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       # taz.de -- Buch „111 Bauwerke in Berlin“: Wie man sich Berlin ins Haus holt
       
       > „111 Bauwerke in Berlin“ von Lucia Jay von Seldeneck und Verena Eidel ist
       > ein Buch für eine Stadttour. Oder man schmökert darin auf der Couch.
       
   IMG Bild: Modernes Ufo vom finnischen Architekten Matti Suuronen: das Futuro-Haus von 1968 in Berlin
       
       Wenn es eines an diesem neuen Architekturführer für Berlin zu bemängeln
       gibt, dann, dass die Texte oft zu kurz erscheinen. Genau eine Seite für
       jedes ausgesuchte Bauwerk hat die Autorin [1][Lucia Jay von Seldeneck] zur
       Verfügung in dem Buch „111 Bauwerke in Berlin, die man kennen muss“. Aber
       so lustvoll, wie ihre Beschreibungen sind, so gewitzt, wie sie die
       visuellen Botschaften der Architektur auf die Berliner Geschichte bezieht,
       so zugewandt, wie sie auf die Ideen von Bauherren und Architekten eingeht,
       würde man oft gern noch etwas mehr wissen, etwas weiterlesen.
       
       Das ist andererseits aber auch eine Qualität des Buchs. Die Autorin
       verfällt nicht in Fachjargon. Ihre Beobachtungen und ihre Sprache lassen
       Vertrautes neu entdecken und verändern den Blick. Zum Beispiel auf ein
       Verwaltungsgebäude am U-Bahnhof Kleistpark, an dem ich seit 30 Jahren oft
       vorbeigelaufen bin. Nicht wissend, dass das „Kathreiner Haus“ 1930 als
       erstes Hochhaus von Berlin gefeiert wurde.
       
       Von Seldeneck weist auf ein Detail hin in dem Bau von [2][Bruno Paul], die
       horizontalen Fenster, die aber dennoch das Fensterkreuz beibehalten haben,
       nur eben auf die Seite gelegt. Und plötzlich ahnt man etwas von der Eleganz
       des massiven Baus, der nicht zuletzt wegen des langen Leerstands auch so
       unbelebt wirkte.
       
       Auf Entdeckungstour in der eigenen Stadt, das ist coronabedingt gerade eine
       notwendige Übung. Wenn man auch als langjähriger Berliner viele Bauwerke
       bereits kennt, ist doch schon allein daheim im Buch zu stöbern mit vielen
       Aha-Momenten verbunden, weil sich der Blick verändert. Es gibt auch bisher
       nicht Gesehenes oder nicht Beachtetes zu entdecken wie eine Bushaltestelle
       in Stahnsdorf von Christian Roth, spitz und stachelig, ein skulpturales
       Experiment, oder die überschäumende, verschnörkelte und verspielte
       Dekoration im Treppenhaus des Amtsgerichts Mitte.
       
       Oder ein erst 2019 fertig gewordenes Studierendendorf im Plänterwald, von
       Heinz Kobler Architekten gebaut aus Containern, 420 gestapelte Module. Dazu
       gehört auch eine [3][Ladenstraße am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte, von Otto
       Rudolf Salvisberg 1929 als erstes Einkaufszentrum der Stadt] entworfen. Die
       Fotografien von Verena Eidel, deren Blick sich oft auf Details richtet,
       helfen der Vorstellungskraft.
       
       ## Gebäude, die aus jeder Architekturgeschichte fallen
       
       Die Bauwerke sind nach einer alphabetischen Ordnung aufgelistet, das
       wirbelt sowohl die chronologische Ordnung als auch die topografische
       durcheinander. Gründerzeit, Jugendstil, Neue Sachlichkeit, Bauhaus kommen
       vor, aber nicht als Leitbilder. Die Autorin und die Fotografin führen auch
       gern an Gebäude heran, die in sich widersprüchlich sind, vom Stilmix her
       aus jeder Architekturgeschichte fallen.
       
       Sie mögen es, wo etwas ausprobiert wird und Formsprachen getestet werden.
       Und sie brechen eine Lanze für die Ästhetik des Brutalismus, der in
       Westberlin einige wissenschaftliche Einrichtungen in den 1960/70er Jahren
       geprägt hat, wie das Institut für Hygiene und Umweltmedizin am
       Hindenburgdamm: Wie der Blick sich längs der Fassade aus Sichtbeton bewegt,
       hüpft, springt und Kurven folgt, ist von ungeahnter Dynamik.
       
       Ebenso gilt ihre Bewunderung der Moderne Ostberlins, gerade auch in den
       repräsentativen Kulturpalästen wie dem großzügigen Kino International
       (gebaut von Josef Kaiser und Heinz Aust 1963) und dem eleganten Funkhaus
       Nalepastraße, das schon 1951 von Franz Ehrlich gebaut wurde. Oder dem
       kleinen Rathaus Marzahn, das den Palast der Republik zitiert. Diese
       Höhepunkte ihres Buchs werden von mehreren Fotos begleitet.
       
       ## Debatten um den sozialen Wohnungsbau
       
       Trotz des knappen Platzes nimmt die Autorin auch auf Debatten Bezug wie den
       Verruf, in den Projekte des sozialen Wohnungsbaus gerieten, am Beispiel der
       Bunkerüberbauung in der Pallasstraße oder der Autobahnüberbauung
       Schlangenbaderstraße; einerseits hatten die ihren schlechten Ruf weg wegen
       Verflechtungen zwischen Politik und Bauwirtschaft, andererseits weil die
       großen Komplexe zum sozialen Brennpunkt geworden waren. Bei beiden
       Projekten schließt die Autorin aber hoffnungsfroh, dass eine durchmischte
       Bewohnerstruktur inzwischen gut funktioniere.
       
       Ein weiteres Thema ist die Rettung von Architekturen vor dem Abriss und
       ihre neue Nutzung mit Beteiligungsmodellen. Dafür stehen das Haus der
       Statistik am Alexanderplatz und das Kranhaus in Oberschöneweide, ein Anker
       in der Umnutzung einer alten Industriebrache. So legen sich beim Lesen nach
       und nach immer mehr Schichten von Berlins Geschichte übereinander, und die
       Architektur wird nicht allein um ihrer selbst willen betrachtet, sondern
       weil sie so viel von der Stadt, ihrem Wollen und Wünschen, ihrem Versagen
       und Scheitern erzählen kann.
       
       25 Nov 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Bettina Müller
       
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