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       # taz.de -- Buch über das explosive Paris: Paris, du alte Zauberstadt
       
       > Éric Hazans wunderbare Stadtgeschichte zeigt Paris als das immer nur
       > vorläufige Ergebnis aus Aufstand und Unterdrückung.
       
   IMG Bild: Stadt der Moderne und Zentrum der Welt: Paris zur Zeit der Weltausstellung 1889
       
       Den Parisern geht es nicht besser als dem Rest der Welt, auch in der
       schönsten aller Städte soll längst das Museale mehr gelten als das Leben.
       Leider langweilt es die Leser*innen recht schnell, wenn man von damit
       verbundenen zerstörerischen Prozessen erzählt, was auch dem Pariser
       Herzchirurgen, Kunstbuchverleger und Autor [1][Éric Hazan] bewusst sein
       mag, denn die Wiederauflage seines monumentalen, wunderbaren Paris-Buchs
       leitet er ein mit dem Satz: „Der Respekt vor dem Geist des Ortes hat indes
       mit der tristen Idee eines nationalen Kulturerbes nichts zu tun, ebenso
       wenig wie eine misstrauische Haltung gegenüber dem Zeitgeist die
       Ablehnung des Zeitgenössischen bedeutet.“
       
       Und so findet Hazan auch im gegenwärtigen Paris Beispiele gelungener
       Stadtplanung, aber eben auch Enklaven des Widerstands gegen Vertreibung und
       neue Allianzen zwischen Prekären und Politisierten. Doch das Ringen um
       Paris und darum, was eine Stadt sein soll, ist noch nicht zu Ende, und so
       beschwört Hazan die berühmte Pariser Sprengkraft herauf.
       
       Die Jahre 1830, 1848 und 1871 sind nur die prägnantesten, in denen die
       politische Geografie von Paris (und der ganzen Welt) sich veränderte. In
       seinem Buch „Die Erfindung von Paris“, das 2002 im Original und 2006 schon
       einmal auf Deutsch erschien, aber bald vergriffen war, zeigt Hazan den
       Übergang vom Alten zum Neuen Paris virtuos bis ins kleinste Detail und
       deutet seine Stadt als das stets nur vorläufige Ergebnis aus der Dialektik
       von Aufstand und Unterdrückung.
       
       Kunst, Literatur und die Barrikade lenken seinen Blick, er sucht die
       politische Poesie von Paris und findet sie an jeder Ecke, ein Glück, das
       man so inflationär nur in Paris kriegt. Denn Paris ist nicht einfach eine
       Stadt. Paris ist das Thema der Moderne. Mit Hazans präziser Stadtgeschichte
       kriegt man mehr als nur eine Ahnung davon.
       
       15 Dec 2020
       
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