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       # taz.de -- Umstrittene Agrarreform in Indien: Bauern fürchten um Mindestpreise
       
       > Indische Bauernorganisationen und die oppositionelle Kongresspartei
       > protestieren vergeblich gegen eine Liberalisierung der Landwirtschaft. 

       
   IMG Bild: Bauernprotest in Rohtak, Indien am Sonntag
       
       MUMBAI taz | „Nehmt das Antibauerngesetz zurück“, steht auf einem der
       Protestschilder der Bauernorganiation AIKSCC, die zur Zeit im Norden
       Indiens zu sehen sind. Der [1][coronabedingte Lockdown] hat bereits viele
       Landwirte hart getroffen: Lieferketten wurden unterbrochen, Erntehelfer
       blieben teilweise aus. Nun fürchten sie, dass eine am Sonntag in beiden
       Kammern des Parlaments verabschiedete Agrarreform sie zwingt, ihre Produkte
       unter dem Mindestverkaufspreis abzugeben.
       
       Aufgebrachte Bauern marschierten am Sonntag Richtung Parlament in der
       Hauptstadt Delhi. Sie wurden aber an der Stadtgrenze gestoppt. Im
       Agrarstaat Punjab („Indiens Brotkorb“) wie im angrenzendem Haryana gab es
       große Proteste. Traktoren blockierten Straßen. Haryanas Polizei setzte
       Wasserwerfer ein.
       
       Die Regierung argumentiert, mit der Reform würden Zwischenhändler umgangen,
       was den Bauern nütze. Denn sie können künftig direkt Verträge mit
       Unternehmen abschließen und müssten ihre Produkte nicht mehr nur an
       preisgebundene staatliche Märkte abgeben. Gerade erst haben zwei der
       größten indischen Konzerninhaber ihr Interesse am Lebensmittel- und
       Agrareinzelhandel bekundet.
       
       Die Opposition fürchtet, dass künftig statt des Staates Konzerne die Preise
       regulieren. „Landwirte sind keine Analphabeten. Sie verstehen, dass dies
       eine Möglichkeit ist, die Mindestpreissicherung abzuschaffen“, sagte
       Kongresspolitiker Pratap Singh Bajwa. Sobald die Reform verabschiedet sei,
       würden die Konzerne der Ambanis und Adanis in den Markt eintreten, was
       Baiwa als Todesurteil für viele Bauern beschreibt.
       
       ## Regierungsfraktion nutzt Chaos im Oberhaus
       
       Nachdem im Oberhaus eine direkte Abstimmung über die Gesetzesänderung
       abgelehnt wurde, zog der empörte Abgeordnete Derek O’Brien mit dem
       Gesetzentwurf zum Pult des Vizevorsitzenden und versuchte es, zu zerreißen.
       Zwei andere Abgeordnete kletterten auf einen Tisch.
       
       Die TV-Übertragung des Chaos im Oberhaus, in der die Regierung keine
       Mehrheit hat, wurde auf stumm geschaltet und dann wurden zwei von drei
       neuen Gesetzen durchgewunken. Acht Oppositionsmitglieder wurden wegen
       Unruhestiftung suspendiert.
       
       Am Montag gingen die Proteste weiter. „In den Gesetzentwürfen zur
       Agrarwirtschaft wird die Abschaffung des Mindestpreises nicht erwähnt“,
       verteidigt der Regierungspolitiker Dushyant Chautala aus Haryana die
       Reform.
       
       Premierminister Narendra Modi spricht von einem „Wendepunkt für Indiens
       Landwirtschaft“. Doch haben viele Bauern Angst. Sie rufen für den 25.
       September zu einem landesweiten Streik auf.
       
       21 Sep 2020
       
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   DIR Natalie Mayroth
       
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