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       # taz.de -- Theaterstück „Der Nibelungen Wut“: Die Hölle der Deutschen
       
       > Die Bremer Shakespeare Company zeigt „Der Nibelungen Wut“. Die Abrechnung
       > mit dem deutschen Nationalepos ist diskurssatt und höchst unterhaltsam.
       
   IMG Bild: Gefangen in Erinnerungen, Trauma und Suff: Die Nibelungen in der Hölle
       
       Bremen taz | Feuer gibt es in dieser Hölle höchstens an der Bar – vom Pagen
       nämlich, der chronisch schlecht gelaunt seiner vor Jahrhunderten versackten
       Kundschaft die Kippen anfeuert. Das Totenreich ist „ein Hotel ohne Sterne“,
       wie es heißt, schwer in die Jahre gekommen, dafür aber umso satter
       angefüllt mit nostalgischem Charme, schrägem Stil und einem Hauch von
       Würde.
       
       Total gemütlich wär's noch obendrein, hätten die anderen Gäste nicht
       allesamt gehörig einen an der Klatsche. Ausraster sind hier an der
       Tagesordnung, Tränen und Allüren. Diese verkorksten Gestalten sind nicht
       einfach irgendwer, sondern waren früher einmal so was wie richtige Stars:
       [1][die Nibelungen] nämlich.
       
       [2][„Der Nibelungen Wut“, heißt das Stück – „Furor Teutonicus“] – das
       Johanna Schall und ihre Dramaturgin Grit van Dyk geschrieben und nun an der
       Bremer Shakespeare Company zur Uraufführung gebracht haben. Im Grunde ist
       das harter Stoff, wo verbitterte Alte auf ewig durch ihre Erinnerungen
       kreiseln: zwischen Blut und Rache, Vergewaltigung, Kindsmord und überhaupt
       recht viel Gemetzel.
       
       Nacht für Nacht werden im Suff die immer gleichen Verletzungen und
       Traumatisierungen aufgewühlt, das alte Leid und glühende Rachsucht. Die
       Schuld an der Misere trägt Superheld Siegfried, der im Stück zwar nicht
       vorkommt, den sie aber doch alle nicht vergessen können.
       
       Der große Anspruch von Stück und Inszenierung: die deutsche Lust an diesem
       bluttriefenden Stoff zu ergründen. Wieso wurde ausgerechnet so eine
       Untergangsgeschichte zum deutschen Nationalepos? Weshalb sind alte und neue
       Nazis so verzaubert davon? Und warum kann selbst die Popkultur nicht so
       richtig lassen von dem sperrigen Schinken?
       
       Bevor man sich nun aber auf den Versuch einer Antwort einlässt, ist erst
       einmal Lust am Mitmachen angesagt. Es ist auch wirklich zu schön, dieses
       verkorkste Miteinander. Ex-Walküre Brunhild (herrlich kratzbürstig: Svea
       Auerbach) stapft durch den Salon, rezitiert schwermütig irgendwelche
       isländischen Verse, die hier keiner mehr hören kann. Hagen von Tronje (so
       charmant wie fies: Michael Meyer) nimmt noch einen Whiskey an der Bar – und
       Krimhild (mit enormer Präsenz: Sonja Hilberger) rastet mal wieder völlig
       aus.
       
       Eine Weile ist das durchaus hübsch anzusehen, was neben der atmosphärischen
       Dichte und dem kurzweiligem Spiel auch an der Revuehaftigkeit der ersten
       Hälfte liegt. Da stakst Tobias Dürr als Totengöttin Hel hochhackig besohlt
       über die Sofalehne, ruft ihre verstorbenen Gäste zur Ordnung und singt
       Umdichtungen von „Hotel California“ oder [3][Radioheads „Creep“].
       
       Das ist übrigens weit weniger Travestie-Geblödel, als es sich vielleicht
       anhört – vor allem bei diesen vorsätzlich schiefen Gesangseinlagen blitzen
       mitunter sogar ausgesprochen schöne Momente beinahe Bowie-hafter
       Extravanganz auf.
       
       Dennoch bleibt es selbstverständlich mutig, Jahrhunderte währenden
       Stillstand auf die Bühne zu bringen. Spannender als die Geschichte selbst
       ist ja auch eher, was die Deutschen immer wieder an ihr fanden und finden.
       Und über diese Frage wird es dann auch irgendwann etwas eng im
       Diskurstheater.
       
       Neben der retrospektiven Erzählung werden auch Text- und
       Rezeptionsgeschichte ergründet: von der Edda quer durchs Mittelalter zu
       Wagner, Tolkien und so weiter. Immer wieder werden Mythos, Minne, Oper und
       Pop mit Zitaten gewürzt: Walter Benjamin und Heiner Müller reinzitiert
       zwischen Tür und Angel.
       
       Dass es aber dennoch gelingt, diesen Diskursbrocken bis zuletzt
       außerordentlich sehenswert über die Bühne zu wuppen, liegt an einem
       geschickten Schwenk auf vermeintliche Nebenfiguren: zu Page Otto und zu
       einer jungen Frau, die nicht mal einen Namen trägt. Sofie Alice Miller
       spielt diese rührige Oberwelt-Praktikantin im Höllenbetrieb, die dreimal
       vergeblich versucht, sich vorzustellen und selbst im Textbuch nur als
       „Fräulein“ geführt wird.
       
       Mit offenem Mund steht sie da, wenn von alten Schrecken die Rede ist,
       findet alles ungeheuer aufregend und super, solange es nur knallt. Sie
       kommt immer freundlich rüber und engagiert – und ist hier unten auf der
       Suche nach dem Unique Selling Point der Marke Nibelungen, wie sie sagt, um
       das alles ein bisschen aufzupeppen und noch mal neu unter die Leute zu
       bringen.
       
       ## Sagenladen wird Populismusmonster
       
       Am Ende ist sie wohl die Schlimmste der Geschichte, flüstert Hagen von
       Tronje Höcke-Reden ein und transformiert den oll gewordenen Sagenladen in
       ein marktförmiges Populismusmonster. Doch AfD hin und [4][„Denkmal der
       Schande“] her – das eigentlich Spannende an dieser Entwicklung ist
       tatsächlich ein schauspielerisches und damit Sofie Alice Millers Verdienst.
       
       Der gelingt es nämlich mit Bravour, diesen postideologischen Menschentyp zu
       sezieren. Als junge Frau in Turnschuhen ist sie keine Femme fatale, aber
       auch keine asexuelle Schicksalsmacht. Sie weiß sehr genau, was sie will,
       und bleibt dabei doch stets flexibel. Und das Schlimmste ist, dass sie auf
       diese grässlich beliebige Art ja wirklich sehr viel umgänglicher ist als
       die verquarzten Alten mit ihren Fehden und der immer gleichen Sterberei.
       
       ## Die Linke geht ab
       
       Folgerichtig abserviert wird schließlich der kriegsinvalide Page Otto, den
       Erik Roßbander mit der ihm eigenen Mixtur aus Witz und Würde durch den
       Abend führt. Als Soldat ist er auf unzähligen Schlachtfeldern quer durch
       die Weltgeschichte für Führer, Volk und Vaterland krepiert: Immer mal
       wieder tot, dann immer wieder hier unten im Höllenjob – bis er aus Frust
       über den ewigen Germanenzank doch wieder kündigt und sich irgendwo aufs
       Neue abknallen lässt.
       
       Otto verkörpert wohl so was wie eine klassisch linke Perspektive auf den
       Stoff. Dass [5][Brecht-Enkelin Johanna Schall] ihn einfach so verschwinden
       lässt, ist eine Provokation. Otto und die Linke finden nicht mehr statt, wo
       es auf sie ankäme.
       
       Oder eben andersherum: Immerhin ist es bei aller Tragik doch auch sonderbar
       beruhigend, dass sie im populistisch aufgemotzten Nibelungen-Franchise
       keinen Platz mehr gefunden haben. So oder so hält „Der Nibelungen Wut“ mehr
       Fragen als Antworten parat – und das ist wirklich eine gute Nachricht.
       
       14 Sep 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Der-Ring-des-Nibelungen/!t5057624
   DIR [2] https://www.shakespeare-company.com/repertoire/der-nibelungen-wut-furor-teutonicus
   DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=XFkzRNyygfk
   DIR [4] /!5376704/
   DIR [5] https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Schall
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jan-Paul Koopmann
       
       ## TAGS
       
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