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       # taz.de -- Corona in Tschechien: Kuscheln statt Abstand
       
       > Durchschnittlich 8.000 neue Fälle täglich: In Tschechien explodieren die
       > Infektionszahlen. Gegenmaßnahmen werden weitgehend ignoriert.
       
   IMG Bild: Massiv ansteigende Fallzahlen: Coronateststelle in Prag
       
       Prag taz | Im „Haus zur schwarzen Mutter Gottes“, einem kubistischen
       Kleinod im Zentrum der tschechischen Hauptstadt Prag, sind Rundungen
       eigentlich verpönt. Sogar die Windbeutel im gleichnamigen Restaurant
       Schwarze Madonna im Erdgeschoss sind so eckig wie die Tassen, Teller und
       Tische – eine Hommage an die tschechoslowakische Avantgarde der
       Zwischenkriegszeit, die als nationales Kulturgut gilt.
       
       Auch hier hat [1][die Coronakrise] zum Umdenken gezwungen: Da ausländische
       Touristen ausbleiben, hat sich die restauranteigene Zuckerbäckerin Olga
       Budník ein neues, süßes Schmankerl ausgedacht. Der „Covidník“, ein Törtchen
       aus Pistaziencreme und Himbeeren in einer Schicht knuspriger Schokolade,
       ist so groß wie ein Tennisball und rund wie das Coronavirus. Dessen
       typische Stacheln in der Virushülle sind nachempfunden aus Himbeeren und
       Schokolade. „Das einzige Coronavirus, das man eigentlich will“, meint
       Schöpferin Budník.
       
       Ihre Prager geben der gebürtigen Ukrainerin recht: Über einhundert
       Coronatörtchen gehen pro Tag weg wie warme Semmeln. „Dieses Dessert kann
       zum Symbol dafür werden, dass noch nicht alles verloren ist“, sagt der
       Marketingchef des Restaurants, Vojtěch Heřmanek optimistisch.
       
       Tschechiens Regierung würde seine Zuversicht gern teilen. Doch dem stehen
       konstant wachsende Fallzahlen im Weg. Durchschnittlich 8.000 Neuinfizierte
       pro Tag, jeder dritte Test ist positiv.
       
       ## „Vor dem Kollaps“
       
       „Tschechien steht in zwei Wochen vor dem Kollaps“, warnt Innenminister Jan
       Hamáček (ČSSD) als Vorsitzender des Krisenstabs: Wenn man sich jetzt nicht
       an die Anticoronamaßnahmen halte, werde man bald die Leichen in Kühlfächern
       auf der Straße stapeln müssen. „Uns droht ein Szenario wie in Italien oder
       New York im Frühjahr“, orakelt Hamáček.
       
       Nur nimmt ihn kaum noch einer ernst. Denn die Coronakrise in Tschechien
       ist nichts weiter als eine Manifestation der mangelnden Legitimität der
       Regierenden. Anstatt deren Maßnahmen zu achten, ist man kreativ darin, sie
       zu umgehen. Wenn die Coronakrise eines beweist, dann: Schwejk lebt.
       
       Vorgaben der Regierung, Masken im öffentlichen Nahverkehr zu tragen,
       bemerkte man erst, nachdem nervöse Ordnungshüter Verweigerer in der U-Bahn
       niedergeknüppelt hatten. Umso mehr teilte man dann Joints in Biergärten
       oder kuschelte sich bei kulturellem Anlässen aneinander.
       
       Eigentlich belegt die derzeitige Coronakrise in Tschechien eines: Die
       Legitimation der Regierung beim Staatsvolk ist miserabel, Tendenz weiter
       schwindend. Nachdem am 5. Oktober gemeinsames Singen wegen
       Tröpfcheninfektion verboten wurde, bildeten sich in Prag neue Sängerkreise.
       Ein Prager Club reagierte auf den krisenbedingten 22-Uhr-Schluss mit
       „wichtigen nächtlichen“ Filmdrehs, bei denen jeder Gast zu einem Komparsen
       werden würde.
       
       ## Test für 100 Euro
       
       Jetzt hat das Land den Salat: Raus kommt man nur noch mit einem negativen
       Coronatest. Der kostet um die 100 Euro. Notstand herrscht seit Anfang
       Oktober. Am Mittwoch erfolgte eine erste Vollbremsung: Schulen,
       Restaurants, Bars und Clubs sind geschlossen, Gruppen von mehr als sechs
       Leuten verboten, Maskenpflicht gilt für geschlossene Räume.
       
       Gesundheitsminister Roman Prymula bedauert jetzt, den Job angenommen haben.
       Als früherer Oberst der kommunistischen Staatssicherheit nehmen ihn weite
       Teile der Bevölkerung eh nicht ernst. Das Gleiche gilt auch für [2][Premier
       Andrej Babiš], der öffentlich erklärt, er habe keine Ahnung, was falsch
       gelaufen sei, und herumstottert über Zehntausende, die sterben würden und
       ihm leidtäten.
       
       Präsident Miloš Zeman zeigt indes kein Mitleid. Wer wegen der Krise
       pleitegehe, habe es auch nicht besser verdient, erklärte er. Dem urbanen
       Bildungsbürgertum werde es nicht schaden, wenn Kneipen und Cafés zu seien.
       „Dann haben sie Zeit zum Lesen.“ Oder um Törtchen zu genießen.
       
       „Als Nächstes kreiere ich eine Süßspeise, die aussieht, wie ein
       Corona-Impfstoff“, sagt die Zuckerbäckerin Olga Budník.
       
       15 Oct 2020
       
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   DIR Alexandra Mostyn
       
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