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       # taz.de -- Geschäfte machen mit der Pandemie: Die Verschwörungsindustrie
       
       > Für manche ist Corona ein Geschäft: Crash-Propheten bieten Münzen an,
       > Anwälte locken mit Klagen gegen Virologen. Reise zu den Heilsbringern der
       > Krise.
       
   IMG Bild: Das Logo auf dem T-shirt steht für „Zeichen der Wahrheit“ aus dem Webshop von Heiko Schrang
       
       Die Augen des Anlageberaters leuchten, als käme jetzt das, worauf er schon
       die ganze Zeit gewartet habe. Er hebt sich aus dem tiefen Lederbürostuhl,
       seine Hand verlässt den Bildausschnitt der Zoom-Konferenz und taucht mit
       einem funkelnden Objekt zwischen Daumen und Zeigefinger wieder auf:
       „Canadian Maple Leaf“, sagt er. Eine „Feingoldmünze“, etwa 1.700 Euro wert.
       Auch Sammlerstücke und eine „Schatzkiste“ für die kleinen Münzen
       präsentiert der Mann jenen, die sich von ihm in Sachen Geldanlage beraten
       lassen.
       
       Der Berater ist Edelmetallverkäufer im baden-württembergischen
       Villingen-Schwenningen. In seinem blau-weiß gestreiften Hemd wirkt er
       harmlos wie ein Versicherungsvertreter. Jemand, der etwas anbietet, das man
       annehmen oder auch ablehnen kann. Doch was er mit ruhiger Stimme referiert,
       ist nicht ganz so harmlos. Er spricht von „manipulierten Goldkursen“, von
       einer „in absehbarer Zeit platzenden Blase“ und einem Börsenkurs, der sich
       dann wieder am Goldwert orientieren werde. Schließlich könnten „die“ ja
       „nicht unendlich viel Geld drucken“, der Tag X richte sich auch danach, wie
       lange „das mit dem Coronagemache noch weitergeht“.
       
       ## Geschäfte mit der Angst
       
       All das macht dem potenziellen Kunden vor allem eines: Angst. Es ist
       dieselbe Sorte Angst, wie sie die Anhänger:innen der
       Coronaprotestbewegung spüren: vor der großen Katastrophe, dem Crash, der
       über sie gebracht wird. Und weil sich mit dieser Angst gut Geschäfte machen
       lässt, haben Unternehmer:innen aller Couleur die Bewegung als
       Geschäftsfeld entdeckt: Sie sammeln Spenden für dubiose Sammelklagen oder
       auch den eigenen Lebensunterhalt, verkaufen Kaffeetassen „für Freidenker“
       und Jacken „für Frieden“, Seminartickets, Bücher oder eben Goldmünzen.
       
       Auf die Frage, was der Edelmetallberater mit „Coronagemache“ meint, schiebt
       er schnell nach, er sei kein Coronaleugner, das Virus existiere ja, „aber
       es sei klar erkennbar“, dass „gewisse Ziele, die gesetzt wurden“, durch die
       Folgen der Pandemie besser umgesetzt werden könnten. Wie zum Beispiel die
       „Abschaffung des Bargeldes“. Er entkräftet: Er wisse, dass das ein wenig
       nach Verschwörungstheorie klinge. Aber er sehe in den Theorien um
       angebliche Seilschaften von Bill Gates und „den Rothschilds“ ein „Fünkchen
       Wahrheit“.
       
       Der Berater ist die zurückhaltende Version seines Chefs Dominik Kettner.
       Der ist einer jener Crash-Propheten, deren Geschäftsmodell auf der
       geschürten Angst vor der „völligen Enteignung“ oder dem „Endspiel der
       Währungssysteme“ fußen. „Das Schiff sinkt“ und „Keiner bleibt verschont“,
       prophezeien Kettner und seine Interviewpartner auf dem Youtube-Kanal von
       „Kettner-Edelmetalle“, dem über 85.000 Menschen folgen, in poppigen
       „Aufklärungsvideos“.
       
       „Die typische Argumentationskette ist: Weil das System insgesamt faul ist,
       muss es zu einem Zusammenbruch kommen und der wird auf dem Rücken des
       kleinen Mannes ausgetragen“, heißt es dagegen beim seriösen Finanztip zu
       den „Crash-Propheten“. Die gezogenen Schlussfolgerungen seien „meistens
       nicht haltbar“. Gleichwohl ist es eine Strategie, die viele
       Kleinanleger:innen dazu bringt, ihre Ersparnisse in Edelmetallen
       anzulegen – ein Geschäft, das in der Coronakrise boomt.
       
       Im März 2020 habe das Unternehmen Kettner vier Stellen im Kundensupport neu
       besetzt, sagt der Berater. Ohne sie wäre das Team aus etwa zehn
       Mitarbeiter:innen in der Flut von Bestellungen und Beratungsanfragen
       „völlig untergegangen“.
       
       Sympathien für die Coronaproteste werden von Kettner und seinen
       Youtube-Gästen offen bekundet – etwa im Video „Wacht auf und habt keine
       Angst mehr!“, in dem Kettner den Biologen Sucharit Bhakdi interviewt. Der
       ist eine Art Kronzeuge der Querdenker:innen. Im Gespräch mit Kettner
       fordert er unter anderem, alle Ärzte zu „bestrafen“, die PCR-Tests zur
       Covid-19-Diagnose verwenden. Das ging selbst Youtube zu weit – der Dienst
       löschte das Video. Für Kettner ein neuer Schlag der „Zensurkrake“.
       
       Auch der Kochbuchautor Attila Hildmann, der wegen Volksverhetzung per
       Haftbefehl gesucht wird, ist auf den Goldzug aufgestiegen. Im Netz wirbt
       Hildmann für sogenannte Siegfried-Taler: eine Medaille, die als angebliche
       Geldmünze ein Vielfaches ihres Materialwertes kostet und für
       Käufer:innen ein garantiertes Verlustgeschäft ist.
       
       Baden-Württembergs [1][Antisemitismus-Beauftragter Michael Blume] sagt, die
       Botschaft dieser Coronageschäftemacher sei immer dieselbe: „Misstraut den
       anderen, der Elite, dem System. Vertraut stattdessen mir, und gebt mir euer
       Geld.“
       
       Problematisch seien neben der möglichen Verluste vor allem der tendenziell
       antisemitische Kern vieler Verschwörungsmythen, etwa um die
       „Bargeldabschaffung“, die von einer jüdischen Elite wie „den Rothschilds“
       vorangetrieben werde, um Kontrolle über die Finanzmärkte zu erlangen. Die
       Crash-Geschäftsmasche und die Verschwörungserzählungen funktionieren nach
       demselben Prinzip: „Einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge“, sagt
       Blume.
       
       Ein Teil der Crash-Propheten wie Kettner steht dem extrem rechten Lager
       nahe: In Kettners Youtube-Show kommen Gäste wie Max Otte zu Wort. Otte
       leitete bis Januar 2021 das Kuratorium der AfD-nahen
       [2][Desiderius-Erasmus-Stiftung]. Er hat enge Verbindungen zu den
       Goldverkäufern der „Degussa Sonne/Mond Goldhandel GmbH“ des Investors
       August von Finck, wie Otte selbst in einer „Querdenken“-Rede durchscheinen
       ließ. Von Finck unterstützte nach Recherchen des Spiegels und der Schweizer
       WOZ seinerseits die AfD bereits in ihrer Gründungsphase mit Gewinnen aus
       dem Goldgeschäft.
       
       ## Der Kämpfer gegen die „Mainstrem-Medien“
       
       Auch die Produzenten von Verschwörungserzählungen profitieren in Krisen.
       Einer von ihnen ist Heiko Schrang. Über seinen Telegram-Kanal füttert der
       Autor über 85.000 Menschen täglich mit Meldungen sogenannter
       Mainstream-Medien, deren Inhalte zu Falschinformationen verdreht werden –
       oder mit Artikeln „alternativer“ Medien, die meist auf Falschinformationen
       beruhen. Darunter mischt Schrang Posts, die entweder eigene
       Verschwörungserzählungen propagieren – oder Werbung für seine Bücher
       machen.
       
       Schrang betreibt einen Verlag, eine App und einen Webshop. Dessen Logo ist
       ein Kreis mit einem Punkt in der Mitte. „Zeichen der Wahrheit“ nennt er das
       Symbol, passend zum Verlags-Slogan „erkennen-erwachen-verändern“. Logo und
       Schriftzug waren im Sommer 2020 massenhaft auf T-Shirts, Mützen und Pullis
       auf Coronademos zu sehen. Schrangs Botschaften gibt es, außer in den
       gängigen virtuellen Kanälen, auch im Buchformat für 24,90 Euro. Beworben
       wird das Buch damit, dass es „zum ersten Mal geheimes Wissen“ beleuchte,
       „das jahrhundertelang unter Verschluss gehalten wurde“ und „geheime
       Aktivitäten der Mächtigen“ aufdecke.
       
       Über sein „Geheimwissen“ will Schrang allerdings nicht sprechen.
       Interviewanfragen bleiben unbeantwortet. Die Adresse im Impressum seiner
       Seite führt zu einem Mietshaus in Brandenburg, wo eine Nachbarin auf einen
       Briefkasten zeigt und sagt: „Wohnen tut der aber nicht hier.“ Eine andere
       Adresse in einem älteren Impressum führt ein paar Dörfer weiter zu einer
       Siedlung stattlicher Einfamilienhäuser. An der Klingel ist kein Name, dafür
       eine Kamera. Dahinter prangt ein Backsteinhaus. Der Zaun geht in eine Hecke
       über, im Garten steht eine große Buddha-Figur, die auch den Hintergrund
       vieler seiner Videos schmückt.
       
       Von dem Wunsch, mehr über die „wahren Hintergründe“ der Pandemie zu
       erfahren, leben auch Anbieter von „Online-Kongressen“: virtuelle
       Veranstaltungen zur Wissensvermittlung, die es im Esoterik-Sektor schon
       länger gibt. Das Geschäftsmodell ist simpel: Die Veranstalter führen
       Video-Interviews mit einer Reihe von Redner:innen. Wer unbegrenzten Zugang
       bekommen will, zahlt.
       
       ## Ein „Lebenspaket“ für 449 Euro
       
       Besonders aktiv sind dabei sympathisch lächelnde Männer wie Andres
       Schiffmacher. 2020 veranstaltete der den „Impformationskongress“ und den
       „Kinder-und-Corona-Kongress“, der Ende Februar in die zweite Runde ging.
       Hat man sich angemeldet, füllt sich das E-Mail-Postfach schnell mit Mails,
       in denen Schiffmacher das wohlige Gefühl vermittelt, einer besonderen
       Gemeinschaft anzugehören: „Ihr dürft Euch auf mindestens 18 neue Interviews
       freuen, die wir gerade dabei sind, aufzunehmen“, heißt es da unter dem
       Kongressmotto „Informiert, gestärkt & mutig für Gesundheit, Menschlichkeit
       & Freiheit!“.
       
       Wer unbeschränkten Zugriff auf die Videos haben oder „Bonusmaterial“ sehen
       möchte, kann dazu „Kongresspakete“ kaufen – bis hinauf zum „Lebenspaket“
       für nur 449 Euro ist für jeden Geldbeutel etwas dabei.
       
       Im Dezember lockte Schiffmachers „Premium-Paket“ mit einem Bonus-Interview
       mit Wolfgang Scheel zum Thema „Stressbewältigung und Umgang mit Behörden
       und Staatsgewalt“. Der Kinderarzt kennt sich da aus: Bereits zweimal sollte
       ihm 2020 die Kassenzulassung entzogen werden, unter anderem weil er einem
       Jungen eine Impfunfähigkeitsbescheinigung ausstellte, ohne ihm persönlich
       begegnet zu sein. Scheel und Schiffmacher sind erklärte Impfgegner, die in
       Videos auch vor Corona-Impfungen warnen. Ihre Onlineinterviews leben vor
       allem davon, dass sich die Sprecher:innen gegenseitig in ihrem Weltbild
       bestätigen.
       
       Und so kommt es, dass in der Szene viel füreinander geworben wird. Auf dem
       „Wahrheitskongress“ im November 2020 traf sich das Who-is-who der
       deutschsprachigen Verschwörungsszene. Das Motto: „Das Ende der großen
       Täuschung“, mit der Garantie auf „Wahrheiten über die Corona ‚Pandemie‘“,
       „den ‚Deep State‘“, und wieder: „Das Geldsystem“.
       
       ## Seltsame Anwälte, ungewöhnliche Mediziner
       
       Auch Anwält:innen aus dem „Querdenken“-Umfeld fahren mit der
       Coronastimmungsmache gut. Eine Gruppe von Jurist*innen um den Göttinger
       Reiner Füllmich etwa sammelt seit Monaten bei deutschen
       Unternehmer*innen eine Pauschale von 800 Euro plus Steuer für eine in
       den USA einzureichende „Corona-Schadensersatzklage“ gegen den Virologen
       Christian Drosten und die WHO ein. Parallel bieten unter dem Label „Mask
       Force“ firmierende Anwält*innen aus der Gruppe ihre Dienste Eltern an,
       die verhindern wollen, dass ihre Kinder in der Schule eine Maske tragen
       müssen.
       
       In den USA einen deutschen Virologen für den deutschen Lockdown
       regresspflichtig machen – und dafür verzweifelte Ladenbesitzer abschöpfen?
       Fragen lassen will Füllmich sich dazu nur zu seinen Bedingungen – er stehe
       „ausschließlich für Wortlaut-Interviews zur Verfügung“, lässt seine Kanzlei
       wissen.
       
       Der Würzburger Jurist Chan-jo Jun beobachtet das Geschäftsgebaren der
       Querdenker. Er schätzt, dass für die „Corona-Schadenersatzklage“ schon
       vorab über 1,3 Millionen Euro Gebühren in Rechnung gestellte Gebühren
       zusammengekommen sind – und hat die Gruppe um Füllmich wegen Formfehlern
       der Anwaltskammer gemeldet.
       
       Das medizinische Pendant zu den „Anwälten für Aufklärung“ sind die
       „[3][Ärzte für Aufklärung]“ – ein Zusammenschluss von Mediziner:innen, die
       nicht an die Pandemie glauben. [4][Walter Weber, Gründer der Initiative],
       glaubt dafür an die Kraft des Immunsystems als „innere Maske“, weswegen die
       Coronamaßnahmen nur aus niederen Beweggründen beschlossen worden sein
       könnten. Weil er im Verdacht steht, „unrichtige Zeugnisse über den
       Gesundheitszustand eines Menschen“ – kurz: Maskenatteste, in der Bewegung
       auch bekannt als „Maulkorbatteste“ – ausgestellt zu haben, bekam er am 16.
       Februar Besuch von Polizei und Staatsanwaltschaft.
       
       Der Hamburger ist nicht der Einzige, der dabei ist, seine eigene
       Existenzgrundlage zu zerstören. Seit Ende 2020 wurden mehrfach Privaträume
       und Praxen von Ärzt:innen durchsucht, deren Atteste massenweise auf
       Coronademos vorgezeigt worden waren. Die Ärztekammern beobachten die
       Kolleg:innen; bestätigt sich der Verdacht, drohen ihnen Geldstrafen bis zu
       50.000 Euro und Berufsgerichtsverfahren.
       
       Doch auch dafür sind Anhänger:innen der Protestbewegung bereit zu
       spenden, und das nicht zu knapp. Eine Partnerorganisation von den „Ärzten
       für Aufklärung“ ist das „Ärztehilfswerk Weißer Kranich“. Ein Hilfswerk für
       Ärzt:innen, die glauben im Widerstand gegen das System kämpfen zu müssen.
       
       Ein Gründungsmitglied des „Kranichs“ willigt in ein Interview ein, möchte
       danach aber doch nicht mehr in der Zeitung stehen – aus Angst vor
       staatlicher Repression. Sie sagt, sie habe auf der ersten Demo ihres Lebens
       – der Querdenker-Demo am 29. August 2020 in Berlin – den „Glauben an den
       Rechtsstaat verloren“. Ärzt:innen seien dort schon früh von der Polizei
       eingekesselt worden. Der Staat mache eine „Hetzjagd“ auf „ganzheitliche
       Ärzte“, die Durchsuchungen der Praxisräume belegten dies.
       
       Deshalb eröffneten die Mediziner:innen ein Spendenkonto – für
       Prozesskosten, Bußgelder, finanzielle Ausfälle „verfolgter Ärzte“. Per
       Telegram riefen sie zu Spenden für Ärzt:innen auf, deren Praxen wegen des
       Verdachts von Gefälligkeitsattesten durchsucht wurden.
       
       Auch die Homöopathie-Szenegrößen Carola Javid-Kistel und Rolf Kron sind
       unter ihnen. Mitte Januar werden die Telegram-Kanäle der Bewegung mit einer
       aufgeschreckten Sprachnachricht von Javid-Kistel geflutet. Unter Tränen
       sagt sie: „Jetzt ist es bei mir auch so weit. Die Kripo steht vor der Tür.
       Die wollen jetzt hier alles durchkramen und durchsuchen. Die versuchen alle
       homöopathischen Ärzte, alle Leute, die sich einsetzen, abzusäbeln, mundtot
       zu machen.“ Auch da ruft der „Weiße Kranich“ zu Spenden auf. In wenigen
       Wochen sammeln sich Zehntausende Euro auf dem privaten Konto eines
       „Ärztehilfswerks“, dessen Rechtsform nicht transparent ist.
       
       ## Rechtstipps vom Juristen
       
       Ein Verbündeter des „Weißen Kranichs“ ist der Jurist Markus Haintz, dem auf
       Telegram 120.000 Menschen folgen. Wird eine Praxis durchsucht, postet der
       „Bürgerrechtler“ Tipps, wie man sich gegenüber der Staatsgewalt am besten
       verhält. „Man muss heutzutage leider als kritischer Rechtsanwalt und Arzt
       damit rechnen, durchsucht zu werden, wer sich mental darauf vorbereitet,
       wird nicht auf dem falschen Fuß erwischt“, schreibt er, und: „Wir stehen
       hinter euch“, drei rote Ausrufezeichen.
       
       Auch Haintz hat sein altes Leben als Rechtsanwalt gegen das als
       Corona-Aktivist eingetauscht. Die Hochschule Biberach hat ihm als Dozenten
       für Baurecht gekündigt, nachdem er „als politische Person in der Zeitung
       gestanden habe“, wie Haintz der taz sagt. Die Hochschule indes nennt
       „ideologische Verblendung“ als Grund.
       
       Seit April 2020 ist Haintz gegen die Coronamaßnahmen der Regierungen auf
       der Straße, organisiert Demos, führt Gerichtsprozesse, berät und
       unterstützt vor allem Versammlungsleiter und andere Demo-Organisatoren
       juristisch, „doppelt Vollzeit, bis zu 110 Stunden die Woche“, nach eigenen
       Angaben oft kostenlos. Über seinen Telegram-Kanal ruft er dazu auf, seine
       „Arbeit als Bürgerrechtler“ finanziell mit Zuwendungen oder Schenkungen zu
       unterstützen.
       
       Reihenweise kündigten Banken ihm daraufhin das Konto. „Sie müssen da nicht
       begründen“, sagt Hainz. Als Argument werde „oft Geldwäsche vorgebracht –
       lächerlich“, sagt er. Er sieht die Kontokündigungen als „Angriff auf
       Meinungsfreiheit.“ Man „versucht, mich mundtot zu machen“, sagt er der
       taz.“
       
       ## „Friedensaktivistin“ Rosen
       
       Kürzlich trat Haintz in die Partei „Die Basis“ ein. Dort aktiv ist auch die
       „Friedensaktivistin“ Eva Rosen. Auch sie hat die Pandemie den Job gekostet
       – und ihr einen neuen beschert.
       
       Vor Corona war sie festangestellte Designerin bei einer Werbeagentur in
       Frankfurt. Heute ist sie hauptberufliche „Friedensaktivistin und
       Politikerin“ gegen die Coronamaßnahmen und lebt wie Haintz von Spenden.
       
       Rosen, 35 Jahre alt, lange blonde Haare, melierte Strähnen und viele
       Tattoos, sitzt an einem Donnerstag im Februar in Leggings vor einem
       winzigen Laptop in ihrer Zweizimmerwohnung in einem Frankfurter Vorort. In
       der Luft steht der Rauch von Pachuli-Räucherstäbchen, ein Traumfänger
       baumelt vom Türrahmen, auf dem schwarzen Ledersofa liegt eine Ausgabe des
       rechten Magazins Compact. Neben ihrem Laptop liegt ein Anstecker mit der
       Aufschrift „Umarmbar“, der gern auf Coronademos getragen wird.
       
       Rosen ist eine Art Influencerin der Coronabewegung, auf deren Telegram,
       Youtube und den Demobühnen ist sie omnipräsent.Mit einem Reisebus
       durchquerte sie Ende 2020 das Land, über 60 Orte habe sie mit der
       „Frauenbustour“ besucht. Allein für den Bus musste sie rund 40.000 Euro
       Miete zahlen. Hinzu kamen 3.000 Euro für Security und etwa ebenso viel für
       Bußgelder wegen Verstößen gegen die Versammlungsauflagen. Am Ende blieb sie
       auf den Kosten sitzen und zahlte den Rest von ihren Ersparnissen. Rosen
       sagt mit einem Lachen: „Ich bin zwar pleite, aber Schulden hab ich dafür
       keine.“
       
       Rosen bastelt heute an einem neuen Flyer – für die Unterstützung durch ihre
       Fans in der Protestbewegung. Das Arbeitsamt hat Rosens Bezüge für drei
       Monate gesperrt, trotzdem komme sie gut über die Runden. 2.400 Euro
       monatlich brauche sie zum Leben, 30 Prozent kämen von ihrer Familie, 70
       Prozent beziehe sie aus den Schenkungen, die auf ihrem Paypal- und ihrem
       Bankkonto eingehen. In ihrem Telegram-Profil schreibt sie: „Ich werde mich
       nicht beirren lassen“. „Unaufhörlich“ werde sie weiterkämpfen, „Seite an
       Seite mit EUCH GEMEINSAM.“ Zwei Absätze darunter: „(WICHTIG)
       Verwendungszweck: Schenkung für deinen Friedensaktivismus“.
       
       Dass Rosen, Haintz und viele andere Corona-Aktivist:innen meist ohne
       Vereine agieren und „Schenkungen“ einsammeln, hat für den Würzburger
       Rechtsanwalt Chan-jo Jun handfeste Gründe: „Vereine sind
       rechenschaftspflichtig. Überschüsse kann ich nicht behalten.“ Und: „Spenden
       sind steuerrechtlich beschränkt auf gemeinnützige Zwecke. Die Schenkung ist
       nicht so stark zweckgebunden.“
       
       Dass es den so fleißig Geld sammelnden Corona-Aktivist:innen vor allem ums
       Finanzielle geht, glaubt Jun gleichwohl nicht. Manche der
       Querdenker:innen hätten „durchaus mit ideellen Motiven angefangen und
       eine nichtmaterielle Agenda“, sagt er. „Aber es schafft kein Mensch, sich
       auf die Dauer unabhängig zu machen, wenn die Unterstützung sich auf dem
       Bankkonto bemerkbar macht.“
       
       Die Recherche entstand im [5][Rechercheverbund Europe’s Far Right] und
       wurde mit Mitteln des „Investigative Journalism for Europe“-Programms
       gefördert. 
       
       Anm. d. Red.: Wir haben an dieser Stelle berichtet, dass sich die alte
       Kanzlei (webis legal) von Markus Haintz getrennt habe. Markus Haintz lässt
       uns wissen, dass dieser aus Rücksichtnahme auf seine alte Kanzlei eine
       eigene gegründet habe, damit webis legal keine Nachteile durch sein
       politisches Engagement erleide.
       
       18 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://stm.baden-wuerttemberg.de/de/themen/beauftragter-gegen-antisemitismus/
   DIR [2] /Die-AfD-und-die-Erasmus-Stiftung/!5744940
   DIR [3] /Hamburger-Aerzte-fuer-Aufklaerung/!5702830
   DIR [4] /Impfgegner-und-die-Coronapandemie/!5735702
   DIR [5] /Schwerpunkt-Europes-Far-Right/!t5544159
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nora Belghaus
   DIR Christian Jakob
       
       ## TAGS
       
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Schwerpunkt Coronavirus
   DIR Schwerpunkt Europe's Far Right
   DIR Verschwörungsmythen und Corona
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   DIR Michael Blume über Querdenker-Demos: „Sektenartige Organisationen“
       
       Der Antisemitismusbeauftragte Baden-Württembergs hält die Querdenker für
       gefährlich. Er fordert die Überwachung durch den Bundesverfassungsschutz.
       
   DIR Hamburger „Ärzte für Aufklärung“: Der Verschwörung auf der Spur
       
       Die Hamburger „Ärzte für Aufklärung“ sind willkommene Gäste bei
       Corona-Demos und Verschwörungsideologen. Wofür stehen sie?