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       # taz.de -- Änderung des Wahlrechts: Der Mensch an den Stellschrauben
       
       > Unsere Autorin wünscht sich, an der Wahl für den CDU-Vorsitz teilzunehmen
       > – es geht ja um ihre Zukunft. Warum nicht den Kanzler direkt wählen?
       
   IMG Bild: Wer hier als nächstes sitzt, entscheidet die CDU: Stuhl von Angela Merkel am Kabinettstisch
       
       Noch nie habe ich bisher heftige Gefühle bei der Frage entwickelt, wer den
       Vorsitz der CDU übernimmt. Warum auch? Personalfragen in Organisationen,
       denen ich distanziert gegenüberstehe, mögen mich interessieren – aber
       Leidenschaft entsteht da bei mir im Regelfall nicht. Ich fiebere ja auch
       nicht mit, wenn Machtfragen bei Springer oder Daimler entschieden werden.
       Zu meiner eigenen Überraschung ist das aber in diesem Jahr beim CDU-Vorsitz
       anders.
       
       Wenn ich mir das Ringen um den Posten anschaue, dann fühle ich mich ein
       bisschen wie bei der Beobachtung des Wahlkampfs in den USA. Ob Donald Trump
       oder Joe Biden die Wahl gewinnen, hat unmittelbaren Einfluss auf mein Leben
       – die Chancen für die Bekämpfung der Klimakrise ist eines von vielen
       Stichworten –, aber dennoch darf ich nicht mitreden. Ich kann nur auf die
       [1][Vernunft] von anderen Leuten hoffen, in dem Fall: der US-Bevölkerung.
       
       Ähnlich ist es jetzt bei der Frage, wer CDU-Vorsitzender wird. Wenn nicht
       alle Meinungsforschungsinstitute irren und zugleich der Mond vom Himmel
       fällt, dann stellt die Union den nächsten Kanzler. Entschuldigung, Frau
       Baerbock, Verzeihung, Herr Scholz. Die Entscheidung über die Führungsspitze
       der Christdemokraten ist eine wichtige Weichenstellung.
       
       ## Den Kanzler wird die Union stellen
       
       Das sei doch früher oft auch nicht anders gewesen? Stimmt. Aber damals
       waren die grundsätzlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Parteien
       so groß, dass die Frage vergleichsweise unbedeutend schien, wer den Vorsitz
       in einer Gruppierung hatte, die man ohnehin nicht wählen würde.
       
       Es ist keine neue Erkenntnis, dass diese Unterschiede inzwischen weitgehend
       verschwunden sind. Erinnert sich noch jemand, wer in Berlin einen großen
       Teil des Bestands an öffentlichen Wohnungen an Finanzinvestoren verkauft
       hat? Genau, es war ein rot-roter Senat. So viel dazu.
       
       Sehr lange war ich fest überzeugt, dass Geschichte nicht von einzelnen
       Personen geschrieben wird, sondern dass es vielmehr Machtverhältnisse und
       gesellschaftliche Entwicklungen sind, die Verhältnisse ändern. Oft infolge
       neuer Erfindungen wie der Dampfmaschine. Vielleicht ist diese Sicht auch
       nicht falsch. Aber wenn – wie derzeit – ein System, nämlich der
       Kapitalismus, unangefochten ist oder zu sein scheint: dann gewinnen
       einzelne Personen eben doch an Bedeutung. Und sei es nur, um an einzelnen
       Stellschrauben zu drehen.
       
       Es ist mir nicht egal, ob [2][Trump oder Biden] die Wahl in den USA
       gewinnt. Es ist mir auch nicht gleichgültig, wer der nächste Kanzler in
       Deutschland wird. Und zumindest hierzulande möchte ich darüber mitbestimmen
       können. Das ist, wie ich finde, das Mindeste, was ich von einer Demokratie
       erwarten kann.
       
       Die Konsequenz? Vielleicht wäre es doch an der Zeit, über eine Direktwahl
       eines Bundeskanzlers oder einer Bundeskanzlerin nachzudenken. Ja, ja, ja:
       Ich weiß, dass das innerhalb unseres Systems schwierig ist, ich kenne auch
       die Gefahren, die eine solch grundlegende [3][Veränderung des Wahlrechts]
       in sich birgt. Aber es ist nicht nötig, immer nur über Gefahren zu reden.
       Man kann auch mal über Chancen sprechen.
       
       Zum Beispiel darüber, dass solch ein Zweikampf – oder von mir aus:
       Sechskampf – mehr Leute dazu bringen würde, nicht mehr „alle Politiker“
       über einen Kamm zu scheren, sondern sich konkret zu überlegen, wem sie mehr
       vertrauen und wem weniger. Im Zusammenhang mit Corona haben wir uns doch
       daran alle ohnehin schon gewöhnt, unabhängig von der jeweiligen
       Parteizugehörigkeit der Verantwortlichen. Was spricht eigentlich dagegen,
       diese neu geübte Haltung auch auf andere Bereiche der Politik zu
       übertragen? Wenig, wie ich finde.
       
       17 Oct 2020
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Bettina Gaus
       
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