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       # taz.de -- Pionierin des Radsports in Italien: Verachtung und Verehrung
       
       > Die italienische Radsportlerin Alfonsina Strada bewältigte 1924 den Giro
       > d'Italia trotz Startverbots – allein unter Männern.
       
   IMG Bild: Selten in Fotoarchiven: Pionierinnen des Radsports, hier die Schottin Evelyn Hamilton im Jahr 1938
       
       Die ZuschauerInnen am Straßenrand waren offenbar etwas schizophren in ihrer
       Haltung gegenüber dieser Frau. Mal, so wird es berichtet, verhöhnten sie
       diese wegen ihrer kurzen Haare und ihrer Muskeln, beschimpften sie als
       Wahnsinnige und Prostituierte. Mal waren sie so beeindruckt von der
       einzigen Frau, die damals am Giro d’Italia teilnahm und einfach nicht
       aufgeben wollte, dass sie die Radfahrerin, wenn sie erschöpft war, auf
       Händen weitertrugen.
       
       Trotz Regen und Schlamm, obwohl sie oft stürzte und die Zeit überschritt,
       gelangte Alfonsina Strada am Ende über die Ziellinie, nach 3.600 Kilometern
       und als eine von nur 30 der insgesamt 90 Teilnehmenden. Unter 89 Männern.
       Sie war zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt.
       
       Dass die Italienerin Alfonsina Strada 1924 den Giro bewältigte, war
       beileibe kein Zufall. Sie war damals eine überaus erfolgreiche
       Radsportlerin, die 36 Rennen gegen Männer gewonnen hatte. Eine
       Ausnahmeathletin und ein Star, epochentypisch einigermaßen sexistisch
       gefeiert als „der Teufel im Rock“. Doch mit der wachsenden Macht der
       Faschisten wurde es 1924 schwerer für Frauen wie Strada.
       
       Beim Giro hätte sie ohnehin nicht teilnehmen dürfen, [1][sie schmuggelte
       sich als Mann ein]. Man ließ die Sportlerin dann wohl aus kommerziellen
       Gründen doch starten. Für die Vermarktung des Rennens war die Mischung aus
       Verachtung und Verehrung gegenüber Alfonsina Strada überaus hilfreich. So
       sehr, dass man sie regelwidrig trotz zwischenzeitlicher Zeitüberschreitung
       weiterfahren ließ.
       
       Schlechte Startbedingungen 
       
       Die Geschichte von Alfonsina Strada ist wenig gewöhnlich auch für
       Sportlerinnen ihrer Zeit. Denn sie stammte aus armen, dörflichen
       Verhältnissen. Mit acht oder zehn Geschwistern aufgewachsen (die genaue
       Zahl ist unklar), und Eltern, die Analphabeten waren, hatte sie weitaus
       schlechtere Startbedingungen als die zumeist adeligen oder großbürgerlichen
       Frauen, die sich sonst aufs Rad schwangen.
       
       Dass sie überhaupt in den Besitz eines Fahrrads kam, hatte die zehnjährige
       Alfonsina einem Zufall zu verdanken. Ihr Vater, ein ungelernter
       Hilfsarbeiter, brachte statt des üblichen Mehls oder Eiern diesmal ein
       Fahrrad nach Hause, das er für seine Arbeit erhalten hatte. Das Rad
       sicherte sich die Tochter. Es war für sie zunächst eine Fluchtmöglichkeit
       aus der Armut, eine Chance, sich frei zu bewegen. Dann begann sie, in
       Rennen zu siegen, gegen Mädchen und gegen Jungs.
       
       Ihre erste Prämie, ein lebendes Schwein, soll zum familiären Eklat geführt
       haben, weil die Eltern sie beschuldigten, das Tier gestohlen zu haben. Sie
       drohten mit Zwangsheirat, sollte die Tochter die unweibliche Radlerei nicht
       aufgeben. Die flüchtete daraufhin in eine Ehe mit dem Mechaniker Luigi
       Strada. Und der neue Ehemann tat etwas, was auch eher unüblich war für
       seine Zeit: Er schenkte der Frau ein neues Fahrrad und förderte ihr Talent.
       
       Radsport war eines der Metiers, in dem Frauen eher früh Erfolg haben
       konnten, auch durch die frühe Verbreitung des Rads. Schon im 19.
       Jahrhundert gab es weibliche Stars und Profis, aber auch ständige Verbote.
       Alfonsina Strada selbst soll viele Rekorde aufgestellt und zu Beginn ihrer
       Laufbahn in Sankt Petersburg sogar den Zaren getroffen haben. Allerdings
       sind Teile ihrer Biografie umstritten, und ihr zweiter Ehemann, der mal ein
       Buch über ihr Leben schreiben wollte, hatte angeblich lebhaften Sinn für
       Ausschmückung.
       
       Unumstritten sind ihre außergewöhnlichen Leistungen auf dem Rad. Obwohl sie
       nie mehr am Giro teilnehmen durfte, fuhr die Italienerin weiter erfolgreich
       Rennen und betrieb später ein Fahrradgeschäft. Ihre Geschichte fand später
       Eingang in Theaterstücke, Songs und jüngst in ein auch auf Deutsch
       erschienenes Kinderbuch. Einen Giro für Frauen aber gibt es erst seit 1988;
       [2][im Jahr 2020 wurde er nicht einmal im Fernsehen übertragen.] All das
       musste Alfonsina Strada nicht mehr erleben: Sie starb 1959 in Mailand, bei
       einem unglücklichen Sturz mit ihrer neuen Liebe, dem Motorrad. Mit 68
       Jahren. Auf Konventionen gab sie auch da nicht viel.
       
       26 Nov 2020
       
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