# taz.de -- Enquetekommission Klimaschutz Bremen: Das Meer kommt näher
> Steigt der Meeresspiegel weiter, wird's für Bremerhaven brenzlig. Doch
> die Stadt setzt beim Klimaschutz auf eine junge Technologie.
IMG Bild: Bremerhaven 2013: Bei einer Sturmflut steht die halbe Stadt unter Wasser
Bremen taz | Es wirkt so, als wollte Bremerhavens Oberbürgermeister Melf
Grantz (SPD) sagen: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht!“ Er erzählt von
den wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen seiner Stadt, dass man das
„größte Naturschutzgebiet im Land Bremen“ habe und vom direkt daneben
geplanten nachhaltigen Gewerbegebiet.
Er berichtet, dass die angesiedelten Unternehmen in der Lebensmittelbranche
auf Nachhaltigkeit setzten und dass man beim Öffentlichen
Personennahverkehr nachgebessert habe. „In Bremerhaven ist Klimaschutz in
allen Facetten angekommen“, betont Grantz am Freitag beim Zoom-Meeting der
Enquetekommission Klimaschutz. [1][Diese Enquete] hat die Bürgerschaft
eingesetzt. Sie soll eine [2][Klimaschutzstrategie für das Land
entwickeln].
Nötige Verbesserungen sieht Grantz vor allem im Verkehr: „Bremerhaven hat
lange gebraucht, sich von der Formel ‚freie Fahrt für freie Bürger‘ zu
verabschieden.“ Aber heute gebe es die nötige Akzeptanz, den
Individualverkehr einzuschränken und den Radverkehr besser zu fördern, ist
sich Grantz sicher. Auch ein funktionierender und nachhaltiger ÖPNV gehört
zum Komplex Verkehr. Sieben neue [3][Busse, die mit Wasserstoff betrieben
sind], werden daher angeschafft, sagt Grantz. Auf Elektro-Mobilität
hingegen setze man gar nicht.
Zu dieser Entscheidung sei man „nach langer Diskussion mit den
Verkehrsbetrieben“ gekommen. „Wir glauben, dass wir mit der
Wasserstoffstrategie einen Schritt weiter sind.“ Batterien seien nämlich
oft sehr schwer, das Ergebnis oft schlechter im Vergleich. Die Regierung
habe sich also für Wasserstoff entschieden, und das nicht nur im Bereich
Verkehr.
Grüner Wasserstoff wird in einem Elektrolyseur mit Wasser und Strom aus
erneuerbaren Energien gewonnen. Wird er verbrannt, wird wieder Energie
freigesetzt. Die Technologie ist umstritten, weil für die Erzeugung viel
Energie gebraucht wird und weil unklar ist, ob und wann sie in der
alltäglichen Nutzung ankommen wird. Zudem ist der Ansatz immerhin
bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Bremerhaven unmittelbar an der Küste
und nach eigenen Angaben durchschnittlich nur 2,6 Meter über
Normalhöhennull liegt. Der Zeitdruck durch das Klima ist hier besonders
spürbar.
Doch die Seestadt biete der Technologie diverse Standortvorteile, erklärt
Saskia Greiner von der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung
und Stadtentwicklung, die das mit 20 Millionen Euro geförderte [4][Projekt
„Grüner Wasserstoff für Bremerhaven“] leitet: Forschungseinrichtungen,
Flächen, Anwendungsgebiete, die maritime Wirtschaft.
Auf dem Gelände des ehemaligen Flugplatzes Luneort wird noch in diesem Jahr
ein Elektrolyseur-Testfeld aufgebaut. Insgesamt 10
Megawatt-Elektrolyseur-Leistung sollen hier entstehen. Ab 2022 würde dann
etwa eine Tonne Wasserstoff pro Tag erzeugt, sagt Greiner. „Die
Windenergieanlage AD8 im südlichen Fischereihafen soll den regenerativen
Strom liefern“, steht in der Projektbeschreibung.
Man nehme auch die Meerwasser-Elektrolyse in den Blick, sagt Greiner, um
Alternativen zu dem Verbrauch von Trinkwasser zu finden. Vor allem dieser
Ansatz, aber auch der Rest des Projekts, stößt bei vielen
Enquete-Mitgliedern auf Zustimmung – obwohl vorher noch Skepsis gegenüber
Bremerhavens Weg vorherrschend schien.
Unklar bleiben aber auch nach dem Vortrag die Fragen: Wie viel kann in
Bremerhaven produziert werden? Wie viel wird benötigt? Wofür ist
Wasserstoff das Mittel der Wahl? Ende März solle eine Studie vorliegen, die
die Bedarfe der Stadt untersucht, sagt Greiner. Es gehe aber in der Tat
erst einmal um das Forschen und Testen. Doch zumindest Ideen für
Anwendungsgebiete nennt Greiner schon heute: für Fahrzeuge, für die
Herstellung Wasserstoff-basierter Kraftstoffe für Schiffe und die
Wärmebedarfe der Industrie.
In der Schifffahrt, die in Bremerhaven zumindest indirekt das eigentliche
Pfund beim CO2-Ausstoß darstellt, ist der Einsatz von Wasserstoff aber noch
unklar. Momentan setzt man auf die Übergangstechnologie Flüssigerdgas
(LNG). Das müsse man auch noch zehn bis 15 Jahre, sagt
Bremenports-Geschäftsführer Robert Howen, „Mit der Euphorie müssen wir noch
warten.“
## Hafen soll Wasserstoff auch importieren
Für den Hafen selbst, der seinen CO2-Ausstoß in den letzten acht Jahren um
70 Prozent gesenkt hat, sagt Howen, biete Wasserstoff eine „hervorragende
Basis“. Einsetzbar wäre das vor allem für den Transport schwerer Güter über
lange Distanzen, sagt Uwe von Bargen, Direktor für Umwelt- und
Nachhaltigkeitsangelegenheiten von Bremenport. Oder für Generatoren, die
Schiffe am Liegeplatz und in der Werft betreiben.
Es sei auch wichtig, den Hafen für den Import von Wasserstoff fit zu
machen, sagt Howen. Denn Studien prognostizierten, dass weder Land noch
Bund mehr als 15 bis 20 Prozent des Bedarfs selbst decken könnten.
Bereits bei der [5][Enquete-Sitzung zum Bremer Stahlwerk] ging es um die
umstrittene Technologie. Bei dem immensen CO2-Ausstoß des Werks von Arcelor
Mittal liegt hier sicherlich ein Anwendungsbereich. Doch Benjamin Wagner
vom Berg von der Hochschule Bremerhaven warnt davor, andere
Anwendungsgebiete zu ignorieren.
Wo Wasserstoff schließlich genutzt werden wird, werde letztlich „der Markt
entscheiden“, so Felix Matthes vom Öko-Institut. Wasserstoff sei Chance und
Risiko zugleich. „Bremen muss sich jetzt fragen: Auf wie viele Pferde setzt
man? Und wo versenkt man am Ende vielleicht Geld?“
8 Feb 2021
## LINKS
DIR [1] https://www.bremische-buergerschaft.de/index.php?id=enquete-klimaschutz
DIR [2] /Bremer-Enquete-Kommission-Klimaschutz/!5683750
DIR [3] /Auf-dem-Weg-zum-emissionsfreien-Bus/!5700640
DIR [4] https://www.bis-bremerhaven.de/projekt-gruener-wasserstoff-fuer-bremerhaven-startet.99224.html
DIR [5] /Konversion-des-Bremer-Stahlwerks/!5711339
## AUTOREN
DIR Alina Götz
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