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       # taz.de -- Fußball-Großklubs in Rheinland-Pfalz: Tradition schießt keine Tore
       
       > Der glorreiche FC Kaiserslautern steht samt Stadion am Abgrund. Und Mainz
       > will in der Männer-Bundesliga zurück in die Zukunft.
       
   IMG Bild: Zu Tränen gerührt: Jürgen Klopp und seine Mannschaft von Mainz 05 haben den Aufstieg geschafft (Archivbild, 23. Mai 2004)
       
       Vielleicht sollte eine Geschichte über die beiden wichtigsten Fußballklubs
       in Rheinland-Pfalz mit der Geschichte von André Schürrle beginnen. Schürrle
       ist 2014 mit Deutschland bei der Männer-WM Weltmeister in Rio geworden, er
       [1][hat die Flanke im Endspiel gegen Argentinien zum Siegtor] von Mario
       Götze geschlagen. Als der junge Schürrle 2006 mit 15 Jahren seinen
       Heimatklub Ludwigshafener SC verließ, bedeutete die Wahl seines neuen
       Vereins eine Zäsur in der Hierarchie des rheinland-pfälzischen Fußballs.
       
       Dass der Weg eines Talents aus Ludwigshafen nicht zum 1. FC Kaiserslautern
       führe, sondern zum FSV Mainz 05, war bis zu diesem Zeitpunkt undenkbar. In
       Schürrles Geburtsjahr 1990 kickte Mainz 05 noch vor dreitausend Zuschauern
       in der zweiten Liga, der 1. FC Kaiserslautern gewann ein Jahr später seine
       dritte von vier Deutschen Meisterschaften.
       
       Die A-Junioren der Mainzer verloren gegen den FCK noch in den neunziger
       Jahren schon mal mit 0:8 in der damaligen Südwestliga, was unterstreicht,
       was für eine Entwicklung die Mainzer genommen haben. 2006 ist der FCK in
       die zweite Liga abgestiegen, während ein gewisser Jürgen Klopp als Trainer
       mit Mainz 05 gerade in die dritte Saison in der Männer-Bundesliga ging.
       
       Vor der Wahl in Rheinland-Pfalz am 14. März kickt der FCK in der dritten
       Liga der Männer ums nackte Überleben. Der Niedergang des stolzen 1. FC
       Kaiserslautern dauert an, aber es ringt neben dem FCK auch der FSV Mainz 05
       um den Klassenerhalt. Allerdings in der ersten Liga. Und beide
       rheinland-pfälzischen Klubs suchen ihre Identität und ihren Platz.
       
       ## Nach der Meisterschaft auf Talfahrt
       
       Der FCK schlitterte mit dem Gewinn der letzten Meisterschaft im Jahr 1998
       [2][in eine Talfahrt, von der immer noch nicht klar ist, ob sie schon
       vorbei ist]. Platz 16 in Liga drei mit nur zwei Pünktchen Vorsprung auf den
       ersten Abstiegsplatz dokumentiert die heikle sportliche Lage. Die Pfälzer
       Fanseele kann diese Demütigung kaum fassen. Dabei ist sie hausgemacht und
       selbstverschuldet. Im Erfolg ist die Gefahr, Fehler zu machen, am größten.
       Augenhöhe mit dem FC Bayern war der Anspruch nach dem Titel von 98 unter
       Otto Rehhagel. Heute wäre der FCK froh, er gewänne sein Heimspiel gegen die
       Zweite Mannschaft des Rekordmeisters.
       
       Der Betzenberg war bis Anfang des Jahrtausends ein Sehnsuchtsort für
       Fußballromantiker und ein Angstort für Gästeteams. Der Klub war und ist
       bis heute stolz auf seine Geschichte. Fünf Lauterer um Fritz Walter
       schrieben Sportgeschichte als Teil der deutschen Herren-Nationalmannschaft,
       die 1954 den WM-Titel gewann. FCK-Helden waren jahrzehntelang immer wieder
       auch deutsche Fußballhelden, Fritz Walter, Hans-Peter Briegel, Stefan Kuntz
       oder Miro Klose – alles Lautrer Buwe.
       
       ## Stadion als Ausdruck des Niedergangs
       
       Das Stadion thronte auf dem Betzenberg über der Stadt als Symbol stolzer
       Provinz, die Metropolen trotzt. Heute ist das für die WM 2006 aufgemotzte
       Stadion steingewordener Ausdruck des Niedergangs. Fast 50. 000 Menschen
       passen in dieser 100.000-Einwohner-Stadt hinein, und es hätte die
       Geisterspiele der Coronavirus-Pandemie nicht gebraucht, um die Tristesse
       bei Spielen in Liga drei zu bebildern.
       
       2003 wurde das Fritz-Walter-Stadion in eine städtische Stadiongesellschaft
       überführt, um den damals schon finanziell angeschlagenen FCK zu retten.
       [3][Seither ist der FCK fast zu Tode gerettet worden.] Um das Überleben des
       Klubs zu sichern,kassiert die Stadt seit Jahren nur noch einen Bruchteil
       der vereinbarten Stadionpacht. Die Stadt würde das Stadion am liebsten
       loswerden, das Land duckt sich weg, der Steuerzahler zahlt. Ein
       „Schmuckkästchen“ hätte es werden sollen, als der FCK noch gegen Real
       Madrid und den FC Barcelona spielte. Heute ist das ausgebaute Stadion nur
       noch ein viel zu schwerer Klotz am Bein eines Vereins am Abgrund.
       
       ## Die Ansprüche sind kleinlauter
       
       Den Weg in die Moderne hat dieser Klub mit der großen Geschichte bis heute
       nicht gefunden. Zuletzt hatten [4][immer wieder windige Investoren
       Interesse angemeldet], beim FCK einzusteigen. Derzeit sichert ein Bündnis
       regionaler Unternehmer das finanzielle Überleben von Saison zu Saison. Mehr
       aber auch nicht. Es fehlt daran, Erwartungen, die aus den Erfolgen der
       Vergangenheit resultieren, und Realismus zusammenzubringen.
       
       Als zu Zweitligazeiten der damalige Vereinsboss Stefan Kuntz den FCK in
       einer Vision dauerhaft unter den 25 besten Klubs in Deutschland verorten
       wollte, schlug ihm Empörung entgegen. Der FCK gehöre doch zumindest immer
       unter die besten 18 des Landes, wenn nicht unter die Top Ten, glaubten
       viele. Die Ansprüche in der Pfalz sind heute kleiner, manchmal kleinlauter
       geworden. Es bleibt nichts als ein ewiges Hoffen und Bangen – dass die
       Politik den FCK nicht fallen lässt.
       
       Näher dran, sich wieder selbst zu finden, sind die Mainzer. Der FSV hat dem
       Fußball die Trainer Jürgen Klopp und Thomas Tuchel geschenkt. Beide gehören
       längst zu den großen Namen in Europa, Klopp trainiert den FC Liverpool,
       Tuchel den FC Chelsea in der Premier League. Und in Mainz sind sie stolz,
       dass ihr Klub immer auch mitgedacht wird, wenn von diesen beiden Trainern
       in der großen Fußballwelt gesprochen wird.
       
       Klopp und Tuchel haben ihren Mainzer Mannschaften einen unverkennbaren,
       trendsetzenden Fußballstil antrainiert, während Nullfünf sich als bunter
       Karnevalsverein neben smarten Start-ups wie Hoffenheim und RB Leipzig in
       der Männer-Bundesliga etablierte.
       
       ## Schon länger Zuschauerrückgang
       
       Aber das heile Weltbild des etwas anderen Klubs, das sich über starke
       Trainer, aggressiven Fußball und nahbare Vereinsbosse definierte, hat Risse
       bekommen, nachdem vor fünf Jahren bekannt wurde, [5][dass der langjährige
       Vereinsboss Harald Strutz im Ehrenamt sehr viel Geld bekam], ohne dass die
       Mitglieder das wussten.
       
       Der Klub taumelte von einer Führungskrise in die nächste und wurde in der
       Wahrnehmung ein ganz normaler Traditionsverein mit Potenzial zur
       Selbstzerstörung. Die Zuschauer kamen nicht mehr in der erwarteten Zahl in
       die 2011 stolz eingeweihte neue Arena mit 34.000 Plätzen. Bei einem Abstieg
       in die zweite Liga wäre sie wohl höchstens nur noch halbvoll, schon länger
       begleitet Nullfünf ein Zuschauerrückgang.
       
       ## Fußballfans sind keine Wechselwähler
       
       Vom Niedergang des FCK konnte Mainz nicht profitieren, die Pfalz und
       Rheinhessen sind zwei Welten im ziemlich heterogenen Bundesland
       Rheinland-Pfalz. Und Fußballfans sind keine Wechselwähler. Auch Mainz 05
       muss sich neu erfinden. Und seit ein paar Wochen heißt es beim FSV: Zurück
       zu den Wurzeln. [6][Christian Heidel führt wieder Regie] bei Nullfünf. Der
       Manager war 24 Jahre für den Aufstieg des Klubs verantwortlich. Als erste
       Amtshandlung holte er nun den ehemaligen Nullfünf-Trainer Martin Schmidt
       als Sportdirektor und den ehemaligen Nullfünf-Spieler Bo Svensson als
       Trainer.
       
       Der Däne kickte unter Klopp und Tuchel und steht für deren Art des
       trotzigen Vorwärtsverteidigungsfußballs, der Mainz groß gemacht hat. Das
       klingt nach einer Rückbesinnung auf den Kern des Vereins, auf das Spiel und
       den Sport. Aber Tradition alleine, das wissen sie in Kaiserslautern am
       besten, schießt keine Tore.
       
       6 Mar 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=7kcoaZGjzAs
   DIR [2] /Vom-Niedergang-alter-Fussballmaechte/!5693266
   DIR [3] /Krise-beim-1-FC-Kaiserslautern/!5488149
   DIR [4] /Politische-Oekonomie-des-Fussballs/!5695249
   DIR [5] https://www.spiegel.de/sport/fussball/1-fsv-mainz-05-und-praesident-harald-strutz-das-maerchen-vom-ehrenamt-a-1129922.html
   DIR [6] /Mainz-05-holt-Manager-Heidel-zurueck/!5735552
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tobias Schächter
       
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