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       # taz.de -- Russland bei der Handball-WM: Neue Hymne gesucht
       
       > Rechtzeitig zur Handball-WM braucht Russland einen Nationalhymnenersatz.
       > Nationale Insignien sind nach der Verurteilung als Dopingnation
       > verboten.
       
   IMG Bild: Spiel mir das Lied von Russland: das russische Handballteam benötigt noch Begleitmusik für die WM
       
       Die Fahne der Mannschaft aus Russland bei der Handball-WM, die in der
       kommenden Woche beginnt, steht schon mal fest. Sie zeigt das Logo des
       [1][russischen Handballverbands], einen blauen Handballer vor weiß-rotem
       Hintergrund. Auch den Namen, unter dem das Team antreten wird, hat man dem
       Internationalen Handballverband schon mitgeteilt.
       
       Als „Russian Handball Federation Team“ werden die Russen auf die Platte
       laufen. Damit sind die Auflagen erfüllt, die Russland nach seiner
       Verurteilung als Dopingnation zu erfüllen hat. Russische Sportler dürfen
       nicht mit den Insignien ihres Landes auflaufen. Bis dato nicht geklärt ist
       die Hymnenfrage. Denn auch die russische Nationalhymne darf bei
       Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen erst mal nicht erklingen.
       
       Das Olympische Komitee Russlands will diese Frage bis Ende des Monats
       geklärt haben. Gut möglich, dass bis zum Start der Handball-WM noch keine
       Lösung gefunden ist. Dann würde vor den Spielen wohl die [2][Hymne des
       Internationalen Handballverbands] für das Team aus dem Land, das nicht
       genannt werden darf, gespielt werden. Die ist gewiss kein musikalischer
       Leckerbissen und hört sich so an wie das Orgelgeklimper eines
       Alleinunterhalters nach der Eröffnung des Buffets auf einem 60. Geburtstag
       in den mittleren 70er Jahren der alten Bundesrepublik.
       
       Eines scheint schon festzustehen: Auf den alten Fundus von Nationalhymnen
       in Russland will man nicht zurückgreifen. So hat die [3][Internationale]
       wohl keine Chance auf Olympia. Die diente bis 1944 als Hymne der
       Sowjetunion, deren Teil ja die Russische Sozialistische Föderative
       Sowjetrepupik war. Das „Patriotische Lied“, das nach dem Ende der
       Sowjetunion übergangsweise als Nationalhymne gedient hat, soll immer recht
       unbeliebt gewesen sein, was auch daran gelegen haben könnte, dass es zu
       Sowjetzeiten Titelmelodie der Nachrichten im ersten Programm war.
       
       ## Zarenhymne für Putin?
       
       Die sowjetische Hymne, die Josef Stalin 1944 hat einführen lassen,
       verbietet sich sowieso. Sie wurde mit der Amtseinführung von Wladimir Putin
       als Staatspräsident im Jahr 2000 mit neuem Text zur neuen russischen Hymne
       upgecyclet und fällt somit unter des Russlandverbot, das das Internationale
       Sportschiedsgericht kurz vor Weihnachten bestätigt hat. Bliebe noch die
       alte Hymne des Zarenreichs, bei deren Text man glatt meinen könnte, er sei
       auf einen wie Putin gedichtet worden: „Gott, schütze den Zaren, den
       Starken, den Mächtigen. Er herrsche zum Ruhme, zu unserem Ruhme. Er
       herrsche zum Schrecken der Feinde …“ Und so weiter.
       
       So richtig ernsthaft wird das wohl keiner in Erwägung ziehen. Ebenso wenig
       wie die Idee, das Lied [4][„Wladimirski Zentral“] zur zwischenzeitlichen
       Hymne zu machen. Den Chanson des Liedermachers Michail Krug über das
       Zuchthaus, in das lange Jahre Dissidenten weggesperrt worden sind, kennt in
       Russland jedenfalls beinahe jeder. Sportkommentator Grigori Twaltwadse
       meinte, [5][von der Wochenzeitung Sobesednik befragt], in der vielleicht
       typisch russischen Lagerlogik dazu: „Das wäre der richtige Ort für die, die
       unseren Sport so beschämt haben.“
       
       Schon ein wenig ernster wird die Debatte darüber geführt, ob sich nicht ein
       russsisches Volkslied besonders als Übergangssporthymne für Athleten aus
       dem verbotenen Land eignen würde. [6][„Katjuscha“] wird besonders gerne
       genannt oder [7][„Kalinka“], Lieder, die sich auch außerhalb Russlands
       relativ großer Beliebtheit erfreuen.
       
       Wer die Debatte in Russland verfolgt, mag sich fragen, welche Lieder wohl
       in Deutschland als Hymnenersatz vorgeschlagen würden, sollte die
       Sportnation mal in einen tiefen Dopingsumpf geraten. Ganz weit vorne im
       Rennen dürfte da wohl „Tage wie diese“ von den Toten Hosen sein. Wie die
       CDU-Führung dies schöne Liedchen [8][nach ihrem Wahlsieg 2013] vor seligen,
       Deutschlandfähnchen schwenkenden Menschen gegrölt hat, war absolut
       WM-tauglich. Mögen die deutschen Athelten doch bitte sehr sauber bleiben
       oder sich wenigstens nie erwischen lassen und uns so dieses Szenario
       ersparen!
       
       6 Jan 2021
       
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   DIR [1] https://rushandball.ru/
   DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=iuas3rcKLIQ
   DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=76L1pBUw3H8
   DIR [4] https://www.youtube.com/watch?v=xXlej70Lmtg
   DIR [5] https://sobesednik.ru/sport/20201228-ugadaj-melodiyu
   DIR [6] https://www.youtube.com/watch?v=AjZrV4wbdnQ
   DIR [7] https://www.youtube.com/watch?v=Zd8E32yNmRw
   DIR [8] https://www.youtube.com/watch?v=hSAdjUS71kQ
       
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