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       # taz.de -- Fridays for Future und die Grünen: Die Gradwanderung
       
       > Fridays for Future wirft den Grünen Halbherzigkeit im Kampf gegen die
       > Erderhitzung vor. Wie gefährlich ist das für die Ökopartei?
       
   IMG Bild: Grünen-Chef Robert Habeck im Gespräch mit Fridays for Future am 28. Oktober in Berlin
       
       Die Parkbank an der Spree ist noch feucht vom letzten Regenschauer. Luisa
       Neubauer lehnt sich vorsichtig zurück. Dann legt sie los: „Die Grünen
       kommen mir, vorsichtig gesagt, etwas panisch vor.“ Das sei zunächst
       verständlich. Die Partei habe mehrmals die Erfahrung gemacht, kurz vor
       einer Bundestagswahl einige Prozente zu verlieren, weil sie zu viel Öko
       wollten.
       
       Eine Sekunde Pause, Neubauer nimmt einen Schluck Tannenzäpfle. „Die Formel
       hat sich in ihre Köpfe eingebrannt: Viel Klima heißt weniger Stimmen. Sie
       denken, Fridays for Future tasten ihre heiligen 20 Prozent an.“ Neubauer
       ist das prominente Gesicht der jungen Klimaschutzbewegung, die mit ihren
       Protesten die Klimakrise ins Bewusstsein der Deutschen gebracht hat. Vor
       ihr fließt schwarz die Spree, ein hell erleuchtetes Redaktionsschiff fährt
       vorbei.
       
       Je länger man sich mit Neubauer an diesem Donnerstagabend unterhält, desto
       stärker wird der Eindruck: Zwischen der Bewegung und den Grünen ist eine
       tiefe Kluft entstanden, die sich kaum noch überbrücken lässt. [1][Nicht nur
       angesichts des Kampfes um den Dannenröder Wald], der teilweise für ein
       Autobahnstück gerodet werden soll, zeigt sich: Fridays for Future (FFF)
       hält die Grünen für nicht radikal genug. Diese wiederum sind von den
       Attacken schwer genervt, weil andere Parteien noch weniger für Klimaschutz
       tun.
       
       Hält man Neubauer dieses Argument vor, lacht sie. FFF wende sich nun mal an
       die Partei, von der die Bewegung wisse, dass sie ökologischen Sachverstand
       habe. „Wer geht schließlich noch hoffnungsvoll zu Andi Scheuer und
       versucht, ihn davon abzubringen, Autobahnen zu bauen?“, fragt sie. „Das ist
       doch eine absurde Vorstellung.“ Wenn die Grünen keine Politik anböten, die
       mit dem Pariser Klimaabkommen kompatibel sei, „wo sollen wir denn sonst
       anfangen?“.
       
       Neubauer, selbst Grünen-Mitglied, macht der Partei den schlimmsten Vorwurf,
       den man einer ökologisch orientierten Partei machen kann. Er lautet: Ihr
       habt keinen Plan für das ehrgeizige 1,5-Grad-Ziel. Ihr tut vielleicht grün,
       seid es aber nicht wirklich.
       
       Stimmt das? Nehmen selbst die Grünen die Klimakrise nicht ernst genug? Die
       Antwort auf diese Frage ist vielschichtig.
       
       Da wäre zunächst das Pariser Klimaschutzabkommen selbst, das im Dezember
       2015 von 196 Staaten unterzeichnet wurde. Auf FFF-Demonstrationen wird oft
       so getan, als fordere der Vertrag, die Erderhitzung bis 2100 bei 1,5 Grad
       zu stoppen. Das ist aber nicht korrekt. In dem Abkommen haben sich die
       Staaten darauf geeinigt, „den Temperaturanstieg deutlich unter 2 Grad
       Celsius zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, den Anstieg auf 1,5
       Grad zu begrenzen.“ Es gibt also einen Korridor vor, keine fixe Marke. Auf
       diesen Korridor beziehen sich die Grünen bisher in ihren Beschlüssen.
       
       Auch die Parteivorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck schrieben
       eine solche Formulierung in ihren Entwurf für das Grundsatzprogramm. Aber
       sie sorgt für Streit, Teilen der Basis reicht sie nicht mehr. Die
       Bundesarbeitsgemeinschaft Energie warb dafür, sich an dem 1,5-Grad-Ziel zu
       orientieren. In dem innerparteilichen Thinktank sitzen Basisgrüne, die sich
       sehr gut mit Klimaschutz auskennen. Tagelang wurde über die richtige
       Formulierung verhandelt.
       
       Am Samstag wird nun über zwei Varianten abgestimmt, eine zahmere und eine
       härtere. Die zahme wird vom Bundesvorstand präferiert und ist eine
       Tatsachenbeschreibung, keine Selbstverpflichtung. Sie lautet: „Um auf den
       1,5-Grad-Pfad zu kommen, ist unmittelbares und substanzielles Handeln in
       den nächsten Jahren entscheidend.“ Ein Mitglied aus dem Kreisverband
       Mannheim will die harte Variante durchsetzen: „Für uns ist daher das
       1,5-Grad-Ziel Maßgabe unserer Politik.“
       
       Beschließt die Grünen-Basis diese Variante, wäre das nicht nur eine
       Brüskierung des Vorstands, sondern auch ein Bekenntnis mit unabsehbaren
       Folgen. Als potenzielle Regierungspartei hätten sich die Grünen in eine
       schwierige Lage manövriert. Wichtige Grüne ahnen, dass ihnen unangenehme
       Fragen gestellt würden. Stehen die Grünen noch zu Paris – oder suchen sie
       sich aus einem völkerrechtlich bindenden Abkommen den Halbsatz heraus, der
       ihnen am besten in den Kram passt?
       
       Aber auch die zahme Variante ist unangenehm. Bietet sie doch den jungen
       KlimaschutzaktivistInnen einen neuen Beleg für die Zahnlosigkeit der
       Grünen.
       
       Die Grünen-Spitze ist alarmiert. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner
       appellierte am Freitag auf taz-Anfrage fast flehentlich an die Basis: „Wenn
       wir jetzt anfangen, die Pariser Ziele umzuformulieren, schwächen wir das
       Pariser Klimaabkommen – und damit den gemeinsamen Kampf für Klimaschutz.
       Die Zeit drängt, wir müssen ins Machen kommen.“
       
       Oft sind Grünen-Parteitage sorgfältig orchestrierte Events ohne relevante
       Entscheidungen, aber dieses Mal geht es um etwas. Die jungen
       KlimaaktivistInnen haben ja recht damit, dass der Unterschied zwischen 1,5
       und 2 Grad riesig ist. „Jedes Zehntelgrad mehr kostet Hunderttausende
       Menschenleben“, sagt Luisa Neubauer an der Spree. „Mit welchem
       Selbstverständnis sollte man nicht auf das ehrgeizigste Ziel hinwirken,
       wissend, dass die Folgen sonst fürchterlich sind?“
       
       Aber lässt sich das 1,5-Grad-Ziel überhaupt in politisches Handeln
       umsetzen?
       
       Das Dokument, das den Grünen schwer im Magen liegt, hat 115 Seiten und
       wiegt 596 Gramm: [2][„CO2-neutral bis 2035: Eckpunkte eines deutschen
       Beitrags zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze“ ist der Titel des Gutachtens,
       mit dem Fridays for Future die Grünen seit Oktober vor sich hertreibt.]
       Darin hat das Wuppertal Institut aufgelistet, was in den nächsten Jahren
       passieren müsste, um den deutschen Beitrag zum 1,5-Grad-Ziel zu leisten.
       
       Schluss mit innerdeutschen Flügen, Halbierung des Autoverkehrs, das
       Vierfache an Häusern energetisch sanieren, vier- bis fünfmal so viele
       Windparks bauen wie bisher, Verbot von Ölheizungen, ein CO2-Preis, der
       „perspektivisch“ bei 180 Euro pro Tonne liegt, statt bei 55 Euro, die für
       2025 geplant sind. Eine Liste der Grausamkeiten für eine Partei, die sich
       darauf vorbereitet, ab 2021 in der Bundesregierung zu sitzen.
       
       In der Debatte um den Dannenröder Wald fordert ein offener Brief „die grüne
       Partei auf, grüne Politik zu machen“. Das Schreiben vom Bund Deutscher
       Pfadfinder_innen Hessen warnt, nur ein Baustopp könne „das kleinste
       bisschen Glaubwürdigkeit wahren“, wollten die Bündnisgrünen „nicht komplett
       das Gesicht […] verlieren“. [3][Die Unzufriedenheit ist so groß, dass sich
       überall in der Republik Klimalisten für anstehende Wahlen gründen] – in
       Baden-Württemberg will eine solche Liste im März gegen den grünen
       Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann antreten.
       
       Kretschmann, der wiedergewählt werden will, hält die dunkelgrüne Konkurrenz
       für eine „ernste Angelegenheit“. Sie könnte entscheidende Prozentpunkte
       kosten.
       
       Die Grünen-Spitze fürchtet, sich mit einer radikalen und einseitigen
       Auslegung des Pariser Klimaschutzabkommens angreifbar zu machen. Kellner
       nennt die Tatsache, dass sich alle Staaten dazu verpflichtet hätten,
       historisch. „Diese massive Anstrengung schaffen wir als Welt aber nur
       gemeinsam, mit aller Kraft.“
       
       Außerdem fühlen sich Grüne von der FFF-Kritik auch in ihrem Stolz gekränkt.
       Sie nähmen die Klimakrise nicht ernst? Die Partei, der das Thema so wichtig
       war, dass sie 1990 bei der Bundestagswahl plakatierte: „Alle reden von
       Deutschland. Wir reden vom Wetter“ – und damit an der Fünfprozenthürde
       scheiterte?
       
       Auf dem Papier ist ihr Engagement nicht zu bestreiten. 37 Seiten hat der
       Beschluss „Handeln – und zwar jetzt!“, den die Bundesdelegiertenkonferenz
       2019 in Bielefeld verabschiedet hat. Da findet sich alles, was das Herz von
       KlimaschützerInnen höher schlagen lässt: 100 Prozent Ökostrom im Jahr 2030,
       schneller Kohleausstieg ab 2022, Tempolimit 130 auf Autobahnen, Ölheizungen
       verbieten, ein Mix aus Gesetzen, Anreizen und CO2-Preisen, jedes Gesetz auf
       seine Klimaverträglichkeit prüfen und vieles mehr. Grundlage des Handelns
       für alle Ministerien soll das Pariser Abkommen sein. Fazit: „Was wir
       brauchen, ist eine Klimaregierung.“
       
       Beim Regieren fängt das Problem aber an. Seit 2005 sitzen die Grünen im
       Bundestag in der Opposition. Die entscheidenden Fragen in den Bereichen
       Energie, Bauen, Verkehr oder Landwirtschaft werden seit 15 Jahren ohne sie
       getroffen. Die letzte klimapolitische Großtat der Grünen, gemeinsam mit der
       SPD, war das „Erneuerbare-Energien-Gesetz“ (EEG), das einen weltweiten Boom
       von Wind- und Solaranlagen ausgelöst hat. Seitdem haben sie das EEG über
       die Bundesländer geschützt und verbessert, aber waren ansonsten
       größtenteils zum Zuschauen verurteilt. Grüne Spuren hinterließ vor allem
       der Einzelkämpfer Rainer Baake, der als Staatssekretär mit
       Grünen-Parteibuch im SPD-geführten Wirtschaftsministerium von Sigmar
       Gabriel von 2014 bis 2018 die Energiewende vorantrieb.
       
       Die Bundestagsfraktion war auch nicht untätig. Die Abgeordneten forderten
       100 Prozent Erneuerbare und das Ende des Verbrennungsmotors, sie nervten
       Parlament, Regierung und Öffentlichkeit mit Aktionen und Eingaben zum
       Klimaschutz. 2013 stellten sie ein Klimaschutzgesetz für den Bund vor, aber
       erst 2019 setzte die Koalition von CDU, CSU und SPD auf Druck von FFF ein
       solches Gesetz um.
       
       Sie hätten „getan, was man als Opposition so tut – die Debatten
       angestoßen“, sagt ein Parteistratege. „Die Frage ist nicht: Tun wir genug?
       Die Frage ist: Erreichen wir genug?“
       
       Eine Machtposition baute sich die Partei über den Bundesrat auf –
       inzwischen sitzen die Grünen in 11 von 16 Landesregierungen mit am Tisch.
       Das führte Ende 2019 zu ihrem größten klimapolitischen Erfolg seit Langem:
       Die von Grünen mitregierten Länder zwangen die Bundesregierung, den
       CO2-Einstiegspreis beim innerdeutschen Emissionshandel für Verkehr und
       Gebäude, der ab 2021 beginnt, von 10 auf 25 Euro pro Tonne anzuheben.
       
       Die Verhandlungen führten für die Grünen Winfried Kretschmann und
       Fraktionschef Anton Hofreiter, ein Ultrarealo und ein Linksgrüner.
       Parteichefin Annalena Baerbock saß zu Hause in Potsdam und beriet die
       beiden per Telefon. Es ist ein klassischer Kompromiss, wie er in den
       komplexen Bund-Länder-Beziehungen üblich ist: 25 Euro sind mehr als 10,
       aber aus Sicht von FFF viel zu wenig.
       
       In den Ländern zeigt sich auch: Kommen die Grünen in die Regierung, setzen
       sie das Klimathema auf die Agenda. Inzwischen haben 10 Länder ein eigenes
       Gesetz, das den Klimaschutz regelt – in 7 davon setzten das die
       Bündnisgrünen durch: von Hamburg 1997 über NRW, Baden-Württemberg,
       Rheinland-Pfalz, Bremen, Schleswig-Holstein bis Thüringen 2018. In Hessen
       und Berlin übernahmen sie Klimagesetze, nur Bayern schaffte eine solche
       Regelung ohne grüne Beteiligung.
       
       Aber auch grüne Regierungen mit einem Klimagesetz kämpfen mit ihren Zielen:
       Baden-Württemberg hat trotz seines grünen Ministerpräsidenten ein
       Minderungsziel von nur 25 Prozent bis 2020 – im Bund sind es 40 Prozent –
       und erreicht bisher knapp 20; Hessen peilt 30 Prozent an, liegt aber bisher
       bei 24,5 Prozent; Schleswig-Holstein will 40 Prozent weniger, steht aber
       nach Zahlen von 2017 nur bei minus 25.
       
       Eine Rangliste der klimafreundlichsten Bundesländer gibt es bisher nicht.
       Die sei auch schwierig, weil die Umstände in den einzelnen Ländern so
       unterschiedlich seien, sagt Stephan Sina, Experte für Klimagesetze des
       Thinktanks [4][Ecologic Institute]. „Aber man kann sagen: Klimagesetze
       sind jedenfalls insofern wirksam, als sie für eine bessere Steuerung und
       Koordination der Regierungsaktivitäten sorgen, wie etwa in
       Baden-Württemberg durch eine Stabsstelle für Klimaschutz.“ Sina weist aber
       auch darauf hin, dass die wichtigsten Entscheidungen für das Klima bei der
       EU und im Bund fallen. Hessens grüne Umweltministerin Priska Hinz sagt, ihr
       Bundesland könne „nur maximal 20 Prozent der Treibhausgasemissionen selbst
       beeinflussen“.
       
       Allerdings behindern auch Grüne manchmal Klimaschutz. [5][Ministerpräsident
       Kretschmann forderte während der Coronapandemie eine Kaufprämie für große
       Diesellimousinen] – zusammen mit CSU-Mann Markus Söder. Dahinter steckte
       der Wunsch, Arbeitsplätze in Baden-Württemberg zu schützen und dem
       Daimler-Konzern einen Gefallen zu tun. Dass Kretschmann damit die Linie der
       eigenen Partei torpedierte, störte ihn nicht weiter.
       
       Weil Klimaschutz auf der anderen Seite auch vor Ort entschieden wird, sind
       die Kommunen sehr wichtig. Hier zeigt sich: Ein engagierter
       Oberbürgermeister und starke grüne Fraktionen im Gemeinderat wie in
       Tübingen, Freiburg, Stuttgart oder Darmstadt bringen den Klimaschutz voran.
       
       Ob und in welchem Ausmaß Grüne [6][„ökologisch regieren“] ist der Inhalt
       einer Studie der Grünen-nahen Böll-Stiftung von 2019. Der
       Politikwissenschaftler Arne Jungjohann, selbst zeitweise in der Regierung
       Kretschmann tätig, zieht das Fazit: Die Partei „nutzt den
       Handlungsspielraum, um die ökologische Modernisierung voranzubringen“.
       Regierungen mit grüner Beteiligung „verfolgen mehrheitlich eine
       ehrgeizigere Politik für eine ökologische Modernisierung als Regierungen
       ohne ihre Beteiligung“.
       
       Besonders deutlich sei das „in der Energiepolitik, etwa beim Ausbau der
       erneuerbaren Energien, und in der Agrarpolitik – hier am deutlichsten beim
       Tierschutz“. Was Klimaschutz angehe, nutzten die Grünen nicht nur den
       Spielraum aus. Sie seien vielmehr „die treibende Kraft dahinter, dass sich
       Klimapolitik als eigenes Politikfeld auf Landesebene überhaupt etabliert“.
       
       Angesichts der Klimalisten, die jetzt zur Wahl antreten, fürchtet
       Jungjohann, dass sich „die Klimakräfte kannibalisieren“ könnten. Er
       bezweifelt, „dass sich die Mehrheiten für eine ehrgeizige Klimapolitik
       dadurch ändern, dass eine weitere Partei antritt“. Sollte sie den Sprung
       ins Parlament schaffen, würde sie in einer Koalition auch Kompromisse
       machen müssen. „Wenn neue Mandate für eine radikale Klimakraft gewonnen
       werden, stärkt das den Klimaschutz. Das klappt dort, wo keine
       5-Prozent-Hürde gilt, zum Beispiel im Gemeinderat. In anderen Fällen droht,
       dass die Stimme verschwendet ist.“
       
       Die Klimalisten könnten aber auch dazu führen, dass die Grünen ihr
       klimapolitisches Profil schärfen. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagt
       Jungjohann. Es sei ja gerade das große Dilemma, dass „die anderen Parteien
       den Grünen das Feld der Klimapolitik so lange überlassen haben“.
       
       Luisa Neubauer hält noch einen anderen Punkt für entscheidend. Sie glaubt,
       dass zu viele klimaschädliche früher getroffene Vereinbarungen nicht mehr
       der Dramatik der Wirklichkeit entsprechen. „Es braucht einen
       demokratischen, vertrauenswürdigen Weg, Verträge aufzulösen, wenn es um
       planetare Grenzen geht.“ Dann müsse es Ausgleichszahlungen geben, aber der
       Diskurs dürfe nicht tabuisiert werden. „Für einen Braunkohletagebau werden
       auch Leute enteignet, weil ein höheres Interesse existiert.“
       
       Deshalb sei auch der Dannenröder Wald so wichtig. „Es geht beim Danni für
       uns nicht schlicht um ein paar Hektar Wald. Der Konflikt ist so symbolisch,
       weil dahinter die Frage steht: Was tun wir, wenn Entscheidungen getroffen
       werden, aber heute nicht mehr tragbar sind?“ Die hessischen Grünen halten
       dagegen: Alle Wege seien rechtlich ausgeschöpft, zuständig sei der Bund.
       
       Die Grünen quälen sich auch deshalb so mit diesen Fragen, weil es bei der
       Erderhitzung auf jedes Zehntelgrad ankommt. Das hat 2018 ein Sonderbericht
       des Weltklimarats (IPCC) deutlich gemacht: Bei 1,5 Grad würden viele
       Schäden vermieden und Leben gerettet, die bei 2 Grad Erwärmung bedroht
       wären. Aber bis zur letzten Verhandlungsrunde der Pariser Konferenz 2015
       waren „1.5 to stay alive“ überhaupt keine ernst zu nehmende
       Verhandlungsoption. Erst die kleinen Inselstaaten boxten diese Formulierung
       ganz zum Schluss in den Text, der bei Umweltgruppen am letzten Tag der
       Konferenz ungläubigen Jubel hervorrief.
       
       „1,5 Grad, das hieße für Deutschland null Emissionen bis 2030, wenn man
       unsere Wirtschaftskraft und historische Verpflichtung einrechnet“, sagt
       Niklas Höhne, Experte für Klimaberechnungen vom [7][NewClimate Institute].
       „Das ist technisch schwierig, und politisch noch schwieriger.“ Auch
       Parteien in der Regierung „verlangt das sehr viel ab“, sagt Höhne. Diesen
       Konflikt müssten sie „aushalten und diskutieren“.
       
       Lutz Weischer von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch
       sagt, „auch die Grünen haben keinen kompletten Plan, wie wir die
       1,5-Grad-Grenze einhalten, aber sie führen die ernsthafteste
       Auseinandersetzung darüber“. Und Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser
       gesteht den Grünen zu, sie seien „die einzige Partei, die sich ansatzweise
       am Pariser Abkommen ausrichtet“. Allerdings müsse sie präziser und mutiger
       werden, das in einzelnen Bereichen umzusetzen – „etwa einen schnelleren
       Kohleausstieg, 100 Prozent Erneuerbare und ein Ende des
       Verbrennungsmotors“.
       
       Da, wo es bei der Umsetzung von Klimapolitik wehtut, fühlen sich viele
       Grüne allein. Manche vermissen bei den Debatten mit FFF die Einsicht, dass
       selbst eine Regierungspartei noch mit Blick auf Koalitionspartner,
       Industrie, Gewerkschaften und Sozialverbände Mehrheiten organisieren muss.
       Eine Bewegung könne radikale Ziele formulieren, eine Partei müsse sie aber
       in gesellschaftliche Kompromisse umsetzen, sagt ein Parteistratege. „Das
       sind verschiedene Rollen. Aber dann sollten wir für unsere Rolle nicht
       immer verprügelt werden.“
       
       Wichtige Grüne halten die Fixierung auf die 1,5 Grad für fatal und naiv,
       trauen sich aber nicht, das offen auszusprechen. Wenn man mal aus dem
       Mikrokosmos der Grünen herauszoomt, in den Bundestagswahlkampf oder in die
       Weltpolitik, dann stellen sich große Fragen. Ihre größte Sorge sei, sagt
       eine Bundestagsabgeordnete, dass sich die Klimaschutzbewegung so
       radikalisiere, dass das gesamte Anliegen einem Großteil der Bevölkerung
       nicht mehr vermittelbar sei.
       
       Überall bemüht sich die Grünen-Spitze deshalb, Positionen nicht zu sehr zu
       radikalisieren. Eine Forderung, den Flugverkehr massiv zu reduzieren, wurde
       in den Programmentwurf aufgenommen und dabei deutlich abgeschwächt.
       Ähnliches passiert auch anderswo. Wie eine gut geölte Maschine schnurrte
       die Antragskommission die Wünsche der Grünen-Basis zusammen.
       
       Luisa Neubauer steht von der Bank an der Spree auf. Im Gehen erzählt sie
       noch, wie sich die Kommunikation zwischen Grünen und Bewegung verändert
       habe. „Der Ton, in dem einige der Grünen über uns und manchmal auch mich
       reden, ist schon krass, partiell kommt es mir toxisch vor. Wenn ich durch
       den Danni gehe, fragen mich alle, wann ich endlich austrete.“
       
       Den Spagat zwischen Anspruch, Wirklichkeit und Basis haben die Grünen in
       ihrem Beschluss von 2019 präzise beschrieben: „Die Lücke zwischen
       wissenschaftlich Notwendigem und gesellschaftlich Nötigem […] klafft immer
       weiter auseinander“, heißt es dort. „Es liegt gerade auch an uns, das
       Vertrauen einer ganzen Generation in die Gestaltungs- und
       Handlungsfähigkeit der Politik zu erhalten.“
       
       20 Nov 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Streit-um-den-Dannenroeder-Forst/!5725692
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   DIR [4] https://www.ecologic.eu/de
   DIR [5] /Streit-um-die-Abwrackpraemie/!5686826
   DIR [6] https://www.boell.de/de/2019/01/15/oekologisch-regieren-0
   DIR [7] https://newclimate.org/
       
       ## AUTOREN
       
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       Die Grünen-Chefin über klare Regeln im Klimaschutz, Vorwürfe gegen die
       Grünen von Fridays for Future und das Kanzlerinnenamt.
       
   DIR Niedersachsen bekommt Klimaschutzgesetz: Die Welt radikaler retten
       
       Niedersachsens Große Koalition beschließt ein Klimaschutzgesetz und
       verankert das Thema in der Landesverfassung.
       
   DIR Thunberg als Gastchefredakteurin: Wirkt der „Greta“-Effekt?
       
       Greta Thunberg war für einen Tag Chefredakteurin bei Schwedens größter
       Tageszeitung. Für die einen ist das PR, für andere ein Hoffnungsschimmer.
       
   DIR Die These: Klimakids, geht in die Verwaltung!
       
       Behörden haben ein schlechtes Image, gelten als Gegenteil von
       transformativ. Falsch! Gerade hier braucht es Leute, die die Spielräume
       nutzen.
       
   DIR Die Grünen und die Bomben: Atomwaffen raus! Oder?
       
       Im neuen Grundsatzprogramm fordern die Grünen den Abzug der Atomwaffen aus
       Deutschland. Doch einige in der Partei klangen zuletzt weniger entschieden.
       
   DIR Rodung des Dannenröder Forstes: „Ich bin nicht Donald Trump“
       
       Hessens Vize-Ministerpräsident Tarek Al-Wazir verteidigt seine Linie beim
       Bau der Autobahn 49. Die Rechtslage sei eindeutig.
       
   DIR taz-Community über Grünen-Klimapolitik: „Die Grünen haben jetzt die Chance“
       
       Zögerlich haben sich die Grünen zur +1,5-Grad-Marke bei der Erderhitzung
       bekannt. taz-NutzerInnen in sozialen Netzwerken sind weiter skeptisch.
       
   DIR Sozialökologischer Umbau: Grün ist die Zukunft
       
       Ist umweltverträgliches Wachstum im Kapitalismus möglich? Das kann nur die
       Praxis zeigen, mittels einer radikal sozial-ökologischen Reformpolitik.
       
   DIR Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart: Ökosozial vergeigt
       
       Weil das linke Lager zerstritten ist, hat Stuttgart jetzt einen CDU-Mann
       als Stadtoberhaupt. Klimalisten sollten sich Frank Nopper genau anschauen.
       
   DIR Klimaphysiker über Erderhitzung: „Nicht nur auf 1,5 Grad fixieren“
       
       Der Klimaphysiker Anders Levermann ist dagegen, das 1,5-Grad-Ziel als
       absolute Forderung zu sehen. Er warnt vor Widerstand gegen Ökomaßnahmen.
       
   DIR Grüne und Grundeinkommen: Im Grundsatz bedingungslos
       
       Die Grünen bekennen sich auf dem digitalen Parteitag zum bedingungslosen
       Grundeinkommen. Das war in der Ökopartei lange umstritten.
       
   DIR Parteitag der Grünen: Demütig zur Macht
       
       Sicherheit durch Veränderung: Das ist die Botschaft der Grünen-Spitze auf
       dem digitalen Parteitag. Für Aufregung sorgt Baerbocks weißes Kleid.
       
   DIR Sven Giegold zum Grundsatzprogramm: „Linker und anschlussfähiger“
       
       Mit dem neuen Grundsatzprogramm der Grünen ist Sven Giegold insgesamt
       zufrieden. Die Kritik aus Reihen der Klimabewegung weist er zurück.
       
   DIR Klimaschutz in den USA unter Biden: Rückkehr zum Pariser Abkommen
       
       Joe Biden will einen ehrgeizigen Klimaschutz für die USA und die Welt.
       Donald Trump hat ihm ein klimapolitisches Trümmerfeld hinterlassen.
       
   DIR Streit um Dannenröder Forst und A49: Aktivist*innen attackieren Grüne
       
       Im Streit über die A49 wird die Parteizentrale besetzt. In Hessen kommt es
       zu Verhaftungen. Die Rechtslage ist eindeutig.