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       # taz.de -- Ifo-Institut schlägt City-Maut vor: So wird München staufrei
       
       > ÖkonomInnen des Ifo-Instituts rechnen vor: Eine City-Maut und höhere
       > Parkgebühren würden dem Verkehrsfluss und der Wirtschaft helfen.
       
   IMG Bild: Stau auf dem mittleren Ring – City-Maut und höhere Parkgebühren könnten helfen
       
       Berlin taz | Eine City-Maut von 6 Euro pro Tag und die deutliche Anhebung
       der Parkgebühren – das empfehlen ÖkonomInnen des Ifo-Instituts für die
       bayrische Landeshauptstadt München. Dort stehen Autofahrende im Schnitt 140
       Stunden im Jahr im Stau. Die Verkehrsmaßnahmen würden den
       Wirtschaftsstandort attraktiver machen, sagen die WissenschaftlerInnen.
       
       Das Ifo-Institut hatte mit finanzieller Unterstützung der Industrie- und
       Handelskammer für München und Oberbayern untersucht, wie sich die
       Einführung einer „Anti-Stau-Gebühr“ auf Handel und Tourismus auswirken
       würden. [1][Das Ergebnis:] Bei einer City-Maut von 6 Euro pro Tag würde der
       Autoverkehr in München innerhalb des Mittleren Rings um 23 Prozent sinken,
       bei 10 Euro wären es 30 Prozent. Dabei haben die ForscherInnen unterstellt,
       dass die Parkgebühren von jetzt 6 Euro auf 10 Euro steigen.
       
       „Damit könnten wir die Stauprobleme in der Innenstadt in den Griff
       bekommen“, sagt Oliver Falck, Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik
       und neue Technologien. Nur die Parkgebühren zu erhöhen, hätte demnach so
       gut wie keine Wirkung. Falk vermutet, dass die Ergebnisse auf andere
       staureiche Städte übertragbar sind, etwa Hamburg, Berlin oder Köln.
       Singapur, London und Stockholm haben bereits [2][gute Erfahrungen mit einer
       City-Maut] gemacht.
       
       Die WissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass die Gebühren Autofahrende
       auf andere Verkehrsmittel lenken. 85 Prozent der Umsteigerinnen würden
       Busse und Bahnen nutzen, prognostiziert Falck. Die Einnahmen aus der Maut
       könnten in den ÖPNV investiert werden. In München wären es bei einer Gebühr
       von 6 Euro täglich rund 600 Millionen Euro im Jahr.
       
       ## Strittiger Effekt auf den Einzelhandel
       
       Weil Verkehrsaufkommen und Staugefahr deutlich sinken würden, wären
       Geschäfte im Zentrum besser erreichbar – was dem Einzelhandel und dem
       Tourismus zugutekäme. Die Wirtschaft insgesamt würde profitieren, weil die
       Fahrzeiten durch den flüssigeren Verkehr den Berechnungen zufolge um 7,5
       Prozent sinken würden, sind die ÖkonomInnen überzeugt. Die Zeitersparnis
       hätte einen Gegenwert von 204 Millionen Euro.
       
       Nicht überzeugen können diese Ergebnisse den Handelsverband Deutschland,
       dessen Mitglieder für 75 Prozent des Einzelhandelsumsatzes stehen. „Wir
       halten eine City-Maut für kontraproduktiv für unsere Innenstädte“, sagt
       Sprecher Stefan Hertel. Die Leute müssten schließlich in die Innenstädte
       kommen. Statt ein Verkehrsmittel zu beschränken, müssten andere gefördert
       werden.
       
       Auch der Autolobbyverband ADAC hält nichts von dieser Idee. „Eine City-Maut
       ist aus verkehrspolitischer Sicht nicht sinnvoll, denn sie schafft
       Schranken statt attraktive Mobilitätsoptionen ohne Auto“, sagt eine
       Sprecherin. Verkehrsprobleme in deutschen Städten könne eine Maut nicht
       lösen. „Sinnvoll ist es, erst einmal ausreichend Alternativen zum Auto zu
       schaffen.“ Außerdem sei eine Straßengebühr sozial ungerecht: „Sie würde
       Menschen mit niedrigerem Einkommen erheblich benachteiligen und weiter aus
       der Stadt drängen.“
       
       Dieses Argument lässt Michael Müller-Görnert vom ökologischen Verkehrsclub
       Deutschland (VCD) nicht gelten. „Viele Menschen mit geringem Einkommen
       haben gar kein Auto“, sagt er. Grundsätzlich könne eine City-Maut sinnvoll
       sein, es komme aber auf die Gestaltung an. „Sie muss großflächig wirken,
       damit keine Ausweichmöglichkeiten geschaffen werden“, sagt er. Alternativen
       wie [3][ein guter ÖPNV] oder gute Radwege müssten vorhanden sein. Außerdem
       sollte eine Maut eine ökologische Komponente vorsehen, etwa für E-Autos
       oder NutzerInnen von Carsharing niedriger sein.
       
       14 Sep 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.ifo.de/DocDL/ifo_Forschungsberichte_116_Anti-Stau-Gebuehr_Handel_Tourismus.pdf
   DIR [2] /Strassengebuehr-fuer-Innenstaedte/!5593842&s=City+Maut/
   DIR [3] /Buendnis-fordert-langfristige-Investition/!5712409&s=Verkehrswende/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anja Krüger
       
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