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       # taz.de -- Sorbische Minderheit in der Pandemie: Nichts zu feiern
       
       > Das Kontaktverbot trifft die Minderheit der Sorben in der Lausitz
       > besonders. Der Sprachunterricht leidet so wie der Tag der Muttersprache.
       
   IMG Bild: Historisches Zampern: mit sorbischem Brauchtum unterwegs im Spreewald in den 70ern
       
       Eigentlich hätten die Sorben in Brandenburg und Sachsen in diesen Wochen
       viel zu feiern. Der Winter ist sozusagen Festsaison. Da passt der Tag der
       Muttersprache am 21. Februar ganz gut dazu. Doch in diesem Jahr liegt
       sprichwörtlich alles auf Eis. Die Einschränkungen durch die Coronapandemie
       haben das kulturelle Leben praktisch zum Erliegen gebracht, und auch die
       Vermittlung der Sprache an die jüngere Generation leidet.
       
       Ende Januar findet normalerweise die vor allem bei den Kindern beliebte
       Vogelhochzeit statt. Gleich danach beginnt die sorbische oder wendische
       Fastnacht. Sie heißt „Zapust“ und ist ein Umzug, bei dem Trachten getragen
       werden. Beim „Zampern“ zog ursprünglich die Dorfjugend von Haus zu Haus und
       sammelte Speck, Eier und Geld. Mittlerweile seien auch Verheiratete dabei,
       erklärt die Vorsitzende des [1][Rates für Angelegenheiten der Sorben/Wenden
       Brandenburg] Kathrin Šwjelina.
       
       Um diese Jahreszeit käme man sonst in den Dörfern rund um Cottbus zusammen.
       Zwischen Ende Januar und Mitte März könne man jedes Wochenende durch die
       Lausitz fahren und würde auf Zamperer treffen. Der Zeitraum habe sich
       ausgedehnt, weil die immer weniger werdenden Musikkapellen ausgebucht sind.
       Mittags beginne ein Umzug, abends feiere man gemeinsam. „Dabei kommt man
       zusammen mit Freunden und Verwandten.“ Doch nun falle vieles davon das
       zweite Mal in Folge aus. „Auf den Dörfern passiert nichts mehr.“ Sie macht
       sich Sorgen: „Bei uns bricht kulturell alles zusammen“, so Šwjelina.
       
       Man versuche natürlich durch digitale Formate zumindest etwas vom
       kulturellen Leben aufrechtzuerhalten. Es gebe immer mehr Videos in
       sorbischer Sprache. Man treffe sich zum Videochat. Ein DJ aus der Region
       organisiert am 27. Februar die traditionelle Fastnacht auf Youtube – mit
       Trachtenpaaren aus den Dörfern des Landkreises Spree-Neiße, Blasmusik,
       einer Partyband sowie Videobeiträgen von Kulturschaffenden aus der Region.
       „Die bekannteste und wichtigste Tradition darf auch 2021 nicht fehlen“,
       schreibt er auf seiner [2][Webseite]. „Wjaselimy se na Waš. Freut euch
       drauf.“
       
       Doch mit digitalen Formaten könne man nicht alle erreichen, meint Šwjelina.
       Und die Ressourcen der Aktiven seien begrenzt. „Wir sind ein kleines
       Völkchen.“ Ohnehin müsse viel Kraft aufgewendet werden, um die vorhandenen
       Sprachinseln zu bewahren. Das sei nun noch schwieriger. Und Besserung ist
       erst mal nicht in Sicht. Auch Brauche wie das Ostersingen und das
       gemeinsame kunstvolle Verzieren der Ostereier dürften wohl auch ausfallen,
       fürchtet sie.
       
       Katrin Suchy-Zieschwauck hat in Radibor bei Bautzen eine sorbische
       Elterninitiative mitgegründet, aus der mittlerweile ein Verein geworden
       ist. Ihr Ziel ist es, sorbische Sprachräume in und um die Schule zu
       stärken. Doch das ist momentan schwierig. Zwar sind seit Mitte Februar in
       Sachsen Kitas und Grundschulen wieder geöffnet. Doch Monate im
       Distanzunterricht haben ihre Spuren hinterlassen. Das habe natürlich nicht
       nur den Sorbischunterricht getroffen, diesen aber besonders, sagt sie.
       „Sprache muss angewendet werden, sonst geht sie verloren.“ Allein vor dem
       Rechner sei das schwieriger als in der Gruppe. Außerdem habe es anfangs
       Mängel bei der digitalen Ausstattung und beim Lernmaterial gegeben.
       Mittlerweile habe sich das gebessert.
       
       Problematisch sei die Situation in den Randregionen des Siedlungsgebiets,
       dort, wo es ohnehin wenige Sorbischsprechende gibt. Dort seien die
       Ressourcen an den Schulen entsprechend geringer. Für die Lehrer werde der
       Sorbischunterricht zu einer zusätzlichen Belastung. Und gerade in solchen
       Regionen sprechen auch viele Eltern kaum oder gar nicht Sorbisch. „Dort ist
       die Schule der Ort, wo die Sprache weitergegeben wird.“ Doch im
       Homeschooling können die Eltern ihre Kinder kaum unterstützen, wenn sie
       selbst die Sprache nicht beherrschen. Man gehe deshalb auf Schulen zu, um
       Angebote zu schaffen, die die Eltern auch umsetzen können.
       
       Der Vorsitzende des [3][Dachverbands Domowina], David Statnik, versucht
       zwar optimistisch zu bleiben. Die Situation sei sehr anstrengend, aber
       lösbar. Sorgen macht er sich trotzdem. „Kultur findet in der Gemeinschaft
       statt. Die muss man erleben“, sagt er. Gerade wenn zu Hause kaum Sorbisch
       gesprochen werde, seien Schule und Kita die Orte, wo die Kinder sich die
       Sprache aneignen. Und für die Älteren seien die regelmäßigen Treffen ein
       wichtiger Teil ihres Alltags. Es drohe Vereinsamung.
       
       Doch auch wenn die Pandemie vorbei ist, dürfte die Sorge um die Zukunft der
       sorbischen Sprache nicht aufhören: Für die Vermittlung der Sprache fehlen
       nämlich nach Ansicht des Sorbischen Schulvereins Lehrer. „Aus der aktuellen
       Prognose ergibt sich, dass wir in den nächsten fünf Jahren mindestens 100
       Lehrerinnen und Lehrer allein in Sachsen benötigen“, sagte kürzlich die
       langjährige Vorsitzende des Vereins, Ludmila Budar, mit Blick auf die
       Abdeckung des Unterrichts an sorbischsprachigen Schulen. Eine wichtige
       Aufgabe bliebe, sorbische Studenten und Quereinsteiger für den Beruf des
       Lehrers und Erziehers zu begeistern. Der Schulverein ist Träger von fünf
       Kitas in der sächsischen Oberlausitz und zwei Kitas in der
       brandenburgischen Niederlausitz. Er engagiert sich für bilinguale Projekte
       im Kindergarten und Konzepte für das Sorbische in der Schule. Der Verein
       ist mit der Domowina – dem Bund Lausitzer Sorben – Ansprechpartner für die
       Ministerien in Bildungsfragen in Kita und Schule im sorbischen
       Siedlungsgebiet.
       
       Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit soll das Sorbische in Sachsen nun
       bekommen: Ein Triebwagen der Länderbahn in Ostsachsen wirbt seit Anfang
       Februar für die sorbische Sprache. Als Botschafter der Zweisprachigkeit in
       der Lausitz fahre er auf der Strecke bis nach Dresden, teilte das
       Tourismusministerium in Dresden mit. Der Freistaat Sachsen fördert das
       Projekt mit 15.000 Euro. Der Dachverband der Sorben, die Domowina, wolle
       den Zug künftig auch nutzen, um Aktionen rund um die sorbische Sprache
       anzubieten. Er könne zum Beispiel sorbischen Autoren für Lesungen zur
       Verfügung stehen.
       
       21 Feb 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.landtag.brandenburg.de/de/rat_fuer_angelegenheiten_der_sorben/wenden_(rasw)/396498?_referer=839550
   DIR [2] https://www.tobi-musik.de/veranstaltungen/
   DIR [3] https://www.domowina.de/witajso-witajce-willkommen/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Marco Zschieck
       
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