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       # taz.de -- Comedian Enissa Amani: #ehrenfrau
       
       > Enissa Amani ist Superstar, Comedian, linke Aktivistin. Im Netz erreicht
       > sie Millionen, Fans sehen sie schon als Kanzlerin. Eine Begegnung.
       
   IMG Bild: „The German Girl“: Enissa Amani im Café Ypsilon in ihrer Heimatstadt Frankfurt
       
       Wenn sie einen Satz noch zu Ende sprechen möchte, dann greift Enissa Amani
       gern nach der Schulter, dem Arm, der Hand ihres Gegenübers. Enissa Amani
       möchte oft einen Satz zu Ende sprechen. Dazu lächelt sie umwerfend. Und so
       spricht sie weiter. Enissa Amani ist eine Frau, die sich Raum nimmt – als
       Comedian, als Deutsche mit Migrationsgeschichte, als politische Akteurin,
       von der sich ihre Fans inzwischen sogar wünschen, sie würde Kanzlerin
       werden.
       
       Die erste Bühne betritt Enissa Amani vor sieben Jahren. Im Sommer 2013
       jobbt sie in Köln in einer Parfümerie, hat gerade ihr Jurastudium
       abgebrochen und fragt sich, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte. Zuvor
       nahm sie an verschiedenen Schönheitswettbewerben teil, wurde etwa Vize-Miss
       Westdeutschland. Sie beschließt, ein Buch zu schreiben. Über ihre Familie.
       Über ihre iranische Oma, die 21 Kinder bekam, und über sich selbst, ein
       Einzelkind in Deutschland. Erste Anekdoten postet sie bei Facebook und geht
       schließlich damit auf eine Stand-up-Bühne in Köln. Von da an werden die
       Bühnen immer größer.
       
       Im Dezember 2013 tritt sie bei Rebel Comedy in Hamburg auf, [1][im Januar
       2014 bei Stefan Raab]. Im Repertoire hat sie Witze über ihre hohe Stimme,
       ihre operierte Nase – und ihren „linken Sozialistenhaushalt“. 2015 bekommt
       sie den Deutschen Comedy-Preis, 2016 ihre erste eigene Show auf Pro7, im
       selben Jahr folgt eine weitere. 2018 hat sie mit „Ehrenwort“ als erste
       Europäerin ein eigenes Netflix-Special, 2019 das nächste in der
       Netflix-Reihe „Comedians of the World“. Ihre Clips werden auf Youtube
       millionenfach geklickt. Enissa Amani ist ein Superstar.
       
       Wir treffen uns im Ypsilon, einem Buchladen mit Café mitten in Frankfurt am
       Main. 1978 gegründet, wie die taz. Sie hat den Ort bewusst ausgewählt. Im
       Ypsilon sind die Bücher eng gestapelt, neue Literatur, aber auch die
       kapitalismuskritischen Klassiker stehen und liegen hier herum. An den
       Wänden des Cafés sind Sprüche wie „Amis raus aus Vietnam“ und „Hoch die
       internationale Solidarität“. An den Tischen davor, auf der Berger Straße,
       flanieren junge Leute entlang. Eine Ecke weiter legt eine DJ auf. Die
       Tische des Ypsilon umweht ein Alt-68er Lüftchen. Mittendrin: Enissa Amani.
       
       ## Nicht überdreht, sondern dringlich
       
       Sie ist perfekt geschminkt, trägt ein sehr enges weißes Kleid, Sneaker und
       lange pinke Fingernägel, mit denen sie auf dem Tisch trommelt, sodass es
       sich nachher auf der Tonaufnahme wie Hagel anhört. Sie spricht schnell und
       viel. Nicht überdreht, sondern dringlich. Ihre Apfelsaftschorle wird sie
       vor lauter Gespräch vier Stunden lang nicht anrühren. Und weil Enissa Amani
       im direkten Austausch eigentlich so gut wie jede Person für sich gewinnen
       kann, bekommt sie am Ende von der Kellnerin einfach eine neue Schorle
       geschenkt. Es ist nett, mit ihr dort zu sitzen, lässig. Aber auch schräg.
       Warum dieser Ort?
       
       „Ich war hier mit meinen Eltern schon als Fünfjährige“, erzählt Amani. Der
       Ort steht für den zweiten Teil ihrer Geschichte. Sie ist Showbusiness, aber
       sie ist auch Sozialistenhaushalt. Ihre Mutter ist Feministin, ihr Vater ein
       linker Intellektueller. 1987 sind die beiden mit ihrer kleinen Tochter aus
       Iran geflohen. Zuvor war der Vater vier Jahre als politischer Gefangener
       inhaftiert. Er ist der Grund, weshalb Enissa Amani zusagt, auf einem
       taz-Podium zum Frauenkampftag im März 2020 zu sprechen. Der Vater habe
       gesagt „Geh da hin.“
       
       7. März 2020, es ist eine der letzten Veranstaltungen überhaupt, bevor
       Zusammenkünfte wie diese wegen der Coronapandemie abgesagt werden müssen.
       Der Titel des Abends ist „Dit ham wa uns verdient“, es geht um Frauenkampf
       und Geld. Enissa Amani hat „übertrieben viel Geld“ verdient mit ihren
       Netflix-Shows, sagt sie lustvoll kokettierend. Mit ihr als Gast auf dem
       Podium sitzt SPD-Politikerin Klara Geywitz. Sowohl die taz-Genoss*innen als
       auch die Amani-Fans amüsieren sich, zwei Welten treffen aufeinander – Amani
       bespielt beide. Sie spricht über Schuhe und die politische Situation im
       Iran, gleichermaßen engagiert.
       
       Sie erzählt von ihrer Mutter, die ihr zur Schuleinführung keine große
       bunte Schultüte geschenkt habe mit Süßigkeiten drin – sondern eine weiße,
       selbst gebastelte, auf der auf Persisch stand: „Freiheit für die
       politischen Gefangenen im Iran“. Drinnen waren Trockenfrüchte und Nüsse.
       Die Geschichte taucht schon in ihrem ersten Auftritt bei Stefan Raab auf,
       2014. Bei Raab ergänzte Amani, dass wiederum ihr Vater ihr aus dem
       Kommunistischen Manifest vorgelesen habe, als sie erst vier Jahre alt war,
       dabei habe sie lieber Benjamin Blümchen hören wollen.
       
       Jetzt, sechs Monate nach dem taz-Auftritt, ist Zeit, um bei Enissa Amanis
       Vater nachzufragen, den sie als ihren Mentor bezeichnet. „Mich haben
       Freunde danach auf der Straße angesprochen und gefragt: Sag, Ahmad, stimmt
       das?“, erzählt er in Frankfurt. „Ich habe gesagt: Natürlich nicht! Ich habe
       gewartet, bis sie sieben ist, und ihr dann alle drei Bände vom Kapital
       geschenkt!“ Der Vater kneift vor Lachen die Augen zusammen. Es ist das
       erste Mal, dass er mit einer Journalistin über seine Tochter spricht.
       
       Ahmad Amani ist mit Havanna ins Ypsilon gekommen, einem weißen, sehr
       quirligen jungen Hund. Der Vater wirkt ein bisschen aufgeregt. Ein schmaler
       Mann mit buschigem Schnurrbart, freundlich und sanft. Seine Lesebrille
       hängt an einem Band um seinen Hals. Den Hund hat seine Tochter ihm zum
       Renteneintritt im letzten Jahr geschenkt. Bis dahin hatte er Pakete für die
       Deutsche Post verladen. Sein Literaturstudium im Iran wurde hier nicht
       anerkannt. Ahmad Amani fing an zu arbeiten, damit seine Frau mit 34 ein
       neues Medizinstudium beginnen konnte.
       
       Während Ahmad Amani spricht, wuselt und bellt der Hund im Hintergrund,
       Enissa Amani ermahnt „Havi“ immer mal wieder. Dann geht ihre Stimme noch
       ein bisschen weiter nach oben. Sie ist ruhiger als in den zwei Stunden des
       Gesprächs, in denen der Vater noch nicht dabei war. Sie will ihm Raum
       lassen, damit er mit seinem leicht gebrochenen Deutsch durchdringt.
       Manchmal tauschen sie auf Persisch miteinander Worte aus. Und wenn Enissa
       Amani dann doch wieder selbst ins Erzählen kommt, muss ihr Vater Anlauf
       nehmen und sich die Geschichte zurückholen.
       
       Ahmad Amani spricht über Marx, über den Sozialismus der DDR, den er
       ablehnte, dabei setzt er seine Brille auf. Was haben er und seine Tochter
       gemeinsam? „Wenn Enissa über soziale Gerechtigkeit spricht, über Frieden in
       der Welt, die Gleichberechtigung von Frauen, über Toleranz und Rassismus,
       dann erkenne ich immer einen Teil meiner Seele in ihr wieder.“ Er sagt das
       stolz, seine Worte gehen Enissa Amani sichtlich nah. Später wird sie das
       Zitat auf Instagram teilen und sagen, dass sie diesen Moment nie vergessen
       wird. Überhaupt nimmt sie fast das ganze Gespräch selbst mit dem Handy auf.
       Vielleicht wolle sie etwas davon verwenden, sagt sie – vielleicht schwingt
       da aber auch Misstrauen mit.
       
       Nach dem Treffen postet sie ein Bild von Havanna und schreibt, er sei im „I
       dont fck with the press“-Modus gewesen. Weil der Hund süß ist, wirkt der
       Post sehr freundlich, aber darin klingt auch Skepsis gegenüber der Presse
       an. [2][Eine Auseinandersetzung, die zu dieser Skepsis sicherlich
       beigetragen hat, ist die vom April 2019:] Die Journalistin Anja Rützel
       hatte für Spiegel Online eine TV-Kritik über die „About you Awards“
       geschrieben, deren Preiskategorie „Comedy“ Enissa Amani moderierte.
       
       ## Bereit für den „Kanye Move“?
       
       Rützel war nicht begeistert von der Show. Sie macht sich in ihrem Text über
       Amani lustig, Amani macht sich daraufhin über Rützel lustig – und bringt
       dadurch ihre [3][500.000 Follower auf Instagram ins Spiel], die Rützel
       mitunter beleidigen. Ganz Spiegel Online hat zu dem Zeitpunkt 600.000
       Follower auf Instagram. Mehr als sie, aber nicht viel mehr. Über den
       Spiegel postet Amani, er sei ein „Schrott Klatschblatt mit ein paar
       politischen Alibi Themen“.
       
       Wer in Deutschland eine mächtige Stimme hat, bestimmen Zeitungen schon
       lange nicht mehr exklusiv. Das wurde auch deutlich, als im Mai 2019 der bis
       dahin vielen nicht bekannter Youtuber Rezo sein Video mit dem Titel „Die
       Zerstörung der CDU“ veröffentlichte.
       
       Amani sagt heute zur medialen Empörung: „Die Presse darf mit ‚großer
       Reichweite‘ provokant sein oder sarkastisch beleidigend. Aber der oder die
       Betroffene darf nicht zurück austeilen.“ Sie gibt auch zu, dass ihr Ego bei
       der Auseinandersetzung eine Rolle gespielt hat.
       
       Enissa Amani ist ihre eigene Plattform. Sie nutzt diese immer häufiger für
       ihr politisches Anliegen. So sehr, dass Fans ihr schreiben:
       #EnissaForPresident. Immer wieder. Mitte August dieses Jahres twittert
       Amani dann: [4][„Ist dieses Land bereit für meinen Kanye Move? Ich stelle
       mich zur Kanzlerin auf.“] Der „Kanye Move“ ist ein Verweis auf den Rapper
       Kanye West, der Anfang Juli seine Kandidatur für die Wahl des
       US-Präsidenten bekannt gab. Eine Schnapsidee, aber er zieht es durch. Neben
       den vielen inhaltlichen Punkten, die Amani und West unterscheiden,
       verbindet sie ein aktueller politischer Kampf – der gegen Polizeigewalt und
       Rassismus.
       
       [5][Diesen Sommer hat Amani auf einer Demonstration der
       Black-Lives-Matter-Bewegung vor dem Frankfurter Römer gesprochen] – unter
       Jubel und einzelnen „Ich liebe dich!“-Rufen. Ihre Message: „Wer auf Black
       Lives Matter mit All lives matter antwortet, hat das Problem nicht
       verstanden.“ Sie meint: Wer nicht sieht, dass in Deutschland Schwarze
       Menschen anders behandelt werden als weiße, verstehe Rassismus nicht.
       Gleichberechtigung ist eines der zentralen Anliegen von Enissa Amani.
       Frauen, Männer und Nicht-Binäre, People of Colour, Black People of Colour
       und Weiße, Christentum, Judentum und Islam. Auf Instagram bezeichnen ihre
       Fans sie deshalb als „Gerechtigkeits-Queen“.
       
       Politik hat in Enissa Amanis öffentlichen Auftritten schon immer eine Rolle
       gespielt. 2014 ruft sie zu Spenden auf für die Opfer des Taifuns auf den
       Philippinen, 2015 postet sie ein Bild von Karl Marx’ Grab, 2016 versucht
       sie, auf eine AfD-Wahlparty in Köln zu gehen für ihre Show „Studio Amani“.
       Die Party fand dann nicht statt, sie zeigt trotzdem ihr Outfit: eine weiße
       Ku-Klux-Klan-Mütze. Seit 2017 häufen sich Amanis politische Statements. Es
       ist auch das Jahr, in dem sie Deutschland für einen Moment hinter sich
       lässt, um sich im Ausland auszuprobieren. Ihre zweite eigene Fernsehshow
       bei Pro7 war abgesetzt worden, der raketenhafte Aufstieg vom Sommer 2013
       bis Ende 2016 flachte ab.
       
       Auf dem kleinen Metalltisch des Café Ypsilon in der Berger Straße in
       Frankfurt liegt Amanis Telefon. Auf ihrer Smartphone-Hülle ist ein Bild des
       Rappers Tupac Shakur, zwischen halbtransparenter Hülle und Telefon stecken
       40 Dollar. Ihre erste Gage für eine kleine Stand-up-Show im New Yorker
       Comedy Cellar. Dort trat auch schon Dave Chappelle auf. Amani ist stark
       geprägt von der US-amerikanischen Stand-up-Szene, für die Politik und
       Showbusiness keine Widersprüche sind.
       
       Diese 40 Dollar unter der Telefonhülle bedeuten Amani etwas. Sie stehen
       dafür, dass sie es geschafft hat, wieder. Beim Erzählen kommt sie ins
       Schwärmen. Die Bühnen von New York, Los Angeles oder London sind Räume, die
       sie sich erobert hat, die sie auch in ihrer Identität bestärkt haben. Im
       Ausland wurde sie „the German Girl“ genannt, das deutsche Mädchen. Nicht
       das iranisch-deutsche Mädchen. Sie sagt: „Ich habe diese Phase gebraucht,
       um mich zu finden.“
       
       [6][Enissa Amanis Erfolgsgeschichte ist eine Emanzipationsgeschichte.] Von
       einem Flüchtlingskind, das aus einem gut ausgebildeten Elternhaus kommt,
       aber in einem Land aufwächst, das nicht die Heimat der Eltern ist. Es ist
       die Geschichte von einem Kind, das mit alltäglichem Rassismus im
       Frankfurter Stadtteil Griesheim aufwächst, ihn erst nicht wahrnimmt und
       dann nicht mehr aufhören kann, ihn zu sehen. Es ist die Geschichte einer
       Frau, die sich gerne mädchenhaft gibt, als erwachsene Frau bevormundet wird
       und erst im Laufe ihrer kometenhaften Karriere gelernt hat, Nein zu sagen.
       
       „Ich wollte Menschen früher immer gefallen. Wir Frauen wollen gemocht
       werden. Aber dann habe ich gemerkt: Die mögen mich auch so.“ Das
       Nicht-gefallen-Wollen befreit sie vom unpolitischen
       Everybody’s-Darling-Sein. Ihren Erfolgsschlüssel entwickelt sie immer
       weiter: wie eine Schönheitskönigin auszusehen und dann wie eine
       Straßenaktivistin zu sprechen.
       
       [7][Im April 2018 sitzt sie bei „Hart aber fair“.] Kurz vorher hatte
       Bundesinnenminister Horst Seehofer gesagt, der Islam gehöre nicht zu
       Deutschland. Seit Beginn der Sendung wippt Enissa Amani mit den Beinen. Die
       Kamera zeigt sie oft, sie sieht gut aus. Es fällt ihr sichtlich schwer,
       nicht zu sprechen. Nach etwa zehn Minuten richtet Frank Plasberg das Wort
       an sie: „Frau Amani …“ Noch bevor er weiterreden kann, atmet sie Worte mit
       einem Stoß aus, als hätte sie bisher die Luft anhalten müssen: „Gott sei
       Dank, sprechen Sie mich an.“
       
       Sie spricht schnell, sie spricht viel, sie bildet viele Nebensätze, aber
       sie kommt immer zum Punkt. Sie nimmt Raum ein, sie will überzeugen – dass
       der Islam nicht per se gewalttätig sei. Als Plasberg sie unterbrechen
       möchte und an sie herantritt, nimmt sie erst seinen Arm, als das nicht
       hilft, steht sie auf und hält seine beiden Schultern. Es sind
       Dominanzgesten, die sie überaus freundlich ausführt.
       
       Die Reaktionen auf ihren Auftritt etwa in Welt und FAZ sind eher negativ.
       Die Zeitungen bemängeln ihren Stil, sie sei nicht stringent genug gewesen,
       habe einen „Worte-Tsunami“ in die Sendung gegossen, die Gefahr des Islam
       nicht ernst genug genommen. Der Auftritt beschäftigt sie auch zweieinhalb
       Jahre später. „Ich würde noch immer jedes meiner Argumente aus der Sendung
       unterschreiben. Aber vielleicht hätte ich sanfter sein sollen.“
       
       Dabei ist es genau die Dringlichkeit in Amanis Sprechen, für die viele sie
       feiern. Die jungen Stimmen auf Twitter, Facebook und Instagram. Jene, die
       das Gefühl haben, da spricht eine wie sie, tritt konsequent für ihre
       politische Meinung ein – und scheut dabei auch die direkte
       Auseinandersetzung nicht.
       
       August 2019. Auf einer Kundgebung der rechten Bürgerbewegung Pax Europa in
       Solingen tritt unter anderem Michael Stürzenberger auf, ein
       rechtsextremistischer Autor, der bereits wegen Volksverhetzung verurteilt
       wurde. Auf der Gegendemonstration spricht Enissa Amani. Im olivgrünen
       Overall und großer Sonnenbrille ruft sie, dass sie stolz sei, Deutsche zu
       sein, und diese anderen Deutschen da drüben, für die würde sie sich
       schämen. Sie wird ungehalten, will rüber. [8][Die Szenen sind auf Youtube
       und auf Enissa Amanis Instagram-Kanal dokumentiert.]
       
       Zwischen ihr und den Rechten steht eine Absperrung, stehen Polizist*innen.
       Sie fängt an, mit einem Polizisten zu diskutieren – und überzeugt ihn. Er
       lässt sie durch die Absperrung, hält ihr sogar seine Hand hin, damit sie
       besser rüberkommt. Dann geht sie zu Stürzenberger, Einzelne aus der
       Gegendemo folgen ihr. Sie stellt sich mitten unter die Rechten, der
       verblüffte Stürzenberger überlässt ihr das Mikrofon. Einen halben Meter von
       ihrem politischen Feind entfernt argumentiert sie dann für die
       Gleichbehandlung aller Religionen. Sein Mikro bekommt Stürzenberger nur
       mühsam wieder
       
       J[9][etzt beschäftigt Enissa Amani gerade eine juristische
       Auseinandersetzung mit Andreas Winhart.] Die Geschichte beginnt mit einem
       Video auf Instagram, in dem Amani den bayerischen AfD-Politiker indirekt
       als Bastard und Idioten bezeichnet. Zuvor hatte er auf einer Rede Afrikaner
       mit dem N-Wort diffamiert und alle Albaner*innen als Diebe. Juristisch
       belangt wird er für diese Aussagen nicht, dafür aber beschimpft von Amani.
       Erst in einem nächtlichen Instagram-Video, dann mit dem Song „Fck AfD“.
       Winhart zeigt Amani an.
       
       ## „Ich feier dich“
       
       Im Juni dieses Jahres verweigert sie die Aussage zum Fall. Erst wenn der
       Politiker für seine rassistischen Beleidigungen belangt werde, würde auch
       sie eine Strafe dafür zahlen, dass sie ihn als Bastard bezeichnet hat. Der
       Satiriker Jan Böhmermann kommentiert auf Twitter vor seinen zwei Millionen
       Followern: „Enissa Amanis argumentativer Ansatz im Umgang mit diesem
       bayrischen AfD-Trottel („Ja, egal, der Bastard soll die Fresse halten!“)
       ist schlauer und produktiver als drei Bücher von Daniel-Pascal, Maximilian
       und Per und bringt uns als Gesellschaft wieder zusammen.“
       
       Tatsächlich hat Enissa Amani die Macht, über ihre Reichweite Menschen
       zusammenzubringen. Sie kann in politischen Diskussionen mitreden, als
       Showstar aber auch Massen für ein Thema begeistern. Sie ist für manche ein
       Vorbild und ermutigt junge Menschen, selbst für ihre Rechte auf die Straße
       zu gehen.
       
       Eine Black-Lives-Matter-Aktivistin zitiert Amani diesen Sommer auf einer
       Demo mit den Worten: „Sich gegen Unrecht einzusetzen, egal wann und egal
       wo, ob kleines oder großes Unrecht, ist nicht nervig, sondern nötig. Es ist
       Pflicht!“ Das Publikum jubelt.
       
       Während des Treffens im Ypsilon halten immer wieder junge Frauen an und
       wollen ein Foto mit Amani. Eine von ihnen, Merve, vielleicht Anfang 20,
       sagt: „Ich feier dich so!“ Aus Sabine, noch jünger, bricht es später
       heraus: „Ohmeingott!“ Es sind Momente, in denen ihre Fans den Raum dieser
       eher kleinen, intimen Gesprächsatmosphäre auf der Berger Straße weiten.
       
       ## „Ich schließe keine Ambitionen aus“
       
       Kurz vor dem Ende des Gesprächs übergibt ihr eine Frau wortlos,
       vertrauensvoll, eine Postkarte. Die Frau will das Gespräch nicht stören,
       will kein Foto. Auf der Karte ist eine handgezeichnete Skizze von einem
       Handschlag, auf der Rückseite steht: „Liebe Enissa, danke für deine Arbeit.
       Bleibe bitte laut, mutig und stark.“
       
       Es sind diese jungen Menschen, die bei der Vorstellung ins Träumen kommen,
       eine wie Amani würde Kanzlerin. Eine Nutzerin schreibt auf Twitter:
       „seitdem du da bist, habe ich endlich wieder ein wenig Hoffnung, das WIR
       doch noch noch etwas verändern können. Selbst wenn es manchen Leuten nur
       zum Nachdenken anregen wird. #enissaamaniarmy #ehrenfrau #inspiration
       #enissaforpresident“. Sie selbst sagt später auf Nachfrage per E-Mail: „Ich
       schließe generell keinerlei Ambitionen aus, völlig egal wie klein oder
       groß.“
       
       Was Enissa Amanis Vater zur angekündigten Kanzlerkandidatur sagt? „Für mich
       ist Enissas Kühnheit, große Ziele zu haben, überzeugend. Alle müssen sich
       an der Demokratie beteiligen, so verstehe ich Marx.“ Seine Augen werden
       dabei groß. Da ist er wieder, der Stolz.
       
       Als Frau mit persischem Namen sich so explizit politisch zu äußern, ist in
       Deutschland aber auch gefährlich. Enissa Amani erhält Morddrohungen,
       rassistische Beleidigungen. Alltagsrassismus hat sie schon früh erlebt.
       Leute haben gesagt: Euer Essen stinkt! Oder: Freu dich nicht für die
       Nationalmannschaft. Du bist doch keine Deutsche. „Ich dachte früher,
       Rassismus ist, wenn mich jemand mit Springerstiefeln tritt oder jemand
       unser Haus anzündet. Dass das schon viel früher beginnt, ist mir erst
       später bewusst geworden.“ Seitdem sieht sie ihre Ungleichbehandlung sehr
       deutlich.
       
       „Ich habe immer das Gefühl, ich stehe unter Beobachtung. Leute denken: Die
       Iranerin spricht.“ Dieses Gefühl treibt sie aber auch an, ist Motor. Wenn
       die Deutschen sie nicht als deutsches Mädchen bezeichnen, dann macht sie es
       eben selbst. Ihre nächste Tour, wenn das Touren wieder geht, heißt: „The
       German Girl.“ In der „Hart aber fair“-Sendung 2018 sagt sie, sie stehe für
       ein neues Deutschland. Und wer ihr widerspricht, dem legt sie mit einem
       Lächeln die Hand auf den Arm.
       
       26 Sep 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=AGdilhkUOvk
   DIR [2] /Social-Media-Beef-nach-TV-Kritik/!5586375&s=anja+r%C3%BCtzel/
   DIR [3] https://www.instagram.com/enissa_amani/
   DIR [4] https://twitter.com/enissaamani/status/1293152205697093635
   DIR [5] https://www.youtube.com/watch?v=NWfkJA3IIHE
   DIR [6] https://twitter.com/enissaamani/status/1279027287204212737
   DIR [7] https://www.youtube.com/watch?v=H8rVInC4Wko
   DIR [8] https://www.youtube.com/watch?v=Qj8-vWWAqk8
   DIR [9] https://twitter.com/enissaamani/status/1270761781753978881
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Gottschalk
       
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       Wohnung während der Pandemie. Sein Witz entkommt dem Comedy-Klischee.
       
   DIR „El Hotzo“ über deutsche Comedy: „Parteivorsitz? Bloß nicht!“
       
       Sebastian Hotz gelang 2020 im Internet der Durchbruch. Ein Gespräch über
       Serotonin durch Likes und die größte Krankheit der deutschen Comedy.
       
   DIR Netflix-Serie „Das letzte Wort“: Im Kern eine Familiengeschichte
       
       Eine Netflix-Serie übers Sterben mit Anke Engelke: Erst ist da ein bisschen
       viel Klamauk, dann wird aber doch noch etwas Ganzes draus.
       
   DIR Kolumne Der rote Faden: Bloß keine Kritik
       
       Wer sich um Regeln schert, hat von Macht nichts verstanden. Macht bekommt
       man nicht, die nimmt man sich. Ob im Netz oder auf dem Landweg.
       
   DIR Social-Media-Beef nach TV-Kritik: Neue gegen alte Mediengeneration
       
       Comedian Enissa Amani wehrt sich gegen eine Kritik bei „Spiegel Online“ –
       und keilt gegen die „Mächtigen“. Das Gezanke zeigt die neuen Verhältnisse.