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       # taz.de -- Ferien zu Hause wegen Corona: Die scharren schon mit den Hufen
       
       > Corona, du bist ein Einpeitscher in Sachen Achtsamkeit. Wie die Familie
       > die dritten Ferien damit verbrachte, Freude in heimischen Gefilden zu
       > suchen.
       
   IMG Bild: Tropical Island: Im Internet klingt das Hygienekonzept einigermaßen überzeugend
       
       Gut, die Herbstferien trugen jetzt nicht die gleißende Schlagzeile
       „Tripsdrill, der arschgeilste Vergnügungspark Baden-Württembergs!“ Dafür
       wurde das [1][Beherbergungsverbot zu spät gekippt], da hatten wir mit
       Hotspot-Demut längst storniert und den schulfreien Wochen eine neue
       Überschrift verpasst: „Buntes Amüsement in heimischen Gefilden“.
       
       Und, hey, Corona, du alter Einpeitscher in Sachen Achtsamkeit: Wir haben
       auch [2][während der dritten Ferien in Folge] die kleinen Dinge um uns rum
       ganz intensiv wahrgenommen – und sie genossen! Ha, take that: Obwohl es
       kalt, nass und dunkel war, obwohl uns das Restaurant nicht mal mehr mit der
       befreundeten Familie an einen Tisch setzen wollte, obwohl wir uns abends
       nicht mehr in die Kneipe trauten und die Senatskulturverwaltung uns das
       Sonderstipendium fürs Verfassen großer Literatur nicht gewährt hat – wir
       hatten Spaß, und zwar big time. 
       
       Die Wasserbüffel am Tegeler Fließ. Gewaltig, Natur pur, Savanne trifft
       Taiga, die deutschlandbeflaggten Kleinangestelltenhäuser an den Rändern
       haben wir einfach ignoriert. Der Wildfleischverkauf im Tegeler Forstamt.
       Berlinweit der einzige, der aus forstwirtschaftlich guten Gründen erlegte
       Tiere (die vorher ein Topleben hatten!) nicht im Stück, sondern schon „grob
       zerwürgt“ verkauft. Yeah! Das Pilzesammeln im Blumenthal-Wald hinter
       Werneuchen.
       
       ## Trampolin auf dem Hof!
       
       Der Nebel wallt, die Parasols stehen meterhoch, die Wolfsspuren sind
       eindeutig, und die fontanemäßig sagenumwobene „Stadtstelle“ mitsamt ihrem
       altgermanischen Menschenopferstein ist nervenaufreibend, obwohl wir sie gar
       nicht finden. Das anschließende Essen in der Prötzeler „Goldenen Kartoffel“
       ist schlecht und teuer, aber, so what, der Name macht alles wett, dazu das
       Trampolin auf dem Hof! 
       
       Aus dem „Kleinen Prinzen“ macht die eindrucksvolle Maria Mägdefrau [3][in
       der Schwartzschen Villa] hinreißendes Kindertheater. Alle Erwachsenen
       weinen beim Auftritt des Fuchses. Die Kinder kapieren das eigentlich gar
       nicht mit diesem Wesentlichen, das für die Augen unsichtbar ist, und gieren
       hinterher eher noch nachdrücklicher als sonst schon nach dem Sichtbaren,
       Knalligen, Süßen, Extra-dick-Aufgetragenen. 
       
       ## Tattoo Weltesche
       
       Also beugen wir uns dem Diktat der Oberfläche und setzen diesen crazy
       spontanen Herbstferien die Krone auf: Mit dem von Baden-Württemberg
       rückerstatteten Geld buchen wir [4][einen Tag im Tropical Islands]. Die
       Kinder drehen durch. Im Internet klingt das Hygienekonzept einigermaßen
       überzeugend. Der Dome zu Krausnick lässt derzeit statt der sonst üblichen
       6.000 nur 3.000 Paradieslüsterne ein. Aber auch 3.000 mehr oder weniger
       übergewichtige und entweder mit den Porträts ihres Nachwuchses oder der
       Weltesche Yggdrasil tätowierte Sachsen, Hessen und Lausitzer sind: viele.
       
       In trauter Multitude trudeln wir durch Strömungskanäle und Whitewater
       River, wandeln unter Topfpalmen, begaffen die Handvoll Flamingos, liegen
       auf Liegen, loungen in der Lagune, paddeln lazy durch das „Südsee“ benamte
       Langweilerbecken und stehen vor dem Burger-Schalter und dem
       Frozen-Yoghurt-Spender in langer Schlange.
       
       Dabei glauben wir ganz feste der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen:
       „Alle vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Viren durch das
       Chlor sicher abgetötet werden.“ Sollten wir morgen wieder in einer Schlange
       stehen, diesmal vor der Testpraxis: Wir taten es für die Kinder. 
       
       Die fläzen sich derweil pandemiefasziniert im Schlafanzug vor der
       „Tagesschau“. Bericht aus einer italienischen Intensivstation. „Auf dem
       Schild da steht ja Covid-19“, meint das kleine Kind und schaut irritiert:
       „Gab's denn vor Corona schon achtzehn andere Covide?“ Mindestens, sage ich.
       Und die nächsten neunzehn stehen schon in den Startlöchern und scharren mit
       den Hufen.
       
       30 Oct 2020
       
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   DIR Kirsten Riesselmann
       
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