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       # taz.de -- Gegen die innere Isolation: Schön, dass wir drüber sprachen
       
       > Welcher Tag ist heute? Habe ich Zähne geputzt? Geduscht? Aus ihrem wenig
       > abwechslungsreichen Alltag holt unsere Autorin nur eine App und frische
       > Luft.
       
   IMG Bild: Frische Luft schnappen und auf neue Gedanken kommen, oft durch unerwartete Begegnungen
       
       Aktuell hilft mir nur der Service eines Blogs, der auf Instagram daran
       erinnert, welcher Tag heute ist, mich an die gewöhnliche
       Wochentagaufteilung zu erinnern. „Heute ist übrigens … Montag.“ Oder es
       sind Termine, die ich vorsorglich in meinen Mini-Moleskine eingetragen
       habe, die mich zwingen, meine häusliche wie innere Isolation zeitweise
       aufzugeben.
       
       Heute war es wieder so weit, eines dieser Happenings zwang mich zum frühen
       Aufstehen und einer Morgenroutine, an die ich mich nur mehr dunkel
       erinnerte: duschen, Kaffee kochen, Zähne putzen, rote Flecken und lichte
       Augenbrauen kaschieren, anziehen.
       
       Bei einigen dieser Schritte veränderte sich in den letzten Monaten die
       Reihenfolge, manche fielen komplett weg und andere vergaß ich mangels
       Notwendigkeit für einige Stunden – manchmal auch einen ganzen Tag lang.
       
       Ich hatte mir vorgenommen, anschließend fix wieder nach Hause und an den
       Schreibtisch zu kommen, doch wenn man schon mal ins tiefste Zehlendorf
       gezwungen wird, warum dann nicht den Serotoninhaushalt mit etwas frischer
       Luft und spärlichem Sonnenschein aufladen?
       
       ## Klimastraße gegen SUVs
       
       Ich wanderte vom beschaulichen Mexikoplatz die Limastraße entlang, die kurz
       vorm Schlachtensee von Unbekannten in Klimastraße umbenannt wurde. Ein Hint
       [1][auf die dicken SUVs], die hier den Rand der Pflasterstraßen säumen?
       
       Am Gewässer angekommen, staunte ich kurz, war es doch sonderbar belebt an
       diesem … welcher Tag war es noch gleich? Donnerstag, richtig. Einzelne
       Jogger*innen, eine lärmende Schulklasse vor der Fischerhütte und viele
       Zweiergespanne, in angeregte Gespräche vertieft. Ob des Wunschs, die
       einzige Spaziergängerin weit und breit zu sein, wich ich entgegenkommenden
       Augenpaaren aus und starrte leeren Blicks auf das sanfte Wellen schlagende
       Gewässer.
       
       Dort hatte sich allerhand Geflügel seinen Lebensraum zurückerobert, jetzt,
       wo nur mehr vereinzelt hartgesottene Schwimmer*innen zu stören wagten.
       Schnatternde Stockenten und krächzende Blesshühner vernahm ich –
       dazwischen gutturale Laute von einer Schar Kormorane. Auf einem
       weitverzweigten Ast im Wasser sitzend, wirkten sie von Weitem wie die Geier
       aus [2][Disney’s „Dschungelbuch“.]
       
       Jäh aus meinem Gefühl der Naturverbundenheit holten mich zwei junge Frauen,
       deren Outfits aussahen, als hätten sie sich für ein sportives Erlebnis
       besonders herausgeputzt. Noch bevor ich meine antisoziale Taktik des
       Wegschauens wieder aufnehmen konnte, grinsten sie mich breit an und
       grüßten, als wären wir alte Freundinnen. Perplex konnte ich gar nicht
       anders, als freundlich zurückzugrüßen. Wer rechnet mit so viel
       Liebenswürdigkeit in diesen Zeiten?
       
       ## Altmaier trifft auf Loriot
       
       So erging es wohl auch den beiden Herren hinter mir, die sichtlich erfreut
       über das freundliche Gebaren zweier so junger Damen noch ein kurzes
       Weilchen darüber plauschten. Unbehagen überkam mich; was, wenn sie derlei
       offene Herzlichkeit auch von mir erwarten würden?
       
       Doch meine Sorge war unbegründet, sie setzen ihr Gespräch fort, während sie
       an mir vorbeizogen. „Und, sonst alles gut bei dir?“, fragte der eine den
       anderen, der [3][Peter Altmaier] zum Verwechseln ähnlich sah. „Ja, alles
       gut so weit“, antwortet dieser. „Schön, dass wir mal ganz offen über alles
       gesprochen haben“, entgegnete der erste, und prompt erschien ein Grinsen
       auf meinem Gesicht.
       
       „Ich glaube, unser Gespräch sorgt für Erheiterung“, stellt der
       Altmaier-Freund fest und dreht sich um. „Das klang schon sehr [4][nach
       Loriot]“, sage ich. Der Fremde zwinkert: „War es auch.“ Ich denke, wie
       schön es ist, von Fremden aus der inneren Isolation geholt zu werden.
       
       26 Nov 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Geplante-SUV-Steuer-in-Frankreich/!5723394
   DIR [2] /Neufassung-des-Dschungelbuchs/!5292548
   DIR [3] /Coronaleugner-im-Bundestag/!5729871
   DIR [4] /Nachruf-Loriot/!5113591
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sophia Zessnik
       
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