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       # taz.de -- Anklage gegen Turntrainerin: Das Ende der Automaten
       
       > Um psychische Gewalt zu verhindern, stellt Alfons Hölzl, Präsident des
       > Turnverbands, ein Konzept vor dem Sportausschuss des Bundestags vor.
       
   IMG Bild: Übte sie psychische Gewalt aus? Die Chemnitzer Trainerin Gabriele Fehse bei der EM 2017
       
       Man muss sich nicht erst in die Machenschaften von solch berüchtigten
       Trainern wie Béla Károlyi vertiefen, der einst [1][„Automatenmädchen“ im
       sozialistischen Rumänien] und später auf einer Ranch in Texas trainierte –
       oder sollte man sagen: abrichtete –, um zu wissen, dass es im
       Leistungsturnen um Schmerzen, Verbiegen und Unterordnung geht. Der Drill
       gehört zum täglichen Geschäft.
       
       Kinder liefern sich dem Willen von Übungsleitern aus, die schon sehr starke
       Charaktere sein müssen, damit sie das Machtgefälle und den von Eltern ins
       fragile Geschöpf eingepflanzten Ehrgeiz nicht zu ihren Gunsten ausnutzen.
       Der Rubikon ist schnell überschritten. Aus Fürsorge kann [2][(Diät-)Zwang]
       werden, aus Nur-das-Beste-Wollen ein Tal der Tränen. Um die Frage, was
       statthaft ist im Trainingsbetrieb und was nicht, ging es auf der Sitzung
       des Bundestags-Sportausschusses am Mittwoch. Die Politiker wollten sich
       anhören, was da eigentlich gerade in Chemnitz am Olympiastützpunkt (OSP)
       passiert.
       
       Im Mittelpunkt des Geschehens steht die Trainerin Gabriele Frehse. Sie
       trainiert seit Jahren die besten Turnerinnen des Landes. Wer etwas konnte
       und noch mehr wollte, begab sich unter die Fittiche der gestrengen Dame.
       Ihre Kompetenz wird nicht angezweifelt, ihr Umgangston schon, vor allem von
       der ehemaligen Weltmeisterin auf dem Schwebebalken, Pauline Schäfer. Sie,
       ihre Schwester Helene und weitere Turnerinnen hatten Frehse vorgeworfen,
       sie im Training schikaniert, ihnen Medikamente ohne ärztliche Verordnung
       verabreicht und keinen Widerspruch zugelassen zu haben. Von psychischer
       Gewalt ist die Rede.
       
       Die 62 Jahre alte Trainerin setzt sich gegen die Vorwürfe zur Wehr. In
       Interviews hat Frehse wiederholt behauptet, es handele sich um haltlose
       Vorwürfe und Unwahrheiten. Die Turntrainerin, die in der Sache bereits im
       Jahr 2018 vom Arbeitgeber abgemahnt wurde, behält sich juristische Schritte
       vor. „Ich war schockiert, konnte es nicht fassen, dass so erfolgreiche
       Turnerinnen über mich derart urteilen und Unwahrheiten verbreiten. Ich
       fühlte mich benutzt“, sagte Frehse der Freien Presse: Im Leistungssport
       müsse man sich eben quälen und schinden, ab und zu falle ein härteres Wort.
       Ist alles nur Ansichtssache?
       
       ## Fokus auf Kindeswohl
       
       Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat im vergangenen Jahr eine Frankfurter
       Anwaltskanzlei mit einem Gutachten beauftragt. Nach dessen Fertigstellung
       wurde Frehse nicht nur vom OSP suspendiert, die Staatsanwaltschaft in
       Chemnitz nahm im Dezember auch Ermittlungen gegen sie und einen Arzt wegen
       des Verdachts der Körperverletzung auf. DTB-Präsident Alfons Hölzl
       entschuldigte sich bei den Sportlerinnen und nahm sich der Sache persönlich
       an, indem er dem Leistungsturnen einen „Kulturwandel“ verordnete.
       
       An Mittwoch steht dieser Mann im vierten Stock des Paul-Löbe-Hauses auf
       einer Brücke in fast schon schwindelerregender Höhe und gibt Interviews.
       „Das Kindeswohl liegt uns ganz besonders am Herzen“, sagt Hölzl der taz,
       „wir haben uns darauf verpflichtet. Wir müssen es allerdings schaffen, dass
       das, was in unseren Konzepten steht, in der Halle auch konkret gelebt
       wird.“ Der DTB hat den Ernst der Lage erfasst.
       
       Hölzl kündigt an, dass Trainer künftig von den Spitzensportverbänden
       angestellt werden sollen und nicht von den Olympiastützpunkten. „Dann muss
       man nicht ums Eck marschieren, und es ist leichter, Entscheidungen zu
       treffen und umzusetzen.“ Darüber hinaus möchte der DTB, dass der im Zuge
       der Leistungssportreform abgeschaffte Sonderkader für verletzte Sportler
       wieder eingeführt wird. Und noch einen Vorschlag macht Hölzl: Mehr
       Bundesstützpunkte müssten her, damit vor allem junge Athleten öfter und
       länger zu Hause sein können.
       
       Wie der Fall Frehse – vor allem arbeitsrechtlich – ausgeht, ist ungewiss,
       nur eines steht fest: Als Trainerin von DTB-Kaderathletinnen wird sie wohl
       keine Chance mehr haben, deutet Hölzl an. Linke-Politiker André Hahn findet
       das merkwürdig: „Einerseits soll die Unschuldsvermutung für Frehse gelten,
       andererseits steht in dem Papier, das uns der DTB vorgelegt hat, sie muss
       sofort entlassen werden.“
       
       Frehse wird zwar von ihrem Heimatverein und den [3][Eltern vieler jüngerer
       Turnerinnen unterstützt], aber das soll nichts am Reformkurs des
       Turnerbunds ändern. „Überall dort, wo Minderjährige sehr früh mit dem Sport
       anfangen und es Abhängigkeitsverhältnisse gibt, müssen wir besonders
       draufschauen, weil die Athletinnen in dem Alter nicht allein entscheiden
       können, was ist gut und richtig“, sagt Alfons Hölzl.
       
       25 Feb 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.piper.de/buecher/die-kleine-kommunistin-die-niemals-laechelte-isbn-978-3-492-96749-5-ebook
   DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=ubFjg2hHi3Q
   DIR [3] https://www.gymmedia.de/Geraetturnen/Offener-Chemnitzer-Brief-zum-Vorwurfsfall-Frehse
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Markus Völker
       
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