. Nach Einschaltung seines Anwaltes kam der
       Studentenführer Montessori bin Salem nach einer Woche Haft frei. Beamte
       hatten dem Vertreter der Studentenorganisation UGET lediglich die Teilnahme
       an einem Protest am 18. Januar nachweisen können. Bei einem Verhör
       präsentierten sie dem Jurastudenten Fotos, die er selbst auf seiner
       Facebookseite gepostet hatte.
       
       Die Studentin Ghafran Sfar wurde festgenommen, weil sie ihren Freund auf
       dem Weg zu dem Protest geküsst hatte. UGET-Leiterin Warda Atiq wurde sogar
       aus einem Taxi heraus verhaftet, in dem sie zusammen mit Freunden auf dem
       Weg zu Vorlesungen war.
       
       Mit einer gleichzeitigen Medienkampagne gegen die schrille LBGT-Szene
       wollen die Sicherheitskräfte von ihrem harten Vorgehen während der sozialen
       Unruhen ablenken, waren sich am Mittwoch viele vor dem Gericht in
       Montfleury sicher.
       
       5 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Justiz-in-Tunesien/!5739167
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Mirco Keilberth
       
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