# taz.de -- Nach dem Coronagipfel: Das Virus gehört zum Alltag
> Die Verschärfung der Regeln ist keine neue Dimension des Eingriffs. Sie
> appelliert an die Vernunft mündiger Bürgerinnen und Bürger.
IMG Bild: Alltagsszene mit Mundschutzmasken: Passant:innen in der Fußgängerzone in Köln
Das Virus ist jetzt seit mehr als einem halben Jahr unter uns. Es ist in
dieser Zeit nicht ungefährlicher geworden, und es wird auch nicht
verschwinden. Aber – und das ist ein großer Gewinn im Vergleich zur
Situation in Deutschland im Februar, März oder April – wir wissen dank
immenser internationaler Forschungsanstrengungen und transparenter
Kommunikation der neuen Erkenntnisse inzwischen sehr viel mehr über seine
Eigenschaften; [1][wir sind in der Lage, es einzuschätzen]. Wir können in
unserem Alltag mit ihm umgehen.
Das ist die Nachricht, die noch vor Monaten schier unglaublich schien: Wir.
Können. Mit ihm umgehen. Und wir können uns und andere schützen.
Einigermaßen jedenfalls (keine Frage: diejenigen, die das Verweigern von
Masken in S- und U-Bahnen für einen revolutionären Akt halten und
Abstandsregeln für überflüssig, sind ebenso rücksichts- wie
verantwortungslos – aber sie sind in der Minderheit). Und dies alles können
wir auch deswegen so gut, weil wir, anders als viele andere Länder, über
die Mittel verfügen, Distanz und Hygiene halten zu können.
Auch die Schnelltests, die demnächst für eine erhebliche Erleichterung der
derzeitigen Alltagseinschränkungen sorgen dürften, werden, jede Wette, in
großem Umfang zuerst hierzulande verfügbar sein – und nicht etwa in Indien
oder Afrika, wo die Menschen sie ebenfalls dringend brauchen. Der Bund
stellt daneben zur Förderung der Gesundheit Millionenhilfen zur Umrüstung
von Lüftungsanlagen bereit, die hoffentlich nicht nur in den Unternehmen,
sondern [2][auch in den Schulen] ankommen werden. Das ist, bei allem (im
Einzelfall berechtigten) Gejammere über die Einschränkungen, die Maßnahmen
und die vielen Verluste eine äußerst komfortable, fast möchte man sagen:
privilegierte Ausgangsposition, um mehr als glimpflich durch die Pandemie
zu kommen.
Ein zweiter Lockdown, den viele fürchten, erscheint derzeit ebenso
unwahrscheinlich wie unnötig. Dass [3][Bund und Länder die Regelungen für
private Feiern und die Bußgelder für falsche Namensangaben] im Restaurant
nun trotzdem noch einmal verschärft haben für den Fall, dass die Zahl der
Neuinfizierten drastisch ansteigt, die medizinische Versorgung an ihre
Grenzen gerät und die Nachverfolgung der Infektionsketten schwierig wird,
ist insofern keine neue Eingriffsdimension. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme.
Und es ist ein Appell: an die Eigenverantwortung und die Vernunft mündiger
Bürgerinnen und Bürger, die diese zu Recht für sich beanspruchen.
30 Sep 2020
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## AUTOREN
DIR Heike Haarhoff
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