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       # taz.de -- Neues Album von Louis Philippe: Orchestraler Stand der Dinge
       
       > Louis Philippe veröffentlicht mit „Thunderclouds“ erstmals ein Album mit
       > Band. Gemeinsam mit The Night Mail gelingen ihm so bittersüße Popsongs.
       
   IMG Bild: Louis Philippe und die Band The Night Mail
       
       Die achtziger Jahre in Großbritannien waren eher grau, sowohl politisch als
       auch ästhetisch. Glücklicherweise erschien in dieser Tristesse Mike Alway
       und schuf mit dem modernistischen Label él Records ein eskapistisches
       Wolkenkuckucksheim.
       
       Neben Künstlern wie Bid (von der Band The Monochrome Set) und Simon Fisher
       Turner war der Franzose Philippe Auclair Hauskomponist für Fantasiebands
       wie King Of Luxembourg, Bad Dream Fancy Dress und Anthony Adverse. Für die
       letztgenannte komponierte Auclair mit „The Red Shoes“ gar einen imaginären
       Soundtrack zu dem gleichnamigen Film von Michael Powell und Emeric
       Pressburger.
       
       Ein Meisterwerk, für dessen traumhaften Charakter es im Englischen den
       schönen Begriff whimsical (wunderlich) gibt. Authentizität stand noch nie
       sehr weit oben auf der Prioritätenliste dieser skurril-schönen Welt,
       entsprechend nannte sich Philippe Auclair fortan Louis Philippe. „I have
       an orchestral way of looking at things“, charakterisierte er sich einmal
       selbst, und diese Sichtweise zieht sich nun schon seit 1983 durch sein
       reichhaltiges musikalisches Werk.
       
       Auf der Rückseite seines Albums „Ivory Tower“ (1988) ist sein Eintrag ins
       Poesiealbum abgedruckt. „Lieblingsmaler: Matisse, Lieblingsfarbe: Indigo,
       Lieblingswein: Krug Champagner, Film des Jahrhunderts: ‚Une Partie de
       Campagne‘, seine Vorstellung von der Hölle: in Amerika zu leben.“ Daraus
       ersichtlich: Bei Louis Philippe wird mit Glacéhandschuhen gearbeitet. Und,
       logisch, selbstverständlich ist sein Lieblingsalbum „Pet Sounds“ von den
       Beach Boys.
       
       ## Sunshine Pop meets Gesellschaftskritik
       
       Inzwischen hat er an die zwanzig Alben und Kollaborationen mit
       Gleichgesinnten wie Bertrand Burgalat, Stuart Moxham, Sean O’Hagan und The
       Clientele veröffentlicht – ja sogar mit dem tschechischen
       Symphonieorchester zusammengearbeitet.
       
       Nun hat Philippe doch tatsächlich zum ersten Mal ein Album mit einer Band
       aufgenommen: The Night Mail hatten ihn eher spontan bei einem Konzert in
       London begleitet. Für Philippe ein perfect match, er spürte sofort, dass er
       mit der Band ins Studio gehen musste, denn sie arbeiteten konzentriert und
       mit Bravour.
       
       Um Louis Philippes Musik zu beschreiben, wird gern der Begriff „Sunshine
       Pop“ benutzt. Die Fährte, die er legt, entblößt allerdings nur die halbe
       Wahrheit. Das Stück „Fall In A Daydream“ zeigt exemplarisch, was große
       Popmusik ausmacht. Mit federnd-luftigem Arrangement und sanften
       Hintergrundchören unterlegt, wird beschrieben, wie schändlich
       Großbritannien 2017 mit dem tragischen Großbrand des Londoner Hochhauses
       Grenfell Tower umging.
       
       Dabei starben 72 Menschen, doch schnell ging man empathiefrei zur
       Tagesordnung über: „You watched a tower aflame / You carried on just the
       same / Your anger passed / Your tears were mostly for show“. Im
       blütenzarten Gewand eines Popsongs werden bittere Wahrheiten verbreitet.
       Helles ist ohne das Dunkle nicht zu denken. [1][Beach-Boy-Mastermind Brian
       Wilson], der sich bei Angstzuständen gerne im Kleiderschrank versteckte,
       wusste davon auch einige Lieder zu singen.
       
       ## Unglückliche Umstände ermöglichen ein schönes Album
       
       Die Filme von Powell und Pressburger gelten seit je als Inbegriff von
       Englishness. In Wahrheit wurden sie durch einen ungarischen Drehbuchautor,
       einen jüdischen Komponisten, einen tschechischen Kostümbildner, einen
       französischen Kameramann und einen deutschen Szenenbildner geprägt. Ähnlich
       europäisch geht es bei Louis Philippe & The Night Mail zu. Philippe zog es
       1986 nämlich aus der Normandie ins immer noch swingende London.
       
       Gitarrist Robert Rotifer siedelte von Wien nach Canterbury um. In
       [2][Erwartung des Brexits] und weiterer coronabedingter Lockdowns bekam die
       Band Torschlusspanik. Zwischen Idee und finalem Mix lag gerade ein Monat.
       Wer weiß, ob diese Kollaboration im nun beginnenden Jahr 2021 überhaupt
       noch möglich gewesen wäre.
       
       Extrem unglücklichen Umständen verdanken wir nun also ein tolles Album, das
       uns bittersüß durch einen grauen Winter helfen wird. Well done, Louis
       Philippe Auclair!
       
       4 Jan 2021
       
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