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       # taz.de -- Geheimnisse in Zeiten des Oversharings: Weniger teilen, mehr verschweigen
       
       > Das 21. Jahrhundert scheint keine Geheimnisse mehr zu kennen. Überall
       > wird alles und immer geteilt. Höchste Zeit, wieder geheimnisvoller zu
       > werden.
       
   IMG Bild: Oversharing im vordigitalen Zeitalter: Moderatorin Arabella Kiesbauer in den 90er Jahren
       
       Neulich sprach ich mit jemandem über Geheimnisse und stellte dabei fest,
       dass ich so gut wie keine Geheimnisse habe. Vielleicht bin ich das, was man
       im [1][Internet „Oversharer“ nennt]. Was heißt vielleicht. Ich weiß es ganz
       sicher, dass ich ein Oversharer bin.
       
       Aber ich empfinde es irgendwie als befreiend zu wissen, dass es nichts
       gibt, was mir unangenehm wäre, wenn es rauskäme. Also etwas, womit mich
       jemand unter Druck setzen könnte.
       
       Ich glaube mein Verständnis von Geheimnissen wurde stark von den Sendungen
       beeinflusst, die ich früher als Teenager jeden Nachmittag geschaut habe.
       Gerade Talkshows und Soaps leben von diesen Momenten, in denen das
       Geheimnis einer Person gelüftet wird. Geheimnisse sind wichtig, dramatisch
       und auf eine Art cool. So meine damalige simple wie auch logische
       Schlussfolgerung. Also beschloss ich, geheimnisvoll zu werden.
       
       Ich dachte, Geheimnisse bedeuten gleichzeitig auch Schutz vor der
       Außenwelt. Niemand kann dir etwas antun, weil niemand genug in der Hand
       hat, um dich unter Druck zu setzen. Außerdem fand ich geheimnisvolle
       Menschen so viel spannender und interessanter als mein Oversharing-Ass, der
       jedem alles sofort erzählen wollte. Nicht zuletzt erhoffte ich mir auch der
       ewigen Kumpelrolle, in der ich als Teenie (und vielleicht heute auch noch)
       war, zu entkommen.
       
       ## Arabella Kiesbauer schauen
       
       Geheimnisvolle Menschen kriegen die heißesten Typen ab, war meine sehr
       einfache Rechnung. Operation geheimnisvolle Anna war geboren. Ich
       trainierte einen Blick im Spiegel, den ich für geheimnisvoll hielt. Und
       überlegte, wie eine geheimnisvolle Garderobe wohl aussieht und wie ich sie
       mir mit dem Taschengeld einer 15-Jährigen leisten könnte. Ich las die
       Mädchen, die Bravo Girl und die Jolie und die Joy und die günstigen
       [2][Variationen der Designerkleidung] waren immer noch Mango, Zara und
       damit für mich zu teuer.
       
       Also versuchte ich meine Kleidung mit wenig Geld cooler und geheimnisvoller
       zu machen. Ich schnitt meine Hosen auf und experimentierte mit Aufnähern
       und Sicherheitsnadeln. Aber egal was ich versuchte: Ich wurde nicht
       geheimnisvoller. Ich versuchte abzunehmen und androgyner zu wirken, weil
       ich dachte, dass das auch geheimnisvoll bedeutet. Es half nichts.
       
       Meine Hobbys waren schließlich Nutellabrote essen [3][und Arabella
       Kiesbauer schauen]. Und selbst wenn ich abnahm, blieb mein Hintern gleich.
       Toll, Riesenhintern und dazu auch noch null geheimnisvoll. Jetzt sind große
       Hintern angesagt, und die, die sich früher über meinen lustig gemacht
       haben, lassen sich ihren beim Schönheitschirurgen vergrößern.
       
       [4][Alle oversharen auf Twitter], Instagram, Facebook, Clubhouse und im Bus
       auf dem Handy. Und jetzt will ich wieder geheimnisvoll werden. Nach der
       nächsten Kolumne.
       
       27 Jan 2021
       
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