# taz.de -- Russland nach Nawalny-Enthüllung: Putins carte blanche
> 12 Millionen Besucher*innen haben das Nawalny-Video gesehen. Doch der
> ganz große Aufschrei bleibt aus. Haben sich die Russ*innen so an Putin
> gewöhnt?
IMG Bild: Sitzt trotz Skandalen weiter fest auf dem goldenen Stuhl: Russlands Präsident Putin
Der Arm der russischen Schlapphüte reicht auch noch bis in die Unterhose
ihrer potenziellen Opfer. Zumindest wenn man dem Mitschnitt des
Telefongesprächs Glauben schenken will, das der russische Oppositionelle
Alexei Nawalny incognito mit einem mutmaßlichen Angehörigen [1][des
Inlandsgeheimdienstes FSB] Mitte Dezember geführt haben will.
Nichts anderes gibt dieser Unterling der „Dienste“, wie sie im Russischen
heißen, freimütig zu Protokoll. Dummerweise legte der Pilot des Flugzeugs
mit dem kollabierten Nawalny an Bord eine Notlandung hin, weswegen das
Nervengift Nowitschok seine tödliche Wirkung nicht voll entfalten konnte.
Es ist nicht so sehr diese Erzählung, die – ob nun wahr oder nicht –
sprachlos macht. Bekanntermaßen haben auch Russlands Geheimdienste einige
logistische Möglichkeiten im Köcher, um sich ihrer Feind*innen zu
entledigen.
Vielmehr ist es der Umgang der Politik, aber auch der Gesellschaft in
Russland mit solchen Ereignissen, der nachdenklich stimmt. Ganz nach dem
Motto: Welche Anschuldigungen auch im Raum stehen mögen – das perlt an uns
ab.
Die [2][Reaktionen des Kreml] sind komplett vorhersagbar und folgen stets
dem bekannten Muster: Alles Falschbehauptungen und Lügen, es gebe keine
Beweise und überhaupt: Wahrscheinlich stünden ausländische Geheimdienste,
wie die CIA, hinter solchen Aktionen. Bleibt noch hinzuzufügen, dass Moskau
die ach so ungerechtfertigten Sanktionen des Westens mit den gleichen
Strafmaßnahmen beantwortet.
Und die Russ*innen? In nur 24 Stunden haben sich rund 12 Millionen
Besucher*innen das Nawalny-Video angesehen. Doch der ganz große Aufschrei
bleibt, bis auf die üblichen Verdächtigen, aus. Das könnte darauf
hindeuten, dass hier schon die Macht der Gewohnheit eingesetzt und die
Erkenntnis Platz gegriffen hat, dass Wladimir Putin nicht beizukommen ist.
Offensichtlich hat der Präsident, dem auch viele seiner Landsleute einiges
zuzutrauen scheinen, Carte blanche. Immer noch. Und genau das ist bitter.
22 Dec 2020
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DIR Barbara Oertel
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