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       # taz.de -- Die Wahrheit: Grüner Daumen, abgebissen
       
       > Der Lockdown bereitet immer mehr Zimmerpflanzen psychische Probleme. So
       > manche fleischfressende Pflanze soll schon ihre Besitzerin verputzt
       > haben.
       
   IMG Bild: Bislang noch recht friedlich, aber wie lange noch? Schwiegermutterzunge auf Fensterbrett
       
       Jahresanfänge verbindet Gerda Kater normalerweise mit braunen Flecken,
       abgestorbenen Blättern und fauligen Wurzeln. In ihrer mittlerweile
       20-jährigen Laufbahn hat die Berliner Botanologin schon so einiges gesehen,
       was sie lieber vergessen würde. Gummibäume, die immer härter wurden und
       schließlich versteinerten. Verwahrloste Bubiköpfe, deren grüne Locken in
       die Kloschüssel ragten. Und Goldfruchtpalmen, die beinahe den Wedel
       abgegeben hätten. Doch so schwierig wie in der Coronapandemie, sagt Gerda
       Kater beim abständigen Gespräch in ihrem Gewächshaus-OP mit dem
       Wahrheit-Reporter, sei es noch nie gewesen.
       
       Gut könne sie sich noch an den panischen Anruf einer Besitzerin unter der
       Notfallnummer 19 91 88 erinnern: „Kommen Sie bitte schnell“, schallte es
       durch die Leitung, „mein Liebling hat sich im Bad eingeschlossen, zuvor hat
       er sein Wasser nicht mehr getrunken und die Wedel hängenlassen.“ Im
       Reihenhaus an der Ligusterallee war den Ausführungen Katers zufolge die
       Lage ernst. Erst nach einigem gutem Zureden öffnete [1][die Goldfruchtpalme
       „Goldi“] die Badtür, und die Botanologin konnte ihr den Wurzelreanimator,
       die Wundpaste und handgeknüpfte Stammstützer anlegen. Das war gerade noch
       mal gut gegangen. Aber wie lange noch?
       
       Kater beklagt ein kübeldickes pflanzliches Problem, das im Lockdown bislang
       komplett übersehen worden sei. Denn die mangelnde Bewegung und der
       dauerhafte Aufenthalt in Zimmern [2][setzten auch den Zimmerpflanzen zu].
       Holger Bott vom Verband für Zimmerpflanzengesundheit (VerfZimPflGes)
       bestätigt die Vermutung der Botanologin.
       
       „Wie würden Sie bitte reagieren, wenn ihr Partner dauerhaft zu Hause
       bleiben würde?“ Wissenschaftliche Untersuchungen hätten ergeben, dass es
       Zimmerpflanzen umso schlechter geht, je länger sie in der Wohnung stehen.
       „Stimmungsschwankungen, Nahrungsverweigerung oder auch mal ein Biss in den
       grünen Daumen sind dann häufig an der Tagesordnung“, sagt Bott vom
       VerfZimPflGes und krault behutsam seine Monstera.
       
       ## Omi samt Rollator verputzt
       
       Er fordert klare Lockerungsperspektiven für Anfang März. „Es kann nicht
       sein, dass Friseure schon öffnen dürfen, die Zimmerpflanzen aber völlig
       vergessen werden.“Fürwahr, die buschigen Bubiköpfe werden es der
       Bundesregierung danken.
       
       Von der Berliner Polizei veröffentlichte Zahlen ergaben jetzt kurz vor
       Redaktionsschluss, dass die Anzahl übergriffiger Zimmerpflanzen in den
       letzten Monaten zugenommen hat. In Berlin-Köpenick hätten fleischfressende
       Pflanzen einen Rollator samt Omi verputzt. In einem Pankower Kindergarten
       soll ein Gummibaum seinen Kautschuk einem Kleinkind mitten ins Gesicht
       gespritzt haben. Die erschreckenden Meldungen zu den Untaten einiger
       gemeiner Kakteen aus Berlin-Plänterwald ersparen wir Ihnen an dieser
       Stelle.
       
       Botanologen aus der deutschen Zimmerpflanzenhauptstadt Gießen haben sich
       mittlerweile ob der Dramatik in heimischen Wohnzimmern überlegt, ein
       Pflanzentauschsystem einzuführen. Ähnlich der TV-Soap „Frauentausch“ sollen
       die grünen Sensibelchen auch mal eine andere Umgebung sehen, beispielsweise
       Klassenzimmer und die darin seit Generationen dahinvegetierenden Kollegen.
       Mit einer Petition wollen die Gießener Botanlogen außerdem erreichen, dass
       in jeder Wohnung mindestens ein Ruheraum für Zimmerpflanzen vorhanden sein
       muss. Denkbar wäre den Botanologen zufolge auch eine Art „Panic-Room“, der
       Besitzer vor den schlimmsten Übergriffen schützen soll.
       
       Gerda Kater fährt derweil schon zu ihrem nächsten Einsatz. Zwei Bonsais
       seien über Nacht in einer Villa nahe dem Grunewald im Berliner Westen bei
       dem Versuch, zu ihren Kollegen durchzubrechen, derart schnell gewachsen,
       dass sie die Decke zur darüberliegenden Wohnung durchschlagen hätten. „So
       kann es nicht weitergehen“, sagt Kater und klemmt sich zum Abschied die
       Amputationssäge unter den Arm.
       
       17 Feb 2021
       
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