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       # taz.de -- Grünen-Außenpolitiker zum Iranabkommen: „Wir sollten nicht bloß abwarten“
       
       > Nach der Abwahl Donald Trumps könnte das Atomabkommen eine zweite Chance
       > bekommen. Reinhard Bütikofer sagt: Europa sollte einen neuen Anlauf
       > starten.
       
   IMG Bild: Im jahr 2015 in Teheran: Feier zum Abschluss des Atomabkommens
       
       taz: Herr Bütikofer, unter Donald Trump sind die USA [1][aus dem
       Atomabkommen mit dem Iran (JCPOA) ausgestiegen]. Werden sie unter Joe Biden
       wieder einsteigen? 
       
       Reinhard Bütikofer: Biden hat im Wahlkampf gesagt, er wolle die USA wieder
       in dieses Abkommen zurückführen, wenn der Iran demonstriere, dass er sich
       wieder strikt daran halte. Er hat allerdings hinzugefügt, dass das nur der
       Ausgangspunkt sein solle für Folgeverhandlungen. Mit einer schlichten
       Rückkehr zum JCPOA ist Biden nicht einverstanden. Ob er aber überhaupt in
       die Lage kommt, sich in die Richtung zu bewegen, steht meines Erachtens
       überhaupt noch nicht fest. Er muss mit erheblichem Widerstand im Senat
       rechnen und zwar nicht nur von den Republikanern. Deswegen wird er sehr
       vorsichtig agieren.
       
       Die USA sind das eine, Iran das andere. [2][Welches Interesse sollte
       Teheran daran haben], sich wieder an das Abkommen zu halten? 
       
       Der Iran ist genauso wenig monolithisch wie die USA. Die Hardliner hatten
       nie ein großes Interesse an diesem Abkommen. Denen hat Trump ins Blatt
       gespielt mit seiner Konfrontationsstrategie. Die eher moderaten Kräfte um
       Präsident Rohani, deren Rückhalt in der Bevölkerung seit dem Streit über
       das Abkommen deutlich gesunken ist, hätten aber wohl ein Interesse. Im Juni
       soll es Präsidentschaftswahlen geben. Derzeit sieht es so aus, als könnten
       die Moderaten sehr schlecht mobilisieren. Wenn sie aber Hoffnung darauf
       wecken könnten, dass auf diesem Weg die schwer auf dem Iran lastenden
       ökonomischen Sanktionen gelockert werden, könnte es ihnen im Wahlkampf
       helfen.
       
       Bis Juni bleibt nicht viel Zeit. 
       
       Allerdings. Das ist extrem knapp. Und die Hürden sind außerordentlich hoch.
       
       Was können EU und Bundesregierung in dieser Situation beitragen? 
       
       Die EU, die Bundesregierung, die Briten und die Franzosen spielten ja die
       ganze Zeit beim JCPOA eine aktive Rolle. Ohne die Europäer hätte es dieses
       Abkommen nie gegeben. Der Vorschlag kam ursprünglich von Joschka Fischer.
       Zuletzt haben wir Europäer im UN-Sicherheitsrat sehr deutlich Position
       bezogen gegen die Konfrontationsstrategie von Herrn Trump. Aber die letzten
       zwei Jahre haben auch gezeigt: Wenn Washington nicht konstruktiv agiert,
       kann Europa das JCPOA nicht retten.
       
       Stichwort Instex? Mithilfe dieser Tauschbörse wollten die Europäer trotz
       US-Sanktionen den Handel mit dem Iran aufrechterhalten. 
       
       Instex ist leider ein Trauerspiel. Bislang wurde darüber nur ein einziges
       Geschäft durchgezogen. Wenn wir Europäer dem Iran signalisieren wollen,
       dass wir ernsthaft an der Entwicklung der ökonomischen Beziehungen
       interessiert sind, dann müssen wir mehr tun. Zugleich sollten wir dem Iran
       aber deutlich machen, dass es auch uns nicht reicht, nur zum Atomabkommen
       zurückzukehren. Daneben müssen wir auch über andere Dinge reden, zum
       Beispiel über die destabilisierende Rolle des Iran in der Region und über
       die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung.
       
       Das entspricht Joe Bidens Forderungen aus dem Wahlkampf. Außenminister
       Heiko Maas hat sich zuletzt ähnlich geäußert. Aber hieß es früher nicht
       immer: Die Verhandlungen zum JCPOA waren 2015 erfolgreich, weil das
       Atomprogramm eben nicht mit anderen Themen vermischt wurde? 
       
       Schon. Ich meine auch nicht, dass man jetzt alle Fragen zur iranischen
       Politik in das JCPOA reinverhandeln soll. Aber man kann auch nicht einfach
       alle anderen Punkte links liegenlassen. Wir Europäer sollten übrigens jetzt
       eine eigene Initiative ergreifen und nicht bloß abwarten, was Biden tut.
       Wir sollten gegenüber dem Iran und seinen Nachbarn für ein neues Ziel
       werben: eine regionale Konferenz über Frieden und Stabilität in der Region.
       In einem solchen Rahmen könnte man auch ein erneuertes JCPOA sicher
       verankern.
       
       Wenn man das Thema ausweitet, werden Erfolge bis zu den Wahlen in Iran noch
       unwahrscheinlicher. 
       
       Ich glaube natürlich nicht, dass man das bis zum Juni alles hinkriegt. Die
       Frage ist, welche Dynamik wir bis dahin haben und welche Signale wir dafür
       jetzt senden.
       
       Es gibt unter den Europäern auch Überlegungen, erst mal das JCPOA zurück
       auf die Schiene zu bringen und erst danach über andere Themen zu
       verhandeln. Wäre das kein sinnvoller Weg?
       
       Wenn ich die amerikanische Politik richtig verstehe, dann wäre eine solche
       Reihenfolge nicht aussichtsreich. Die Kritik am JCPOA war dort immer, dass
       es die übrigen Fragen – nach ballistischen Raketen mit Reichweite bis
       Israel, nach der Destabilisierung in der Region, nach der brutalen
       Unterdrückung im Inneren – ausklammert. Wenn wir keinen Weg finden, wie wir
       JCPOA erneuern, ohne die anderen Themen zu lassen, kriegen wir die USA
       nicht ins Boot für eine Rückkehr zum JCPOA.
       
       20 Nov 2020
       
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