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       # taz.de -- Lyrik von Mila Haugová: Schlagfertigkeit der Seele
       
       > Alterssexualität, der Doppelpunkt als Dominantseptakkord: Für ihre Lyrik
       > erhält Mila Haugová Anerkennung auch außerhalb der Slowakei.
       
   IMG Bild: Die Lyrikerin Mila Haugová zu Besuch beim 18. Poesiefestival Berlin im Juni 2017
       
       Insgesamt 23 Gedichtbände musste die 1942 in Budapest geborene, seit Langem
       in Levice und Bratislava heimische Mila Haugová in der kleinen slowakischen
       Sprache veröffentlichen, um der Anerkennung teilhaftig zu werden, wie sie
       nur wenige internationale Literaturpreise in Aussicht stellen. Mit dem
       Erhalt des „Vilenica Prize“ 2020 steht die für jüngere slowakische
       Lyriker:innengenerationen maßgebliche Haugová endlich in einer Reihe mit
       den namhaftesten Schriftsteller:innen der Welt.
       
       Parallel zu ihrer späten Würdigung zeichnet sie gemeinsam [1][mit Anja
       Utler verantwortlich für die Übersetzung] einer repräsentativen Auswahl an
       Gedichten aus ihren letzten drei slowakischen Büchern: „Zwischen zwei
       Leeren“ ist ihre dritte lyrische Publikation in der „Edition
       Korrespondenzen“ und ihre insgesamt sechste auf Deutsch.
       
       Der Titel, und das ist seine Schwäche, verweist nicht auf Haugovás große
       Leitthemen: die weibliche Autonomie in Liebesbeziehungen und familiären
       Kreisen, die Generationenfrage, die Aufhebung scheinbarer Gegensätze wie
       Natur und Kultur oder Verstand und Gefühl, das Leib-Seele-Problem, das
       spirituelle und mystische Erlebnis, die antike Mythologie und ihre
       Aktualisierungen. Doch er hält präzise den Kummer fest, in dem die Motive
       eingetaucht sind im autobiografisch grundierten Alterswerk der Lyrikerin.
       
       Typisch für dieses Alterswerk ist seine „Ungegenwart“. Unter dieser
       [2][Hegel’schen Negati]on sind die unzähligen Rückschauen in der
       Abwesenheit einer unmittelbar erlebten Gegenwart und einer persönlich
       vorgestellten Zukunft adäquat zusammengefasst. Die Zukunft ist Sache der
       weiblichen Nachkommenschaft geworden, der „Tochter“ und der „Töchter meiner
       Tochter“: „ich will nicht groß werden weil dann stirbst du“, wird eine
       Enkelin zitiert. Und der Gegenwart redet ständig die Vergangenheit über den
       Mund: „es gibt kein einziges neues / Erlebnis mehr das sich nicht verfangen
       würde in einer Erinnerung“. Haugovás von Bedauern gelenkte Poesie gipfelt
       in der Ernüchterung, dass die Vergangenheit sich nicht „geraderücken“
       lasse.
       
       Auch das Sichverfangen, das ein Weiterkommen behindert oder in eine
       vielleicht unerwünschte Richtung ablenkt, wäre eine Schwäche des
       Gedichtbandes, wenn dahinter nicht etwa ein ganzes poetisches
       Konstruktionsprinzip stecken würde. Die „Pflanzentagebücher XXX“ mit ihrer
       kosmologischen und edenhaften Gartenmetapher geben Auskunft darüber: Eine
       Natter macht sich im „nassen Garten“ als „schlanker silbergrauer Körper“
       bemerkbar, das macht die Gärtnerin neugierig und ängstlich, was zu ihrem
       Entschluss führt, „das Gras ganz kurz [zu] schneiden / so dass sie kein
       Versteck mehr hat“.
       
       Die angepeilte Sichtbarmachung der Natter durch das Grasschneiden verfängt
       sich im selben Text schließlich in einer Kombination biblischer
       Sinnbildhaftigkeit und sexueller Fantasie, die bei Haugová eingebettet ist
       im übergeordneten Komplex der Alterssexualität: „Ich habe lange/ mit
       niemandem mehr geschlafen ist die Schlange wirklich ein / Symbol der
       Verführung?“ In einem anderen Gedicht ist es eine „keltische Stille“, die
       vermeintliche Disparatheiten „unterirdisch“ miteinander verknüpft, um das
       „umfassende Chaos der wahrgenommenen / Dinge“ ein Stück weit zu bändigen.
       
       Das ist keine bildungsbürgerliche Heranführung an poetische Konstrukte,
       sondern ein poetopsychologischer Versuch der Definierung von Archetypen.
       Ein solcher ist die weibliche Urform Alfa, die hier Nester baut und dort
       als „eingeborene Vertikale“ zu den „Gestalten der Tiefe“ gehört. Oder der
       „Urstern in rotem Zerfall“. Oder das „immer wieder […] aus der Dunkelheit“
       tauchende Tier. Und wenn Haugová den Archetyp sprachlich nicht fassen kann,
       weil „von dem was wir kennen […] nichts / das älteste“ sei, dann grenzt sie
       ihn raumzeitlich vom menschlichen Erkenntnisvermögen ab. Das tut sie
       bisweilen mit vagen Begrifflichkeiten wie „Vorherrede“ oder
       „Vor-Erschaffenes“.
       
       Um sich Archetypen und Ursprüngen anzunähern, wägt Haugová auch Theorien
       ab. Ihre liebste Sprachursprungstheorie ist typischerweise feministischer
       Natur: „die Theorie dass die Sprache beim Sex entstanden ist gefällt mir
       besser / in der Tiefe der Lust kam aus der Kehle der Frau ein langes aaa…“
       – wiederum eine Referenz auf die weibliche Urform und den „griechischen
       Buchstaben Alfa“.
       
       Doch ihr Unternehmen bevorzugt weitgehend den Traum in seiner
       psychoanalytischen Dimension und ist dementsprechend nicht frei von
       Hermetik, „codierter Sprache“ und „Privatsprache“. So sind Haugovás
       Gedichte oft Traumnotate, die, wenn sie aus zeitlicher Distanz durch die
       entsprechenden Traumdeutungen ergänzt werden, mit zwei Jahreszahlen datiert
       sind. Die „Pflanzentagebücher XXXIV“ sind mit dem Datum „1996–2016“
       versehen: Im Traum erscheint ein Mann mit „asiatisch glatten / Haaren“, und
       in der Traumdeutung herrscht Gewissheit: „Es ist O.“, „ein Chinese aus
       Malaysia“.
       
       Analysand:in und Analytiker:in finden bei Haugová ihre poetische
       Entsprechung in „Traumsuche“ und „Traumheiler“, zwischen denen stets der
       „Traumzaun“ als interpretatorische Hürde ragt. „Traumzaun“ – das ist eine
       psychoanalytische Abwandlung des [3][Celan’schen „Sprachgitter]s“.
       
       Um solchen verschlungenen Komplexitäten lyrisch gerecht zu werden, hat
       Haugová über Jahrzehnte hinweg ein quasimusikalisches Notationssystem
       entwickelt, das sich zu Adornos kurzem Entwurf über das „geschichtliche
       Wesen der Satzzeichen“ wie ein poetisches Abbild verhält. Beiden geht
       jegliche „Gebärde der Autorität“ vollkommen ab. Die autoritärste war für
       Adorno das Ausrufungszeichen. In Haugovás Gedichten ist es fast getilgt,
       wie auch das Komma und das Semikolon. Was vorherrscht, ist der
       mundaufsperrende, von Adorno mit dem Dominantseptakkord verglichene
       Doppelpunkt, den Haugová, ganz adornitisch, „nahrhaft füttert“.
       
       Es heißt einmal: „der Lebenswille lockert sein Seil“. Haugovás Alterswerk
       tut es nicht, im Gegenteil, es ist eine Manifestation von „Tempo und
       Schlagfertigkeit der Seele“. Es ist innerlich derart vibrierend
       unaufgeräumt, dass die von ihm verzauberte Lyrikwelt auf seine Fortsetzung
       hoffen darf.
       
       14 Jan 2021
       
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