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       # taz.de -- Repressionen gegen Kirill Serebrennikov: Wie man Seelen vertrocknen lässt
       
       > Der Moskauer Regisseur Kirill Serebrennikov verliert die Leitung des
       > Gogol Center. Dabei hat er mit dem Theater gerade ein Jubiläum gefeiert.
       
   IMG Bild: Theaterregisseur Kirill Serebrennikov bei einem Event im Moskauer Gogol Center im September 2020
       
       In Moskau sind die Theater offen. Gemeinsames Spazierengehen aber ist
       verboten. So hatten Sicherheitskräfte am 2. Februar den Roten Platz
       abgeriegelt, damit sich so vor dem Kreml keine Menschen versammeln können,
       [1][um gegen die Verurteilung von Alexei Nawalny zu protestieren]. In den
       Seitenstraßen unweit des Kremls hörte man sie umso lauter rufen: „Moskau,
       komm raus!“
       
       Die Protestierenden kamen auf ihrem Marsch, bei dem sie von
       Sicherheitskräften gejagt wurden, an vielen Theater- und Opernhäusern
       vorbei, da sich die meisten Staatstheater in Laufnähe des Kremls befinden.
       
       Das weltbekannte, relativ kleine Theater „Gogol Center“ liegt abseits des
       Zentrums. Kirill Serebrennikov, sein Leiter, feierte am Abend des 2.
       Februar mit Gästen den Geburtstag seines Theaters. 2012 hatte er das im
       Dornröschenschlaf vor sich hindämmernde Gogol-Theater übernommen, in sechs
       Monaten umgestaltet und am 2. Februar 2013 als Gogol Center eröffnet. Jetzt
       stand er vor gefüllten Zuschauerreihen und hielt eine Rede, deren Refrain
       „Achteinhalb Jahre“ ist.
       
       Serebrennikov zog Bilanz: 60 Premieren, 35 Gastspielreisen und 1 Million
       BesucherInnen. „Achteinhalb Jahre reichen aus, um weiter denen zu
       misstrauen, die der Kunst Schaden zufügen und die Freiheit zerstören“,
       positionierte er sich und ging auf die aktuellen Ereignisse ein: „Diese
       Jahre haben gezeigt, dass Ungerechtigkeit abscheulich ist, so wie die
       Hände, die Elektroschocker halten, aber das Theater gibt einem die
       Möglichkeit, sogar über so etwas mit einem Lächeln nachzudenken.“
       
       ## Fortsetzung der Bestrafung
       
       Sieht man sich einen Mitschnitt des Abends an, fällt auf, dass Kirill
       Serebrennikov die Rede, fast resignativ, vom Handy abliest. Menschen, die
       ihn gut kennen, sagen, [2][dass ihm der lange Hausarrest, gefolgt vom
       Prozess im letzten Jahr], in dem ihm Veruntreuung von staatlichen
       Subventionen vorgeworfen wurde (ohne es beweisen zu können), stark
       zusetzen. [3][Schon damals stand im Raum, ob er das Gogol Center, ein
       Stadttheater, nach dem Prozess, bei dem er zu einer dreijährigen
       Bewährungsstrafe verurteilt wurde,] weiter würde leiten können.
       
       In der Nacht vom 2. zum 3. Februar, während man im Gogol Center noch
       feierte, ließ die Moskauer Stadtverwaltung über die Nachrichtenagentur Tass
       verbreiten, dass Kirill Serebrennikovs Vertrag, der Ende Februar 2021
       ausläuft, nicht verlängert wird. Serebrennikov hat sich demonstrativ
       jeglichen Kommentars enthalten.
       
       In dem unabhängigen Sender „Doschd“ bezeichnete die Schauspiellegende Lija
       Achedschakowa (81) die Nichtverlängerung des Vertrags als politisch
       motiviert und forderte ihre KollegInnen dazu auf, dem Regisseur und
       Theaterleiter öffentlich zur Seite zu stehen. Auch im staatlichen Fernsehen
       war das Gogol Center Thema. Dort warf man Serebrennikovs UnterstützerInnen
       vor, den Vorgang unnötig zu politisieren, und holte sich Experten, wie den
       bekannten Theaterkritiker Grigori Saslawski, um das offizielle Narrativ,
       das sei doch nur ein schnöder Verwaltungsakt, mit Argumenten zu füllen.
       
       Am 10.Februar zeigt das Gogol Center „Tote Seelen“, geschrieben 1842 vom
       Namensgeber des Theaters, inszeniert vom (Noch-)Theaterleiter. Ausverkauft.
       Im Kammertheater von Tscheljabinsk, einer mittelgroßen Stadt im Ural,
       bereitet man zur Zeit eine Uraufführung vor. Viktoria Meschschaninowa
       inszeniert die Satire „Wie wir Josef Stalin beerdigten“, geschrieben vom
       ziemlich bekannten [4][Schriftsteller Artur Solomonow]. Es geht um ein
       Theater und seinen Intendanten, der sich immer mehr verfängt im Spinnennetz
       der Machthabenden. Kirill Serebrennikov kennt das Stück. Er findet es gut.
       
       8 Feb 2021
       
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