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       # taz.de -- Ein Jahr nach Hanau: Der Kampf für Ferhat
       
       > Vor einem Jahr starb Ferhat Unvar mit acht anderen Menschen bei einem
       > rassistischen Attentat. Seine Mutter kämpft um Aufklärung.
       
   IMG Bild: „Ich kann vor meinem Schmerz nicht wegrennen“, sagt Serpil Temiz Unvar
       
       Es sind nur ein paar Dutzend Meter, die Serpil Temiz gehen müsste. Von
       ihrer Wohnung über die Straße, an der Kita und Grundschule vorbei, dann
       wäre sie schon auf dem Kurt-Schumacher-Platz, zwei Minuten zu Fuß. Dort, wo
       Lebensmittelgeschäfte sind, ein Imbiss, ein Friseur. Und die Arena-Bar, mit
       dem angeschlossenen Kiosk.
       
       Aber Serpil Temiz ist diesen Weg seit einem Jahr kaum mehr gegangen, seit
       dem 19. Februar 2020. Sie kann es nicht. Denn in dem Kiosk wurde damals
       [1][Ferhat Unvar] erschossen, ein 23-jähriger Heizungsinstallateur. Ihr
       Sohn.
       
       „Ich gehe nicht dorthin, nur wenn ich wirklich muss“, sagt Serpil Temiz.
       „Ich kann es nicht aushalten.“
       
       Und es gibt noch einen anderen Weg, den Serpil Temiz nicht mehr geht. Er
       wäre noch kürzer. Er würde, nur eine Straße weiter, in den Norden des
       Stadtteils Kesselstadt führen, zu einer kleinen Wohnung in einem schlichten
       Reihenhaus, wo die Rollläden nun oft heruntergelassen sind.
       
       ## Der Schmerz bleibt
       
       Hier wohnte der Mann, der aus rassistischen Motiven Ferhat Unvar und acht
       weitere Menschen erschoss. Der danach auch seine Mutter ermordete und sich
       selbst: [2][Tobias R.], ein 43-jähriger Arbeitsloser, der einem
       Verfolgungswahn anhing und rassistisch war. Und hier wohnt weiter dessen
       Vater, ein 73-jähriger Rentner, der offenbar ganz ähnlich denkt. Sie meide
       auch diese Straße, sagt Temiz. Sie wolle das Haus nicht sehen und auch
       nicht den Vater.
       
       Serpil Temiz’ zweitältester Sohn, Mirkan, wollte, dass sie wegziehen nach
       der Tat, raus aus Kesselstadt, dem West-Stadtteil Hanaus. „Aber ich kann
       nicht weg“, sagt Temiz. „Ferhat ist in Kesselstadt geboren, er ist in
       Kesselstadt gestorben, ich kann Ferhat nicht verlassen. Ich kann vor meinem
       Schmerz nicht wegrennen.“
       
       Und dieser Tage ist der Schmerz wieder voll da. Weil sich der Tod von
       Ferhat Unvar und den anderen acht zum ersten Mal jährt. Weil nun alle
       Erinnerungen wieder aufreißen.
       
       Es war 21.55 Uhr am 19. Februar 2020, als Tobias R. nahe dem Hanauer
       Heumarkt die Bar La Votre mit einer Česká-Pistole betrat, dort um sich
       schoss und den Barkeeper Kaloyan Velkov tötete, danach den Passanten Fatih
       Saraçoğlu und in der benachbarten Shisha-Bar Midnight den Besitzer Sedat
       Gürbüz. Dann stieg R. wieder in seinen schwarzen BMW und fuhr nach
       Kesselstadt, gefolgt von Vili Viorel Păun. Der 22-Jährige hatte zuvor
       versucht, R. mit seinem Mercedes zu blockieren, wurde beschossen – und fuhr
       dennoch hinterher. Am Kurt-Schumacher-Platz stieg Tobias R. aus, ging
       direkt auf den Wagen von Păun zu und erschoss den Jungen, dann ermordete er
       im Arena-Kiosk den Verkäufer Gökhan Gültekin und die Kundin Mercedes
       Kierpacz – und Ferhat Unvar. Und schließlich in der benachbarten Bar noch
       Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi. Nur gut fünf Minuten dauerte all
       dies, dann waren neun Menschen tot. Und Tobias R. fuhr wieder nach Hause.
       
       Neun Menschen, ermordet aus Wahn und rassistischem Hass. Die Stadt wird am
       Freitag eine Gedenkfeier zum Jahrestag abhalten, pandemiebedingt nur mit 50
       Gästen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird kommen, Hessens
       Ministerpräsident Volker Bouffier, Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Und
       auch Serpil Temiz wird da sein.
       
       Auch dies wird ein schwerer Weg. Denn die 45-Jährige begleiten in diesen
       Tagen nicht nur Trauer und Schmerz, sondern auch Fragen, die sie nicht
       loslassen. Die größte: Wäre das Attentat zu verhindern gewesen? Könnte
       Ferhat noch leben?
       
       Ferhat, der älteste Sohn von Serpil Temiz. Ein smarter, lebendiger Junge,
       der viel las, Gedichte schrieb, an Sachen rumschraubte, immer scherzte. Der
       sich um seine drei jüngeren Geschwister kümmerte. Wie ein Vater sei er für
       diese gewesen, sagt Temiz. Und Ferhat sei ein Junge gewesen, der alles
       hinterfragte, auch in der Schule. Er sei dort angeeckt und nicht gleich
       behandelt worden, sagt Temiz. Sei „der Ausländer“ gewesen, der es nicht
       packe. Aber Ferhat packte seinen Abschluss und hatte eine Lehre als
       Heizungsinstallateur abgeschlossen. Er wollte arbeiten, nebenbei noch
       studieren. Zwei Wochen später wurde er erschossen.
       
       „Der Schmerz geht nie weg“, sagt Serpil Temiz. „Er wird nicht weniger. Ich
       habe 23 Jahre mit meinem Sohn verbracht. Wie soll ich ihn da vergessen?“
       Bis heute verfolgen sie die Bilder im Kopf, wie sie in der Nacht des 19.
       Februar in Hanau nach Ferhat suchte, vor der Arena-Bar, in Krankenhäusern,
       ohne Erfolg. Bis am Morgen ein Beamter die Namen der Toten verlas. „Jeden
       Abend denke ich an diese Nacht.“
       
       Ferhats Zimmer hat die Mutter bis heute unberührt gelassen. Jeden Tag fährt
       sie zu seinem Grab auf dem Hanauer Hauptfriedhof, erzählt ihm, was sie
       erlebt. Ferhat habe sich immer gegen Diskriminierungen gewehrt, habe nie
       aufgegeben. Also werde auch sie es nicht tun, sagt Temiz. Sie redet nun
       immer schneller. „Ich mache weiter, ich mache seinen Kampf weiter, bis zur
       letzten Sekunde meines Lebens werde ich etwas gegen Rassismus tun,
       verstehen Sie?“ Dann weint sie.
       
       Serpil Temiz ist mit ihrem Schmerz nicht allein. Auch die anderen
       Angehörigen und Verletzten sind bis heute traumatisiert, machen Therapien,
       etliche können nicht arbeiten. Auch Temiz, die früher frei für eine
       kurdische Zeitung schrieb, schafft dies nicht mehr. Die Alleinerziehende
       muss sich jetzt um ihre drei Kinder kümmern, die noch bei ihr wohnen. Und
       um sich.
       
       Inzwischen aber haben sich die Betroffenen zusammengetan. In einem früheren
       Geschäftsraum treffen sich viele von ihnen, gleich um die Ecke vom La
       Votre, dem ersten Tatort. Die „Initiative 19. Februar“, eine Gruppe
       Unterstützer:innen, hat hier einen Begegnungsraum eingerichtet. An einem
       Mittwochabend Ende Januar sitzt dort Serpil Temiz in schwarzer Jacke mit
       anderen um einen Laptop, sie besprechen ihre neue Bildungsinitiative,
       zwischendrin geht Temiz raus zum Rauchen.
       
       In einer anderen Ecke plaudern Çetin Gültekin, der Bruder von Gökhan
       Gültekin, und Filip Goman, der Vater von Mercedes Kierpacz. Vorne steht die
       Familie Kurtović zusammen. Es wird auch gescherzt, ein Samowar rauscht,
       Kerzen stehen auf den Tischen, die Atmosphäre ist entspannt. Wären da nicht
       die Fotos und Zeichnungen der neun Getöteten an den Wänden.
       
       Serpil Temiz kommt oft hierher. „Nur die anderen Familien verstehen den
       Schmerz.“ Dieser Tage gibt es in dem Treff aber vor allem ein Thema: Lief
       die Polizeiarbeit wirklich so gut wie behauptet? Warum besaß der
       Attentäter, trotz seiner psychischen Probleme, einen Waffenschein? Warum
       wurde er in der Tatnacht nicht gestoppt? Wie gefährlich ist sein Vater?
       Und: Wo bleibt die von der Politik versprochene Zäsur nach Hanau, wo der
       entschlossene Kampf gegen Rassismus?
       
       Bis vor Kurzem galt der Attentäter als unauffälliger Einzelgänger. Aber er
       fiel schon im Januar 2002 erstmals auf. Damals studierte Tobias R. in
       Bayern BWL und meldete der Polizei das erste Mal, er werde von einem
       Geheimdienst überwacht. Im Sommer 2004 folgte eine zweite Anzeige. In den
       Folgejahren wurde gegen Tobias R. wegen eines Betäubungsmittelverstoßes,
       fahrlässiger Brandstiftung und Erschleichung von Sozialhilfe ermittelt.
       
       Und noch im November 2019 schrieb er an die Bundesanwaltschaft und
       Staatsanwaltschaft Hanau einen Brief, in dem er erneut beklagte, dass ein
       Geheimdienst sich in seine Gedanken einklinke – und Deutschland nichts
       gegen „diese ständige Ausländerkriminalität“ tue.
       
       Gleich nach seiner ersten Meldung 2002 landete Tobias R. für einige Stunden
       in einem psychiatrischen Krankenhaus, danach blieb er offenbar unbehandelt.
       In den nächsten Jahren wurden alle Ermittlungen gegen ihn eingestellt. 2013
       erhielt Tobias R. bei der Waffenbehörde Main-Kinzig seine erste
       Waffenbesitzkarte, zwei weitere folgten. Eine wirkliche
       Zuverlässigkeitsprüfung gab es nicht. Tobias R. kaufte sich eine
       Sig-Sauer-Pistole, später noch eine Walther. Die Česká von der Tatnacht
       hatte er in einem Waffengeschäft ausgeliehen. Er schoss damit in
       Schützenvereinen und 2019 auch zwei mal bei Schießtrainings in der
       Slowakei.
       
       Und Tobias R. bereitete seine Tat wohl von langer Hand vor. Ermittler
       fanden in seiner Wohnung eine Skizze, in der er offenbar den Heumarkt und
       vier Punkte einzeichnete, zwei davon passen zu den später angegriffenen
       Bars La Votre und Midnight. „Drin anfangen“, steht hier notiert. Dazu ist
       der Hinweis „min. 10“ notiert, was Ermittler als Zielmarke für die
       geplanten Morde deuten. Demnach hatte Tobias R. noch mindestens zwei
       weitere Örtlichkeiten im Visier – und noch mehr Tote geplant.
       
       Sechs Tage vor dem Attentat stellte Tobias R. eine Webseite auf seinen
       Namen online. Darauf stand ein 24-seitiges „Skript“ und ein Video von ihm,
       aufgenommen in seinem Zimmer, ein karg eingerichteter Raum, mit Regalen
       voller Aktenordner. Der 43-Jährige redet darin erneut über Geheimdienste,
       nun aber legt er seinen rassistischen Hass offen: die Existenz von
       Migranten sei „an sich ein grundsätzlicher Fehler“. Ganze Völker müssten
       „vernichtet werden“. Er führe einen „Krieg“ – „gegen die Geheimorganisation
       und gegen die Degeneration unseres Volkes“. Es ist eine offene
       Tatankündigung. Die offenbar niemand bemerkt.
       
       „Warum wurde dieser Mann nie überprüft, obwohl er solche Sachen den
       Behörden schreibt?“, fragt Serpil Temiz. „Warum durfte er seine Waffen
       behalten? Weil er Deutscher ist? Das ist nicht zu akzeptieren. Keine
       Behörde hat ihre Arbeit gemacht. Auch darum wurden unsere neun Kinder
       getötet.“
       
       Und die Fragen von Serpil Temiz gehen weiter. Bis heute weiß sie nicht, wie
       genau ihr Sohn starb. Der Attentäter hatte um kurz vor 22 Uhr im Kiosk auf
       Ferhat geschossen, in dessen Sterbeurkunde wird aber als Todeszeitpunkt
       3.10 Uhr notiert. „Was ist mit meinem Kind in diesen Stunden passiert?
       Warum kann mir das keiner sagen? Lag er da und keiner hat sich um ihn
       gekümmert? Können Sie sich meine Gefühle dazu vorstellen?“ Wieder weint
       Temiz.
       
       Zuletzt wurde zudem bekannt, dass die Notrufzentrale der Hanauer Polizei
       unterbesetzt war, mit nur zwei Arbeitsplätzen, eine Rufumleitung gab es
       nicht. Kurz nach Beginn des Attentats waren mit den ersten Notrufen die
       Leitungen bereits besetzt. Auch Vili Viorel Păun wählte auf seiner
       Verfolgungsfahrt hinter Tobias R. her drei Mal den Notruf – und kam kein
       Mal durch. Dann wurde er erschossen. Hätte sein Tod verhindert werden
       können, wenn er die Polizei erreicht und diese ihn zu Vorsicht und Abstand
       gemahnt hätte? Wären vielleicht auch die Morde in Kesselstadt vermeidbar
       gewesen? Der an Ferhat Unvar? Serpil Temiz glaubt das.
       
       Und warum war in der Arena-Bar der Notausgang verschlossen? Hätten die
       Gäste sonst daraus fliehen können, auch Hamza Kurtović und Said Hashemi?
       Laut Stammgästen war die Tür seit Jahren verschlossen, auch die Polizei
       habe davon gewusst. Inzwischen stellten Hinterbliebene eine Strafanzeige
       wegen fahrlässiger Tötung, die Staatsanwaltschaft Hanau ermittelt.
       
       Das Polizeipräsidium Südosthessen bestätigt, dass der Notausgang bei einer
       Kontrolle Ende 2017 verschlossen gewesen sei, was man der Stadt meldete.
       Dort heißt es, man habe es kontrolliert, bei späteren Kontrollen sei die
       Tür offen gewesen. Berichte, wonach die Polizei selbst anordnete, die Tür
       zu verschließen, um Fluchten bei Drogenrazzien zu verhindern, dementiert
       das Präsidium: Solch eine Weisung würde „niemals“ ergehen. Und auch zum
       unterbesetzten Notruf verteidigt sich die Polizei: Eine Verzögerung habe es
       nicht gegeben, man sei bereits wenige Minuten nach Bekanntwerden der
       Schüsse an den Tatorten gewesen.
       
       Aber die Fragen beschäftigen nun auch wieder die Politik. [3][Der hessische
       Landtag diskutierte die Vorgänge], zuletzt der Innenausschuss am
       vergangenen Donnerstag.
       
       Für Serpil Temiz stellt sich aber noch eine andere Frage, eine zu ihrer
       Nachbarschaft: Welche Rolle spielte der Vater des Attentäters, Hans-Gerd
       R.? Auch dieser sei seit Langem als Querulant bekannt, schon vor Jahren
       ermittelte die Polizei gegen ihn wegen Beleidigung und falscher
       Verdächtigung. Und offenbar teilt er den Wahn seines Sohnes. Schon 2004
       stellte auch Hans-Gerd R. eine Anzeige, dass seine Familie bespitzelt
       werde. Ein Psychiater attestiert dem Vater in einem Gutachten, dass dieser
       sich dieser „generell mit dem Sohn solidarisiert“ und „auch inhaltlich
       einige von dessen Wahnthemen übernimmt“. Es liege ein geteilter Wahn nahe,
       eine „Folie à deux“.
       
       Auch in der Tatnacht, nachdem sein Sohn spätestens gegen 20.30 Uhr vom
       Attentat zurückgekehrt war, wollen zwei Zeugen Hans-Gerd R. noch vor dessen
       Haus auf der Straße gesehen haben, das Auto seines Sohnes inspizierend.
       Später wird laut Ermittlungsakten auf seinem PC mehrmals die Internetseite
       des Sohnes aufgerufen. Den Ermittlern sagte der Rentner indes, er habe ab
       20 Uhr geschlafen. Gab es Gespräche des Vaters mit seinem Sohn nach der
       Tat? Wusste er im Vorfeld etwas von den Morden?
       
       Laut Aktenlage erschoss Tobias R. wohl erst gegen 1 Uhr seine bettlägerige
       Mutter, später im Keller sich selbst. Seinen Vater ließ er am Leben. Die
       Polizei hatte da schon seit etwa 23 Uhr das Haus umstellt. Ein Betreten
       wagte sie zunächst nicht, fürchtete Sprengfallen. Erst um 3.03 Uhr stürmte
       sie doch die Wohnung – und brachte Hans-Gerd R. aufgrund seines verwirrten
       Zustands ins Krankenhaus.
       
       Die Bundesanwaltschaft führt Hans-Gerd R. als Zeugen. Es gebe keine
       Anhaltspunkte, dass er in den Anschlag involviert gewesen sei, sagte ein
       Vertreter im hessischen Innenausschuss. Keine Schmauchspuren, auch keine
       Hinweise auf ein Mitschreiben am Tatpamphlet.
       
       Viele Opferfamilien aber glauben nicht, dass der Vater in der kleinen
       Wohnung und bei so ähnlichen Einstellungen nichts von den Anschlagsplänen
       mitbekam. Haben sie recht, hätte das auch juristische Folgen. Infrage käme
       dann etwa der Vorwurf der psychischen Beihilfe. Und dann könnte es doch
       noch einen Prozess zu dem Anschlag geben. Bisher fällt dieser aus, weil der
       Attentäter tot ist. Nur ein Abschlussbericht der Bundesanwaltschaft ist
       geplant.
       
       Für Serpil Temiz bedeutet der Vater des Attentäters aber auch: Angst. Denn
       der 73-Jährige gibt keine Ruhe. Schon bald nach der Tat verschickte er
       mehrere Beschwerden und Strafanzeigen an die Bundesanwaltschaft und weitere
       Behörden. Die Durchsuchung seines Hauses in der Tatnacht zeigte er als
       Freiheitsberaubung und Verletzung der Menschenwürde an. Sein Sohn werde
       grundlos öffentlich verunglimpft, er habe das Attentat gar nicht verübt,
       sondern eine „Geheimorganisation“.
       
       Und Hans-Gerd R. holt noch weiter aus. Der Politik wirft er in seinen
       Schreiben „Hetze und Volksaufwiegelung“ vor, [4][Bürgermeister Kaminsky]
       Volksverhetzung, weil dieser sagte, „die Opfer waren keine Fremden“. Es
       gebe eine „Benachteiligung meiner Rasse, mithin des deutschen Volkes“. Der
       Rentner verweist auf die Sarrazin-Bücher. Der Preis, um Deutschland zu
       retten, sei hoch: „Eine Wiederherstellung wird mehrere Menschenleben
       erfordern.“ Alle Gedenkstätten an die Opfer des Hanau-Attentats müssten
       entfernt werden. Die Internetseite seines Sohnes müsse wieder
       freigeschaltet werden. Und auch die Tatwaffen wolle er zurück.
       
       Serpil Temiz und die anderen Opferfamilien erfuhren von den Schreiben des
       Vaters zunächst nichts. Stattdessen erhielten einige eine Ansprache der
       Polizei, auch zu Temiz kamen zwei Beamte: Man solle den Vater in Ruhe
       lassen, sonst werde dies Konsequenzen haben. „Wer schützt hier eigentlich
       wen?“, fragt Temiz. Sie habe keine Angst um sich, aber um ihre Kinder und
       die anderen Jugendlichen in Kesselstadt. „Dieser Mann ist gefährlich, und
       keiner macht was. Was hilft mir ein Therapeut, solange diese Gefahr da
       ist?“
       
       Im Dezember versammelte sich Temiz mit anderen zu einer Kundgebung in der
       Nähe des Hauses von Hans-Gerd R., sie hielt ein Schild mit der Aufschrift
       „Wann werden die Behörden endlich aktiv?“. Piter Minnemann, einer der
       Überlebenden des Attentats, trat ans Mikrofon. „Wir leben in Angst“, sagte
       der 19-Jährige. „Und was wird gemacht? Nichts.“
       
       Statt die Opfer und Jugendlichen zu schützen, erhalte der Vater
       Polizeischutz. Hans-Gerd R. trat da mit seinem Schäferhund vor sein Haus,
       wurde von der Polizei auf Abstand gehalten. Für die Opfer war auch das ein
       Affront. Serpil Temiz sagt, sie habe sich damals abgewendet, sie habe dem
       Mann nicht in die Augen schauen wollen. Und der Vater verschickte danach
       eine erneute Anzeige, in der er die Demonstranten als „wilde Fremde“
       bezeichnete.
       
       Auch Bürgermeister Kaminsky forderte die Sicherheitsbehörden auf, „schnell
       zu agieren“. Die Äußerungen des Vaters seien „unerträglich“. Die Polizei
       will sich dazu nicht äußern: Der Mann sei keine Person des öffentlichen
       Lebens, sagt ein Sprecher. Die Staatsanwaltschaft Hanau bestätigt aber,
       dass sie am 2. Februar gegen Hans-Gerd R. Anzeige wegen Beleidigung erhob –
       wegen dessen Anzeige nach der Kundgebung. „Solche rassistischen
       Beleidigungen sind nicht tolerabel und werden von der Staatsanwaltschaft
       Hanau mit aller Konsequenz verfolgt.“ Den Familien ist das aber zu wenig.
       
       Der Umgang mit Hans-Gerd R. ist nicht einzige Punkt, bei dem sich die
       Hinterbliebenen allein gelassen fühlen. Auch um ihre Opferhilfen gibt es
       Streit. Direkt nach der Tat bekamen die Familien Soforthilfen vom Bund, die
       Eltern 30.000 Euro, Geschwister 15.000 Euro. Doch für viele Angehörige –
       gerade die, die nicht arbeiten können – wird das Geld langfristig nicht
       reichen. Und das Land Hessen zahlte den Familien bisher: nichts.
       
       Opferberatungsstellen forderten deshalb bereits vor Monaten auch von Hessen
       einen Fonds für die Hanau-Opfer. Zuletzt beschloss der Landtag tatsächlich
       einen Opferfonds von zwei Millionen Euro. Der allerdings soll nun generell
       für Opfer von Straftaten bereitstehen. Die Hanau-Betroffenen reagierten
       irritiert: Solle man nun mit anderen um die Hilfsgelder streiten?
       
       ## „Taten statt Worte“
       
       Serpil Temiz und die anderen haben sich vernetzt, organisieren
       Kundgebungen, sprechen in der Öffentlichkeit, reichen Anzeigen ein, wo sie
       Ermittlungsfehler sehen. Sie treffen sich regelmäßig mit Kaminsky, sprachen
       beim Bundespräsidenten in Berlin vor, fordern offensiv „Taten statt Worte“
       ein. Und am Sonntag, noch vor dem offiziellen Gedenken, wollen einige von
       ihnen mit der „Initiative 19. Februar“ in einer Videokundgebung „die Kette
       des Versagens“ beim Attentat offenlegen und eine wirkliche politische Zäsur
       einfordern.
       
       Serpil Temiz übergab schon auf der ersten Gedenkfeier in Hanau, kurz nach
       der Tat, Angela Merkel einen Brief. Das Attentat müsse die Kanzlerin dazu
       bringen, „endlich die Gesellschaft gegen Rassismus zu erwecken“, stand dort
       drin. Es brauche eine „lückenlose Aufklärung“ des Attentats, lebenslange
       Unterstützung der Familien und eine Stiftung „gegen Hass und Rassismus“.
       
       Acht Monate später schritt Temiz selbst zur Tat: Sie gründete am 14.
       November, dem Geburtstag von Ferhat, eine antirassistische
       Bildungsinitiative, benannt nach ihrem Sohn. Die Benachteiligungen in der
       Schule, die Ferhat erlebt habe, das solle sich nicht wiederholen, kein Kind
       und keine Mutter solle das noch mal erleben, sagt Temiz. „Das macht
       Familien kaputt.
       
       Warum müssen wir immer um Akzeptanz bitten? Alle sollen die gleichen Rechte
       haben.“ Temiz will nun mit einem guten Dutzend Jugendlichen
       antirassistische Workshops an Schulen geben, darunter frühere Freunde von
       Ferhat. Sie will Lehrer:innen sensibilisieren und Mütter vernetzen. Die
       erste Veranstaltung findet am Montag in einer Hanauer Berufsschule statt,
       auch Bürgermeister Kaminsky wird dabei sein.
       
       Es ist auch dies eine Bilanz ein Jahr nach dem Anschlag. Dass der
       Attentäter schreckliches Leid in neun Familien angerichtet hat. Aber dass
       diese Familien mehr sind als Opfer, sie haben der Tat einen Aufbruch
       entgegengesetzt. Der Attentäter und sein Vater, auch deren Hass, das gehört
       zum Gestrigen. Serpil Temiz und die anderen aber arbeiten an der Zukunft.
       An einer neuen Generation, jenseits des Hasses. Wenn das gelinge, sagt
       Serpil Temiz, dann seien Ferhat und die anderen nicht umsonst gestorben.
       
       12 Feb 2021
       
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       dazu wird es aber nicht geben. Angehörige üben daran Kritik.
       
   DIR Externe Untersuchung zu Hanau-Anschlag: „Das grenzt an Vertuschung“
       
       Die Hinterbliebenen des Hanau-Anschlags werfen den Behörden mangelnde
       Aufklärung vor. Nun fordern sie eine unabhängige Untersuchungskommission.
       
   DIR Podcast zum Attentat von Hanau: So viele Fragen
       
       Der rassistischen Anschlag in Hanau veränderte die Hinterbliebenen. Der
       Podcast „190220“ dokumentiert ihren Kampf um Aufklärung.
       
   DIR Ein Jahr nach dem Anschlag in Hanau: Anzeige gegen Vater des Attentäters
       
       Die Angehörigen der Toten von Hanau halten auch den Vater von Tobias R. für
       gefährlich. Sie werfen ihm nun Beihilfe zum Mord vor.
       
   DIR Ein Jahr nach Anschlag in Hanau: Der Hass und seine Wegbereiter
       
       Das Attentat von Hanau hat gezeigt, wie gefährlich rassistische
       Verschwörungsfantasien sind. Doch sie werden noch immer unterschätzt.
       
   DIR Sozialarbeiter über Hanau und Corona: „Eine Wunde im Stadtteil“
       
       Die Pandemie hat die Aufarbeitung des Anschlags verhindert, sagt Günter
       Kugler. Er betreut Jugendliche in Hanau-Kesselstadt, viele von ihnen
       kannten die Opfer.
       
   DIR Angehörige zum Jahrestag in Hanau: „Wir werden keine Ruhe geben“
       
       Vor einem Jahr tötete ein Rassist in Hanau zehn Menschen. Die Betroffenen
       kritisieren die Behörden scharf und fordern mehr politische Konsequenzen.
       
   DIR Rechter Terroranschlag in Hanau: Panne und Gedenken
       
       Der Hessische Landtag verspricht entschiedenen Kampf gegen Rassismus. Am
       selben Tag räumt Innenminister Beuth Pannen in der Tatnacht von Hanau ein.
       
   DIR Nach rassistischem Attentat in Hanau: Die Routine
       
       Für viele war es nur ein weiterer Skandal. Unsere Autorin denkt seit dem
       rassistischen Attentat in Hanau an jedem 19. des Monats an die Opfer.
       
   DIR Neue Anker für rechte Strömungen: Ein braunes Panorama
       
       Der Soziologe Matthias Quent veröffentlicht ein neues Buch zum
       Rechtsextremismus. Seine Befunde über Gegenwart und Vergangenheit sind
       beunruhigend.
       
   DIR Hanau-Opfer in Berlin: „Wir dürfen nicht aufgeben“
       
       Bundespräsident Steinmeier empfängt die Opfer des Hanau-Anschlags und
       verspricht ihnen Solidarität. Eine Betroffene gibt sich kämpferisch.