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       # taz.de -- Femizide in Italien: Sieben Tage, sieben Frauenmorde
       
       > Im Januar 2020 wurden in Italien an sieben Tagen sieben Frauen ermordet
       > aufgefunden. Unsere Autorin hat sich auf Spurensuche begeben.
       
   IMG Bild: Am Weltfrauentag 2020 demonstrierten die Mitglieder von „Non una di meno“ in Rom
       
       Montag, 27. Januar 2020: Dass es sich um einen gewaltsamen Mord handelt,
       davon sind die Ermittler überzeugt, als sie die Leiche der zwei Tage vorher
       verschwundenen Francesca Fantoni sehen. Die Würgespuren am Hals. Die
       Blutergüsse am ganzen Körper. Die Autopsie stellt später eine
       Vergewaltigung fest. Die Frau, die man in ihrem Heimatort Bedizzole tötete,
       einer rund 12.000 Einwohner zählenden Gemeinde zehn Kilometer vom Gardasee
       entfernt, wurde 39 Jahre alt.
       
       Mittwoch, 29. Januar 2020: Am Abend stoßen Polizisten in einem Haus in der
       Via Calipso in Mazara del Vallo im Osten Siziliens auf Blutspuren. In der
       Küche, im Bad, im Wohnzimmer. Im Schlafzimmer liegt Rosalia Garofalo, die
       wenige Monate später ihren 54. Geburtstag gefeiert hätte, reglos auf dem
       Bett. „Der Körper war ein Mosaik aus Blutergüssen und Schwellungen. Das
       Gesicht aufgedunsen und entstellt“, wird der leitende Ermittler später
       sagen. Es ist der fünfte Frauenmord, zu dem er im Laufe seines Berufslebens
       gerufen wird. Noch nie zuvor hat er etwas Vergleichbares gesehen.
       
       Donnerstag, 30. Januar 2020: In Vierschach, einem Ort in Südtirol kurz vor
       der österreichischen Grenze, finden die Ermittler am Vormittag in einem
       Apartment im zweiten Stock eines Hauses in der Angerstraße den leblosen
       Körper der 28 Jahre alten Fatima Zeeshan. Die Pakistanerin war im achten
       Monat schwanger, ihr Körper weist zahlreiche blutunterlaufene Stellen auf.
       Die Obduktion ergibt in den Tagen darauf, dass die Frau mit Füßen getreten,
       mit Fausthieben geschlagen und schließlich erstickt wurde.
       
       Donnerstag, 30. Januar 2020: Kurz vor Mitternacht hören Anwohner der Via
       Santa Maria Annunziata in Mussomeli, einer Gemeinde im Zentrum von
       Sizilien, fünf Schüsse. Kurz darauf weitere fünf. Wenig später einen
       letzten. Es hätte so geklungen, als ob Fensterläden oder Türen gegen die
       Wand schlagen würden, wird ein Nachbar am Tag darauf sagen. In Wahrheit
       wurden gerade zwei Frauen erschossen: Rosalia Mifsud, 48, und ihre Tochter
       Monica Diliberto, 27.
       
       ## Ein ganz normales Paar
       
       Freitag, 31. Januar 2020: Zwischen ein und zwei Uhr morgens finden
       Carabinieri in der Peripherie der Küstenstadt Alghero auf Sardinien unweit
       eines Parkplatzgeländes eine weibliche Leiche. Der Verwesungsprozess ist
       bereits fortgeschritten. Speranza Ponti, vor 50 Jahren in der knapp 3.000
       Einwohner zählenden Gemeinde Uri auf Sardinien geboren, wurde seit Anfang
       Dezember 2019 vermisst.
       
       Freitag, 31. Januar 2020: Am Morgen verabschiedet sich in der Via Furlani
       in Genua, der Hauptstadt Liguriens, ein Mann von seiner Haushälterin in der
       Annahme, sie bei seiner Rückkehr nicht mehr anzutreffen. Als er gegen 18:30
       Uhr zurückkehrt, stößt er beim Betreten seiner Wohnung auf die ermordete
       Frau. Neben ihr liegt in einer Blutlache ein schwerverletzter Mann. Die
       Notärzte können nur mehr den Tod der in Albanien geborenen Laureta Zyberi,
       43, feststellen. Aber sie retten den Schwerverletzten. Unweit von ihm liegt
       das Messer, mit dem er zehnmal auf die Frau eingestochen und sich selbst
       schwere Stichwunden im Unterleib zugefügt hat. Eduart Zyberi, 54, von Beruf
       Maurer, wird kurz darauf im Krankenhaus San Martino notversorgt und
       operiert.
       
       Noch im Krankenhausbett gesteht Zyberi die Tat an der Frau, mit der er 20
       Jahre lang verheiratet war. Es stellt sich heraus, dass er seine Frau eines
       Verhältnisses mit einem anderen Mann, vermutlich mit ihrem Arbeitgeber,
       verdächtigt hat. Zyberis Scooter steht wie so oft auch an jenem Tag in der
       Straße unterhalb des Arbeitsplatzes seiner Frau. Er kennt den Weg gut, er
       hat Laureta oft dort abgeholt. Die Nachricht von der Bluttat ist für
       Bekannte und Verwandte, besonders für die zwei erwachsenen Söhne des seit
       1996 in Italien lebenden Paares, ein Schock. Niemand von ihnen weiß
       gegenüber der Polizei von Streitereien oder einer Trennung zu berichten.
       Die Zyberis, sie waren nach außen hin ein ganz normales Paar.
       
       Vergewaltigt, zu Tode getreten und geprügelt. Erwürgt, erstochen und
       erschossen. Sieben tote Frauen in sieben Tagen, verteilt von Nord bis Süd
       über das ganze Land. Statistisch gesehen war die letzte Januarwoche 2020
       besonders gravierend, durchschnittlich wird in Italien circa alle drei Tage
       eine Frau ermordet. Und die Gewalt an Frauen, sie nimmt nicht ab, im
       Gegenteil.
       
       2018 war laut dem EURES-Report „Frauenmord und geschlechtsspezifische
       Gewalt“ der Anteil der weiblichen Opfer an der Gesamtzahl der verübten
       Morde in Italien so hoch wie nie zuvor: 40,3 Prozent, in Zahlen sind das:
       142 ermordete Frauen. Im selben Jahr stiegen auch die Anzeigen wegen
       Missbrauchs in der Familie (+ 11,7 Prozent), sexueller Gewalt (+ 5,4
       Prozent) und Stalkings (+ 4,4 Prozent). Von der Öffentlichkeit werden die
       Taten kaum wahrgenommen.
       
       Was bedeutet es, in Italien eine Frau zu sein? Dazu hat die Autorin dieses
       Textes gemeinsam mit der Fotografin Franziska Gilli – beide sind im Land in
       einer deutschen Community aufgewachsen – über mehrere Jahre hinweg
       recherchiert. In ihrem Buch „Hure oder Heilige – Frau sein in Italien“, aus
       dem auch dieser Text in Teilen stammt, begleiten sie feministische
       Aktivistinnen und Nonnen der unbefleckten Empfängnis. Sie treffen Showgirls
       aus dem Fernsehen und junge Frauen, die ihnen nacheifern. Und sie berichten
       über Gewalt, die Frauen das Leben kostet.
       
       Alghero, Sardinien: Tage bevor Speranza Pontis halb verwester Körper
       gefunden wird, postet ihr Partner Massimiliano Farci, 53, mit dem sie eine
       Pizzeria führte, mehrere Nachrichten auf Facebook. Er richtet sie alle an
       seine Freundin, deren Name übersetzt „Hoffnung“ bedeutet: „Im Leben wird
       sich alles regeln, niemand wird dich verurteilen, viele lieben dich, viele
       hoffen auf dich, viele glauben an dich, besonders ich, was auch immer das
       Problem ist. Wir werden darüber reden, auch wenn wir schon viel geredet
       haben, wir werden nie aufhören, darüber zu reden. Aber ich bitte dich, lass
       uns darüber reden. Ich habe immer an die Hoffnung geglaubt.“
       
       Die Carabinieri finden die Tote durch Hinweise von Farci nach einem
       stundenlangen Verhör. Der in der Nähe von Cagliari geborene Mann sagt aus,
       er habe seine Lebensgefährtin am 6. Dezember in der gemeinsamen Wohnung in
       der Vittorio-Emanuele-Straße in Alghero tot aufgefunden. Sie habe an
       Depressionen gelitten und sich das Leben genommen. Aus Angst, verdächtigt
       zu werden, habe er sie an einen ihrer Lieblingsorte am Rande der Stadt
       gebracht, von wo man das Meer sehen könne.
       
       Seit 2017 befindet sich Farci in Halbfreiheit. 1999 gestand er den Mord an
       einem Mann. Die Ermittler glauben seinen widersprüchlichen Aussagen auch
       dieses Mal nicht und verhaften ihn wegen des Verdachts auf Mord und
       Unterschlagung einer Leiche sowie Raub. Mit der EC-Karte seiner toten
       Partnerin hat Farci kurz vorher mehrere Tausend Euro abgehoben. Lokalen
       Medien zufolge verfügte Ponti nach dem Verkauf einer Wohnung und einer
       eingelösten Versicherung über eine Geldsumme, an der Farci interessiert
       war.
       
       Sizilien: Rosalia Mifsud und Michele Noto aus Mussomeli sind ein ungleiches
       Paar, von dem nur wenige wissen. Sie ist mehr als 20 Jahre älter als
       Michele, älter als seine Mutter. Noto besitzt einen Waffenschein, von Zeit
       zu Zeit arbeitet er in einem Bestattungsinstitut, er hält einen Hund der
       Rasse Corso Italiano, trainiert im Fitnessstudio. Nachbarn beschreiben ihn
       als „ruhigen jungen Mann“. Als Rosalia die Beziehung, mit der ihre Tochter
       Monica nicht einverstanden ist, beendet, will Michele Noto das nicht
       akzeptieren.
       
       Vor den tödlichen Schüssen, so wird ein Anwohner in einem Video den
       Journalisten später erzählen, erledigt Rosalia gemeinsam mit einer
       Nachbarin in deren Wohnung Hausarbeiten. Gegen 23 Uhr kehrt sie nach Hause
       zurück. Ihr Exfreund Michele Noto, der in derselben Straße wohnt, betritt
       ihr Haus kurz darauf über die weiße Eingangstür, die keine Spuren von
       Gewaltanwendung aufweist. Zuerst schießt er Rosalia in den Mund, dann
       richtet er ihre Tochter hin. Mit einem letzten Schuss tötet er sich selbst.
       
       Mutter und Tochter tragen ihr Haar lockig, auf Bildern sehen sie aus wie
       Schwestern. Die letzte Nachricht, die von ihnen nach außen dringt, wird
       über Whatsapp verschickt. Als Monica auf eine Nachricht ihres Freundes
       nicht mehr antwortet, fährt er gemeinsam mit ihrem Bruder und Rosalias Sohn
       in deren Wohnung. Dort finden sie drei Leichen. Die Mutter in ihrem
       Schlafzimmer, die Tochter nicht weit von ihr entfernt. Und Noto.
       
       Auch wenn oft angenommen wird, im Süden Italiens sei ein konservativeres
       Rollenverständnis verbreiteter als im Norden, so ist den Zahlen zufolge
       geschlechtsspezifische Gewalt ein gesamtstaatliches Problem. Im Norden sind
       die Zahlen der Frauenmorde am höchsten, was daran liegt, dass dort mehr
       Menschen leben. Statistisch gesehen kam im Jahr 2018 in der Lombardei wie
       in Sizilien eine ermordete Frau auf 500.000 Einwohner. Egal ob Mailand oder
       Palermo, das Frauenbild in der italienischen Gesellschaft kann als äußerst
       widersprüchlich bezeichnet werden:
       
       Lasziv tanzen leicht bekleidete Showgirls seit mittlerweile 65 Jahren
       durchs Hauptabendprogramm. Tragen freizügige Kostüme, starkes Make-up, eine
       Ausnahme ist, wer keine schönheitsmedizinischen Eingriffe hat machen
       lassen. Statt zu sprechen, lächeln sie bloß. Das Bild der stummen Schönen
       wird in privaten Medien wie jenen der Familie Berlusconi rauf und runter
       gespielt, aber auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
       
       Sexistische Stereotype sind in Italien so festgefahren wie kaum irgendwo in
       Europa, während die Figur der Mutter als Ikone verehrt wird und sich manche
       Dogmen noch aus der Zeit des Faschismus halten. „In unserem Staat darf die
       Frau keine Rolle spielen“, sagte Benito Mussolini einst. Fast hundert Jahre
       später sind Frauen in Italien überdurchschnittlich gut ausgebildet, aber
       unterdurchschnittlich oft beschäftigt. Der gesellschaftliche Druck auf sie
       ist in vielen Bereichen enorm groß.
       
       Obwohl sich in Italien mit [1][„Non una di meno“] 2016 eine der lautesten
       feministischen Bewegungen Europas formte, verhallte die #MeToo-Debatte
       ergebnislos, das Land der Kavaliere und Charmeure schien nicht bereit zu
       sein für diese Auseinandersetzung. Im Gegenteil, patriarchale Strukturen
       wurden dadurch noch verhärtet.
       
       Asia Argento, die Schauspielerin, die für die Vorwürfe der sexuellen
       Belästigung gegen Harvey Weinstein im Ausland Solidarität erhielt, erntete
       zu Hause in Italien Beschimpfungen und Gewaltandrohungen. Immer offener
       schüren Politiker der neuen Rechten wie der ehemalige Innenminister Matteo
       Salvini ihren Frauenhass, etwa wenn er twittert: „Ich schäme mich übrigens
       für diesen Sänger, der Frauen mit Huren vergleicht, die vergewaltigt,
       gekidnappt und wie Objekte behandelt werden. Das machst du bei dir zu
       Hause, nicht im Öffentlich-Rechtlichen und auch noch im Namen der
       italienischen Musik.“
       
       Eine der massivsten Prägungen erfuhr das Frauenbild in Italien aber von
       religiöser Seite: durch die katholische Kirche und den Vatikan, der sich
       seit jeher stark in gesellschaftliche wie politische Belange einmischt.
       Zwei zentrale Frauenrollen des katholischen Glaubens beeinflussen Italien
       seit zwei Jahrtausenden. Sie könnten nicht unterschiedlicher sein und doch
       bedingen sie sich: die Hure und die Heilige, Maria Magdalena und die
       Jungfrau Maria. Zwischen der einen und der anderen können sich Frauen
       entscheiden, so scheint es. Die Kritik daran ist nicht neu – Feministinnen
       wehren sich schon lange dagegen –, aber sie ist noch immer aktuell.
       
       Im lombardischen Bedizzole ist Francesca Fantoni mit den kurzen dunklen
       Haaren den meisten unter ihrem Spitznamen „Kekka“ bekannt. Da sie an einer
       leichten psychischen Störung leidet, sind die Eltern besorgt, als sie an
       jenem Samstagabend nicht nach Hause kommt. Sie informieren die Polizei und
       starten über die sozialen Medien eine Suchaktion. Aufnahmen einer
       Überwachungskamera zeigen sie in einer Bar. Gegen 20:30 Uhr nähert sich ihr
       Andrea Pavarini, 32 Jahre alt, aus Bedizzole wie sie, von Beruf Gärtner
       und Landwirt. Sie scheint nicht erfreut darüber zu sein, verlässt aber kurz
       darauf zusammen mit ihm das Lokal. Am selben Abend taucht Andrea Pavarini
       zu später Stunde in einer anderen Bar von Bedizzole auf – ohne Francesca
       Fantoni. Sein Pullover ist befleckt mit Blut und Schlamm.
       
       ## Problematisch und aufdringlich
       
       Am Sonntag wird Francescas kaputtes Mobiltelefon auf dem Stadtplatz
       entdeckt. Am Montagvormittag finden zwei Carabinieri im Stadtpark von
       Bedizzole zwischen Bäumen und Büschen ihre halbnackte Leiche. Tage später
       gesteht Pavarini den Mord. Dorfbewohner beschreiben ihn als problematisch,
       aufdringlich und unfähig, seine Triebe zu kontrollieren. In der
       Vergangenheit wurde er der sexuellen Belästigung beschuldigt. Gegen ihn
       wird wegen Totschlags ermittelt. Es besteht die Gefahr der Flucht und der
       Tatwiederholung.
       
       Vierschach, Südtirol: Nachbarn sagen, sie hätten die junge Frau, die
       gemeinsam mit ihrem 38 Jahre alten Ehemann Mustafa Zeeshan seit knapp einem
       Jahr in der Wohnung lebte, kaum wahrgenommen und höchstens einmal auf dem
       Balkon sitzen gesehen. Das Haus habe Fatima Zeeshan nie verlassen. Private
       Hochzeitsbilder zeigen eine zarte junge Frau mit rot geschminkten Lippen
       und großen Ohrringen unter ihrem Brautschleier. Keine 500 Einwohner zählt
       die zu Innichen gehörende Ortschaft. Es gibt eine Kirche, Skilifte und ein
       an der Hauptstraße gelegenes Restaurant mit Pizzeria, in dem Mustafa seit
       vier Jahren arbeitet. Zuerst als Tellerwäscher, dann als Pizzabäcker.
       
       Es ist Mustafa Zeeshan selbst, der die Polizei über den Tod seiner
       hochschwangeren Frau informiert. Der zudem zuvor hektisch Arbeitskollegen
       und Nachbarn anruft und an jenem Vormittag nicht zur Arbeit erscheint. Noch
       am selben Tag verhören die Ermittler ihn und seine Nachbarn und
       Arbeitskollegen mit Hilfe von Dolmetschern bis spät in den Abend hinein.
       Deren Aussagen und sein Schweigen belasten Zeeshan schwer, er gilt als
       dringend tatverdächtig.
       
       Stunden später wird er ins Gefängnis überstellt. Seine Pflichtverteidigerin
       sagt, ihr Mandant sei vor Schock weder imstande zu sprechen noch zu gehen.
       Mustafa Zeeshan wird des Mehrfachmordes beschuldigt – drei Wochen später
       hätte Fatima ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Ihrer Schwester soll sie
       vor dem Tod erzählt haben, dass ihr Ehemann sie manchmal schlage und es
       Probleme mit seiner Familie in Pakistan gebe, weil er ihr seit seiner
       Heirat nur noch halb so viel Geld schicken könne. Ehemalige Arbeitskollegen
       sagen, Mustafa habe sich sehr auf das Baby gefreut.
       
       Laut dem EURES-Report verwendeten die meisten Täter Stichwaffen wie ein
       Messer, gefolgt von Schusswaffen und den eigenen Händen, mit denen sie die
       Frauen erwürgt oder zu Tode geprügelt haben. Rund ein Fünftel der Männer
       war geständig, ein Viertel nahm sich nach dem Mord das Leben oder versuchte
       es. In 28 Prozent der Fälle gingen dem Femizid viele gewaltvolle Jahre
       voraus.
       
       Zweimal zeigt Rosalia Garofalo 2017 ihren Ehemann, mit dem sie seit 30
       Jahren verheiratet ist und einen 27 Jahre alten Sohn hat, wegen
       Misshandlung an. Eine Zeit lang lebt sie in einem Frauenhaus. Im Oktober
       2019 erstattet sie zum dritten Mal Anzeige, zieht sie aber bald darauf
       wieder zurück und versichert, nie wieder zu Vincenzo Frasillo
       zurückzukehren. Als der 53 Jahre alte Sizilianer, arbeitslos und
       vorbestraft, an jenem Abend die Notrufnummer 118 wählt, gibt er an, seine
       Frau sei erkrankt und nun tot. Das Sanitätspersonal alarmiert die Polizei.
       
       Bei der Befragung soll er lokalen Medien zufolge immer wiederholt haben:
       „Meine Frau hat mich betrogen. Aber ich habe sie nicht getötet, ich habe
       sie nur am Montag geschlagen.“ Vincenzo Frasillo soll seiner Frau angeboten
       haben, sie ins Krankenhaus zu bringen oder einen Arzt zu holen, was sie
       verneint habe. Die Untersuchungen des Gerichtsmediziners ergeben, dass
       Rosalia Garofalo drei Tage lang zu Tode geprügelt wurde. Gegen Frasillo
       wird Haftbefehl erhoben.
       
       Die sieben Frauen wurden auf unterschiedliche Arten getötet,
       unterschiedliche Hintergründe verbergen sich hinter ihren Geschichten. Zwei
       von ihnen teilen den Vornamen Rosalia, und allen gemeinsam ist ein Fakt,
       der auf einen Großteil der Frauenmorde zutrifft: Die Frauen kannten ihre
       Mörder. In den allermeisten Fällen besaßen sie denselben Wohnungsschlüssel.
       So wie in der letzten Januarwoche 2020 fanden auch in den Jahren zuvor in
       Italien die meisten Verbrechen zu Hause statt, hinter verschlossenen Türen.
       2018 wurden 78 Frauen in Italien, bei einer Gesamtzahl von 60,5 Millionen
       Einwohnern, durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Expartner getötet.
       
       In Deutschland waren es im gleichen Jahr [2][122 Frauen], die durch ihre
       Partner ums Leben kamen. Im Verhältnis zur Bevölkerungsanzahl ist die Rate
       in Deutschland damit höher als in Italien. (1:775.641 Einwohner in Italien;
       1:680.327 Einwohner in Deutschland). Vergleicht man die Femizid-Rate mit
       dem weiblichen Bevölkerungsanteil, liegt Italien mit seinen Zahlen unter
       dem europäischen Mittelwert.
       
       Am Ende jener Woche Ende Januar 2020 bezeichnet Giovanni Salvi, der
       Generalstaatsanwalt des italienischen Kassationsgerichts, die Frauenmorde
       als „nationalen Notstand“. Der in dieser Woche zurückgetretene
       Ministerpräsident Giuseppe Conte verspricht damals, den im August 2019 in
       Kraft getretenen „Codice Rosso“, der die Meldungen und Untersuchungen von
       Verbrechen im Zusammenhang mit häuslicher oder geschlechtsspezifischer
       Gewalt regelt, wirksamer zu gestalten. Auf Facebook schrieb er: „Gewalt
       gegen Frauen ist auch ein kulturelles Problem, und deshalb werden wir in
       den Schulen ansetzen, zwischen Jungen und Mädchen, denn dort muss der
       Wandel beginnen.“
       
       Vor einem Jahr werden die ermordeten Frauen nach und nach verabschiedet.
       Bei der Beerdigung von Francesca Fantoni, die vergewaltigt, erstickt und im
       Park ihrer Heimatstadt entsorgt wurde, fragt der Priester die Trauernden:
       „Warum nimmt die Gewalt überhand? Warum ist es so leicht zu töten? Man kann
       nicht sagen, dass diejenigen, die solche Taten begehen, alle geistig
       gestört wären.“ Der Bürgermeister verordnet eine eintägige Stadttrauer.
       
       Unzählige Menschen sind anwesend, als die beiden Mordopfer Rosalia Mifsud
       und ihre Tochter Monica Diliberto zu Grabe getragen werden. Die Kirche San
       Giovanni in Mussomeli ist voll, als der Priester sagt: „In diesen Momenten
       der Ohnmacht kann nur der Glaube Antworten und Trost geben.“ Er vertraut
       die beiden der Schutzpatronin der Stadt an, der Madonna dei Miracoli, der
       Muttergottes der Wunder. Am Tag darauf wird der Täter in derselben Kirche
       beerdigt.
       
       ## Symbol für die Tränen der Frauen
       
       In der zweieinhalb Stunden entfernten Kathedrale von Mazara del Vallo wird
       die tagelang zu Tode geprügelte Rosalia Garofalo beigesetzt. Ihr Sohn wird
       während der Trauerfeier von Sanitätern der Notfallmedizin betreut.
       
       In Genua wird Laureta Zyberi verabschiedet.
       
       Die pakistanische Gemeinschaft in Südtirol will die Leiche von Fatima
       Zeeshan in die Heimat überführen, aber sie wird zunächst nicht freigegeben.
       Die Katholische Frauenbewegung von Innichen gedenkt Fatimas und ihres
       ungeborenen Kindes mit einer Schweigeminute. Zum Gottesdienst am
       Weltfrauentag stellen die Frauen eine Schale mit Glasperlen auf den Altar,
       als Symbol für die Tränen von Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt sind. Im
       Mai wird die Leiche schließlich von Mailand nach Pakistan überführt. Die
       pakistanische Gemeinschaft in Südtirol kommt für die fast 4.000 Euro auf.
       
       Die Familie von Speranza Ponti aus Sardinien hat nach Informationen lokaler
       Medien das von den Franziskanerinnen verfasste Gebet gegen Frauenmord bei
       der Beerdigung verlesen. Eine Stelle dort lautet: „Du bist sanftmütig,
       Herr, du bist Schutz: Gib den Frauen die Kraft und den Mut, ihre Sklaverei
       anzuerkennen und der Unterdrückung zu entkommen. Gib uns den Mut, empört zu
       sein und uns nicht hinter Gleichgültigkeit zu verstecken, sondern immer und
       unter allen Umständen zu ihrer Verteidigung, ihrem Schutz und ihrer
       Unterstützung zu handeln.“
       
       Hinweis: Dieser Text stammt in Teilen aus dem kürzlich bei Edition Raetia
       erschienenen Buch von Barbara Bachmann und Franziska Gilli: Hure
       oderHeilige – Frau sein in Italien, 224 Seiten, 24,90 Euro.
       
       2 Feb 2021
       
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   DIR [2] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/presse/pressemitteilungen/gewalt-gegen-frauen---zahlen-weiterhin-hoch-ministerin-giffey-startet-initiative--staerker-als-gewalt-/141688
       
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       Morde an der Mexikanerin und ihrer Tochter. Der Film kommt zur richtigen
       Zeit.
       
   DIR Femizide in Deutschland: Blinder Fleck der Gesetzgebung
       
       Jede Woche sterben in Deutschland drei Frauen durch Partner oder
       Ex-Partner. Die Linksfraktion im Bundestag fordert entschiedeneres
       Vorgehen.
       
   DIR Mord an Frauen: Femizide sind kein „Drama“
       
       In Göttingen und Kitzbühel wurden in der vergangenen Woche mehrere Frauen
       von Männern getötet. Nennt das bitte nicht „Beziehungsdrama“.