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       # taz.de -- 40 Jahre Bremer Schlachthof: Der Star ist die Halle
       
       > Unser Autor hat als Mitarbeiter im Bremer Kulturzentrum Schlachthof viel
       > über das Verhältnis von Gegenkultur und Subkultur gelernt. Ein Rückblick.
       
   IMG Bild: Publikumsnähe in der Kesselhalle: die Hamburger Band Tocotronic im Jahr 2005
       
       Bremen taz | Auf der ewig zugigen Bürgerweide, vom Bremer Bahnhof westwärts
       strampelnd oder stiefelnd, ist jedes Mal wieder dieses Kribbeln im Bauch.
       Auch über zwanzig Jahre, nachdem ich den Weg nicht mehr täglich mache,
       sondern nur hin und wieder. Mit Blick auf die magische Silhouette. Turm und
       Schornstein erinnern mich an Kopf und Schwert vom Roland. Der steht in
       Bremen für die vor 600 Jahren erkämpften Marktrechte und Freiheit vom
       Reich.
       
       Da, wo der Roland sein Schild trägt, hängt vom Schlachthof-Turm seit paar
       Wochen ein riesiges Transparent. „Keine Panik“ steht drauf. Was sich wie
       ein Aufruf zur Hysterie-Vermeidung in Coronazeiten liest, ist das Motto
       eines Festivals, das der Schlachthof schon lange vor Ausbruch der Pandemie
       geplant hatte und dessen doppelbödiger Untertitel „Wir wachsen weiter“
       lautet. Die große Party zum 40. Jubiläum musste aufs kommende Jahr
       verschoben werden, Diskussionsrunden, Kunstprojek te und Kurzfilme zu
       „Krise, Nachhaltigkeit und gutem Leben“ konnten stattfinden.
       
       Im Büro herrscht trotzdem der Blues. Den Grund verrät ein Blick ins
       Booking-Buch: Es ist bis zur letzten Zeile mit Veranstaltungen gefüllt, die
       gecancelt wurden – zuletzt das Stoppok-Konzert für kommende Woche. Siebzig
       Besucher*inne dürfen wieder in die Kesselhalle – keine Zahl, mit der sich
       vernünftig wirtschaften lässt. Wenn man in dem Buch weiterblättert, sieht
       man, dass gefühlt alle Bands, Orchester, Theatergruppen,
       Kongressveranstalter der Welt hoffen, spätestens im Frühjahr wieder
       loslegen zu können. Aber wer weiß schon, unter welchen Umständen. Die
       Unsicherheit drückt mehr als die Kurzarbeit.
       
       Auch das Projekt, das mich beruflich noch mit dem Schlachthof verbindet,
       ist schon zweimal verschoben worden und besetzt nun zwei Tage in dem dicht
       gedrängten Termin-Buch. „Drei Tage im März“ heißt das dokumentarische
       Musiktheaterstück, das die Deportation von 300 Sinti und Roma aus
       Nordwest-Deutschland von eben diesem Ort im Jahr 1943 ins Vernichtungslager
       Auschwitz-Birkenau thematisiert. Die Uraufführung war im letzten Jahr, im
       kommenden März wollen wir – die Schauspieler*innen, Musiker*innen und ich
       als Autor – es noch mal auf die Bühne bringen. Eigentlich.
       
       Bis 1995 wusste niemand von uns damaligen Schlachthof-Mitarbeiter*innen von
       der historischen Bedeutung dieses Ortes für die Verfolgungsgeschichte der
       Sinti und Roma. Dann kam der Bremer Sinti-Verein mit dem Wunsch auf uns zu,
       eine Gedenktafel anzubringen. Schnell war klar, dass wir diese neue
       Verbindung ausbauen wollen, und planten eine gemeinsame
       Veranstaltungsreihe. Das abschließende Konzert mit Sinti-Swing war gerade
       beendet, als einige Roma-Musiker im Publikum, die vor dem Krieg im
       ehemaligen Jugoslawien nach Bremen geflohen waren, darum baten, ebenfalls
       auftreten zu dürfen. Die Bühnentechniker wollten schon abbauen, aber da war
       der damals schon über 70-jährige Vorsitzende des Sinti-Vereins, Ewald
       Hanstein, bereits nach Bremen-Nord unterwegs, um ein Keyboard zu holen. Um
       kurz vor zwölf war er zurück, kein*e Zuschauer*in war gegangen.
       
       „Keine Panik“ – auch dieses Transparent über der Arena hätte die
       Angehörigen der Sinti-Community vor genau fünf Jahren nicht dazu bewogen,
       hierher zum Open-Air-Konzert des gemeinsam geplanten dritten
       Gypsy-Festivals zu kommen. In Hamburg war eine Nazi-Demo aufgelöst worden
       und es gab Gerüchte, dass sich die versprengten Teilnehmer*innen nach
       Bremen zum Hauptbahnhof in Bewegung gesetzt hätten. Dass so eine Nachricht
       bei den Nachfahren der Überlebenden des Nazi-Terrors auch heute noch eine
       Angst auslöst, die sie dazu bewegt, lieber in der Sicherheit ihrer
       Wohnungen und Familien zu bleiben, war eine der traurigsten Erfahrungen,
       die ich an diesem Ort gemacht habe.
       
       Ein anderer bitterer Moment, der bei mir selbst zu Panik führte, brachte
       mir im Nachhinein den größten Lerneffekt über das vertrackte Verhältnis von
       Gegen- und Subkulturen. Im Herbst 1992 organisierten wir zusammen mit
       anderen norddeutschen Kulturzentren eine Tournee des Londoner
       Hip-Hop-Projekts „Raw Material“. Die jugendlichen Rapper aus der Black
       Community suchten hier den Kontakt zu ähnlichen Projekten. Auch in Bremen
       waren seit Ende der Achtziger in einigen Stadtteilen Hip-Hop-Szenen
       entstanden, die kreativ mit ihren Marginalisierungserfahrungen umgingen.
       
       Dann gingen die Bilder der Menschenjagd in Rostock-Lichtenhagen um die
       Welt, und die Londoner Jugendlichen erklärten uns, warum sie in dieser
       Situation nicht nach Deutschland kommen wollten. Klar, hatten wir dafür
       Verständnis, doch einige der Jugendlichen, die den Besuch mit uns
       vorbereitet hatten, reagierten trotzig: Dann machen wir das eben allein. In
       Verbindung mit Rapper*innen, Sprayer*innen und Nachwuchsveranstalter*innen
       der sogenannten „New School“ – politisierte Jugendliche, die den Hip-Hop
       als Protestform entdeckten – entstand ein Veranstaltungskonzept, das das
       Herz des Soziokultur-Arbeiters höher schlagen ließ: Neben einem Konzert,
       Graffity- und Breakdance-Aktionen auch noch eine kleiner Kongress. Diese
       Jugendlichen wollten nicht nur musikalisch protestieren, sie wollten auch
       noch diskutieren.
       
       Als mich einer der Türsteher nachmittags warnte, dass die geplante
       Ordnerbesetzung nicht reicht, wollte ich davon nichts wissen: Was sollte
       schon passieren, die hatten doch sogar einen Kongress veranstaltet. Ich
       hätte den Warner ernster nehmen sollen, auch die Tatsache, dass auf dem
       Kongress die Gruppe der „New School-Rapper“ aus dem Viertel weitgehend
       unter sich geblieben war. Die jungen Leute aus den abgelegenen Stadtteilen
       ließen sich erst beim Konzert sehen. Eine kleine Gruppe bedrohte in der
       Halle und draußen andere Besucher*innen, ein Sprayer wurde
       zusammengeschlagen. Bis spätabends drohte die Eskalation und wir
       telefonierten kurzfristig zusätzliche zwei kampfsporterprobte Ordner
       herbei.
       
       Erst als sich die Wogen geglättet hatten, dämmerte mir, was schiefgelaufen
       war. Hip-Hop in seiner an amerikanischen, an Getto-Erfahrungen angelehnten
       Form war eben eine Stadtteilkultur, in der Jugendliche sich verteidigten,
       abgrenzten, rivalisierten, ihr Terrain absteckten. Hier, auf dem
       Präsentierteller Bürgerweide, in einem kulturellen Zentrum, wurde er
       erstmals zur Stadtkultur, in der die Claims völlig neu abgesteckt werden
       mussten, in dem die rivalisierenden Gruppen sich ohne schützende
       Gemeindegrenzen gegenüberstanden. Da wurden alte Rechnungen beglichen, da
       gab es den Zwang, sich zu profilieren. Mit der Erfahrung würde man heute
       wohl die Zentren und Treffs in den Stadtteilen in solche Projekte
       einbinden.
       
       Wer am Schlachthof eine Bühne besteigt, will von der ganzen Stadt gesehen
       werden. Für die Punks aus der Anfangszeit war das immer klar. Sie wollten
       nie ins Getto, sondern immer ins Zentrum, auf den Marktplatz. Mit diesem
       großspurigen Ansatz waren sie hier genau richtig und wurden zu einem
       wichtigen Teil der Gründergeneration – in einem, im Nachhinein betrachtet
       gar nicht so merkwürdigem Bündnis mit Teilen der alten Arbeiterbewegung.
       Die wollte in den euphorischen Achtzigern ja auch noch die Verhältnisse
       umkrempeln.
       
       Als 1977 der Bremer Schlachthof seinen Betrieb nach Oslebshausen verlegte,
       entstand zunächst ein stadtweites Bündnis von Gruppen, das weit über die
       linke Szene hinausging und das Gelände als Gesamtensemble als Bürgerzentrum
       erhalten wollte. Der Bremer Senat plante allerdings schon damals, auf der
       Bürgerweide ein Kongress- und Veranstaltungszentrum zu errichten. Nach
       zähen Verhandlungen verabschiedete er eine Lösung, die nur den Erhalt der
       großen Fleischmarkthalle und des Turmkomplexes vorsah. Der Abriss des
       Restes erfolgte im August 1978.
       
       Vor allem Kulturgruppen blieben am Ball und vertrauten auf die Zusage des
       Senats, den verbliebenen Rest zu sanieren und bespielbar zu machen. Eine
       spektakuläre Kostprobe der Möglichkeiten zeigte das Bremer Theater mit
       einer Inszenierung von „Richard III.“ von Hans Henny Jahn. Als Höhepunkt
       der spektakulären Inszenierung, die sogar in der Zeit besprochen wurde,
       ließ Regisseur Frank-Patrick Steckel lebende Pferde durch die ehemalige
       Schlachthalle galoppieren.
       
       Der Senat hielt sich allerdings – angeblich aus Kostengründen – nicht an
       die Zusage und ließ in den Semesterferien 1980 auch noch die
       Fleischmarkthalle abreißen. Große Teile der Besetzer*innen der
       Fleischmarkthalle verließen enttäuscht die Bürgerweide Richtung Viertel, wo
       fast zeitgleich das Kulturzentrum Lagerhaus gegründet wurde. Im
       verbliebenen Restgebäude nahm der „Verein Kulturzentrum Schlachthof“ die
       Arbeit auf. Die Folgen dieser Spaltung waren noch Jahre später in Bremens
       Kulturszene atmosphärisch spürbar.
       
       Ich kam dazu, als Mitte der Achtzigerjahre Künstler und Architekten den
       Schlachthof entdeckten, um gestalterisch gegen die Ödnis auf der
       Bürgerweide vorzugehen. Der „pflegliche Umgang mit einer Ruine“ wurde zum
       frühen Gegenentwurf einer spekulativen Baupolitik, die im Schnellverfahren
       gutachtengestützte Hallen hochzieht und dann lange auf Veranstalter und
       Besucher wartet. Im Schlachthof waren die Leute immer schon da und mussten
       lange auf die Fertigstellung der Räumlichkeiten warten.
       
       Für die Spekulanten ist Kultur im Wesentlichen ein Standortfaktor, der
       Betten und Ladenkassen voll machen soll. Der Gegenentwurf sagt: Der
       Standort ist ein Kulturfaktor. Wer kulturell überzeugen will, muss sich mit
       seinem Standort auseinandersetzen, ihm die Themen und Formen abgewinnen.
       
       Im Zuge des langsamen Ausbaus, der wie das Kulturprogramm bis weit in die
       1990iger-Jahre fast ausschließlich mit ABM- und Projektmitteln
       bewerkstelligt wurde, entstanden offene Kulturwerkstätten in den Bereichen
       Video, Zeitung, Theater, Musik und Gestaltung, die diese Themen bis heute
       aufspüren und bearbeiten. Und auch über das Schlachthofgelände hinaus
       Spuren im Stadtbild hinterlassen haben: Die ersten Pläne für den
       Ostkurvensaal im Weserstadion entstanden hier mit Fußballfans, die
       Skateboard-Anlage auf dem Vorplatz ist jeden Tag neu Ausdruck sich selbst
       organisierender Jugendkultur.
       
       Ich verließ den Schlachthof Mitte der 1990er-Jahre genau zu dem Zeitpunkt,
       als der erste Haushaltstitel erstritten war (der vom rot-grün-roten Senat
       gerade erhöht wurde) und die ersten festen Stellen geschaffen werden
       konnten. Nachdem die Auseinandersetzungen um die nötigen Mittel bislang mit
       dem Senat geführt wurden, war der Konflikt jetzt nach innen verlagert. Ich
       weiß die genauen Zahlen nicht mehr, aber wir waren gezwungen, aus etwa
       zwanzig ABM-Stellen etwa acht feste zu machen. Als lupenreine
       Baisdemokrat*innen hatten wir keine eingespielten Strukturen, um über
       inhaltliche Schwerpunktsetzungen zu entscheiden – zwischen
       Veranstaltungsplanung, Video, Zeitung, Theater, Gestaltung,
       Stadtteilarbeit, Kinderprogramm, Ausstellungen, Mädchenbands, Haustechnik,
       Bühnentechnik, Buchhaltung, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Empfang und
       anderes.
       
       ## Flucht ins Freie
       
       Es ging dabei für jeden auch um den eigen Job. Mir fehlten für diese
       Selbstkannibalisierung zu der Zeit Nerven und Konfliktfähigkeit, ich trat
       die Flucht ins Freie an. Mein Lebensthema „Erinnerungskultur“ habe ich
       mitgenommen – und bin als freier Autor und Kulturmacher weiter auf die
       Offenheit und professionelle Unterstützung der soziokulturellen Häuser
       angewiesen, heißen sie nun Kulturpunkt Barmbek, Bürgerhaus Wilhelmsburg,
       Nunatak, Brodelpott, Theater im Volkshaus, Lagerhaus oder Schlachthof.
       Allein in Bremen sind dreißig dieser Häuser im Verein Stadtkultur e. V.
       zusammengeschlossen.
       
       Inhaltlich geht es meist nicht mehr um Gegenentwürfe, sondern um den
       Zusammenhalt der Gesellschaft. Zusammenrücken statt Verbreitung ist
       angesagt. Mit Rassismus und rechten Angriffen hatten alternative
       Kulturzentren auch früher zu tun, mit sozialer Spaltung und Gentrifizierung
       auch. Die Dynamik, in der sich diese Entwicklungen mit neuen, gefährlichen
       Bewegungen verbinden, ist neu – und stellt auch Fragen an die eigene Arbeit
       der letzten Jahrzehnte. „Das vermittelnde Konzept von Soziokultur ist
       inzwischen selbstverständlich, eine Kunst nur für die Elite als Erinnerung
       verblasst“, schreibt die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren in
       einem Text. Und was, wenn die Soziokultur heute mancherorts selbst als Teil
       der Elite wahrgenommen wird, der sie den Kulturbegriff einmal entreißen
       wollte?
       
       ## Der bunte Haufen von Autodidakten tritt ab
       
       In dieser Grundstimmung tritt die Generation der Verstetiger*innen langsam
       ab. Nachrücken wird kein bunter Haufen aus Autodidakt*innen mit krummen
       Lebenswegen. Dieser hat in den letzten Jahren selbst
       Veranstaltungskaufleute, Bühnentechniker*innen und Medienpädagog*innen
       ausgebildet, die in den Startlöchern stehen. Der Begriff der Soziokultur
       klingt für sie möglicherweise wie Telefon, Fernsehen und Udo Lindenberg.
       
       Das kann nützlich dabei sein, nicht gleich in den Blues der Alten
       einzustimmen, sondern neue Fragen zu stellen und Verbindungen herzustellen.
       Zu dem, was in der Stadt und vor der eigenen Nase passiert. So wie es das
       „Keine Panik“-Festival am Schlachthof gerade wieder getan hat. So wichtig
       sie ist – in der öffentlichen Wahrnehmung hat es diese themenbezogene
       Kultur-Arbeit immer schwer, sich gegen die Strahlkraft der Event-Kultur
       durchzusetzen.
       
       Auch auf der Bürgerweide ist die Halle der Star. Die Kesselhalle natürlich,
       deren Tribünen einst von Berufsschüler*innen zusammengeschweißt wurden, und
       deren Konzerte – egal ob von Fugazi oder dem Ensemble Modern – mich für
       alle anderen Konzertorte versaut haben. Es war allerdings nicht Campino von
       den Toten Hosen, sondern – ich kann nichts dafür – Hartmut Engler, der
       Sänger der Gruppe Pur, der hier vor dreißig Jahren die Bühne betrat, vor
       einer Zuschauerrinnen*innenzahl, die das Corona-bedingte Hygienekonzept
       locker zugelassen hätte, sich erstaunt umsah und aus tiefstem Herzen
       seufzte: „Was für ein schöner Saal!“ Daran hat sich nichts geändert.
       
       14 Sep 2020
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ralf Lorenzen
       
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