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       # taz.de -- Deutschrap aus Berlin: Der freshe Sound der Stadt
       
       > Vergiss Seed und Sido: Junge Rapper*innen haben in den letzten Jahren
       > reihenweise neue Berlin-Songs geschrieben. Das hier sind die besten.
       
   IMG Bild: Auf dem Tempelhofer Feld kommt der Soundtrack aus der Boombox
       
       BERLIN taz | Dickes B von Seeed war gestern, Mein Block von Sido
       vorgestern. Der Sound der Stadt klingt längst anders. Deutschrap ist das
       große Ding, so erfolgreich wie kaum ein Musikstil je zuvor – und Berlin ist
       seine Hauptstadt. Künstler wie Capital Bra oder Samra sind längst
       Superstars. Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten. Nicht immer
       jugendfrei oder politisch korrekt, mit einem Hang zur Verherrlichung von
       Drogen und Luxusmarken, schildern Rapper*innen ihr Leben in Berlin. Eine
       [1][Auswahl der derzeitigen Berlin-Hits].
       
       ## Juju: [2][„Sommer in Berlin“]
       
       „Prinzenbad kann ich nur nachts gehen, denn ich bin zu fame, ja. Auf der
       Parkbank, auf der wir grad sitzen, lag gestern noch Schnee, ja. Und jetzt
       ist es immer noch warm überall, dabei ist es schon spät, ja. Bitte lass
       mich noch einmal am Joint ziehen, bevor ich geh, ja“ 
       
       Die Neuköllnerin Juju ist eine der erfolgreichsten Frauen im Business: Ihr
       Track „Vermissen“ mit Henning May verkaufte sich mehr als 400.000-mal und
       stand auf Platz 1 der Single-Charts, und sie wurde Best German Artist bei
       den MTV Europe Musik Awards. Vorher rappte sie zusammen mit Nura unter dem
       Namen Sxtn. Ihr Spiel mit männlichen Klischees („Ich ficke deine Mutter
       ohne Schwanz“) ist durchaus als feministisches Empowerment zu werten.
       
       Street-Credibility Gymnasium geschmissen, an Aggro Berlin orientiert und
       durchgestartet. Hätte auch tagsüber im Prinzenbad eine Bahn für sich
       allein.
       
       Sexismus-Faktor Laut einer Auswertung des Spiegels hatten Sxtn mit
       durchschnittlich mehr als sieben sexistischen Begriffen pro Song die
       höchste Dichte aller untersuchten Künstler*nnen. „Sommer in Berlin“ ist
       dagegenso politisch korrekt wie taz. Mindestens.
       
       Parental Advisory-Faktor FSK 0, weil feinster Blümchen-Pop.
       
       ## Zugezogen Maskulin: „Oranienplatz“
       
       „Nach Kreuzberg Berlin – in die Heimat der Hipster, wo die Sambatruppe beim
       Kulturkarneval zwar klargeht, doch sich Argwohn in den Blick legt, wenn ein
       schwarzer Mann im Park steht“ 
       
       Der in Stralsund aufgewachsene Testo und der in Niedersachsen aufgewachsene
       Grim 104 sind die Neu-berliner Zugezogen Maskulin. Sie persiflieren
       Gangsta-Rap im besten K.I.Z.-Style. Provozierend, aber politisch korrekt,
       sind sie eher im Sub-Genre Abiturienten-Rap anzusiedeln. Ganz in diesem
       Sinne ist „Oranienplatz“ eine kritische Auseinandersetzung mit deutscher
       Abschottungspolitik: „Wir haben viel zu viel, um euch was abzugeben!“
       
       Street-Credibility Als ehemalige Praktikanten der Internetseite rap.de sind
       Testo und Grim 104 nicht so richtig straßentauglich. Aber ihr Sound reicht,
       um die Mutti des Klassenbesten zu erschrecken.
       
       Sexismus-Faktor Der Begriff „Fotzen“ steht bei ihnen nicht auf dem Index,
       wird aber als Selbstermächtigung gebraucht.
       
       Parental Advisory-Faktor Nur Beatrix von Storch würde sie zensieren.
       
       ## Samra & Capital Bra: „Berlin“
       
       „Der Bulle hält uns an, doch wir haben nix gestohlen. Aber die Kugeln
       liegen schon im Lauf. Sie nehmen uns fest über Holland oder Polen, denn in
       Berlin darfst du niemandem vertrauen“ 
       
       Gemessen an den Nummer-1-Hits ist der 1994 in Sibirien geborene Capital (=
       Berlin) Bra (= Bruder) schon jetzt der erfolgreichste Künstler der
       Geschichte. Zusammen mit dem dem in Lichterfelde geborenen Samra
       veröffentlichte er im vergangenen Oktober das Album „Berlin lebt 2“. Die
       beiden teilen sich die Vorlieben für Tilidin, Marlboro Gold, Gucci und
       Lamborghinis. Mit Bushido haben sie Beef, seit sich beide 2019 von dessen
       Label Ersguterjunge trennten.
       
       Street-Credibility Schnelle Autos, Drogen, Nutten – die Getto-Kidz sind
       oben angekommen und lassen es alle wissen. In Neukölln und im Wedding
       reicht das, um selbst die coolsten Gangsta vor Ehrfurcht erstarren zu
       lassen.
       
       Sexismus-Faktor Beide schaffen es nicht in die Sexisten-Top-10 des
       Spiegels, lassen sich in Sachen Frauenfeindlichkeit aber nicht lumpen.
       
       Parental Advisory-Faktor Capital Bras Album CB6 wurde von der
       Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien nicht indiziert. Sad.
       
       ## Rapkreation: „Aral“
       
       „Uhh, ja, wir häng'n an der Aral/ Foto mit der Fam, wenn ich den Chanko in
       der Hand halt'/ Uhh, ja, wir häng'n an der Aral/ Picture me rollin', Böller
       dampft auf dem Asphalt, ey“ 
       
       Rapkreation aus Kreuzberg 36 rappen auch schon mal über die alte Frau, die
       Gemüse in der Wrangelstraße klaut, oder an den noch immer wieder wie ein
       Fremdkörper erscheinenden McDonald’s an der Skalitzer Straße („Es verändert
       sich, doch wir bleiben da“). Denn Gentrifizierung und natürlich auch ein
       bisschen Bullenhass dürfen anklingen, wenn man „klischeefreien Straßenrap“
       (Backspin) macht. Name-Dropping teurer Luxusmarken sucht man dafür bei
       Rapkreation vergeblich – mit nur einer Ausnahme. Für sie gibt es nur eine
       Göttin im Kapitalismus: die „Aral“. Dort nämlich hängt man mit den Jungs ab
       für nächtliche Posen und den ritualisierten Rausch. Der Song ist damit
       relatable für Dorfkinder. Beste Hook.
       
       Street-Credibility Wer den ganzen Tag an der Aral lungert, ist Straße im
       Wortsinn. 1. Preis.
       
       Sexismus-Faktor Hier wird nur das Game gebumst.
       
       Parental Advisory-Faktor Hat er wirklich gerade Ficker gesagt? Süß.
       
       ## Army of Brothers: „Sonnenallee“
       
       „Hier geboren und kein Pass, und das spielt eine Rolle, Kanake im Mercedes
       – Routinekontrolle. Party auf dem Standstreifen, Knollen in die Blunts
       reiben – Alles klär'n mit nem Handzeichen“ 
       
       Die sechs Jungs aus dem Süden Neuköllns gelten als Nachwuchshoffnung des
       ehrlichen Straßenraps. Wer mit Autotune und Pseudo-Gangster-Rumgeprolle
       nichts anfangen kann, ist bei der Army of Brothers (AOB) bestens
       aufgehoben. Ihr Track „Sonnenallee“ aus ihrem 2017er Erstlingswerk
       „Abgeführt ohne Beweise“ ist nicht nur eine Hymne auf Berlins
       „Problemstraße“, sondern auch Guide für alle, die sich fragen, warum man
       auf der Sonnenallee nie vorankommt.
       
       Street-Credibility Statt im Bugatti fahren die Jungs im Kleinwagen durch
       den Kiez – das macht sie noch sympathischer.
       
       Sexismus-Faktor Weniger schlimm als ein Venga-Boys-Songs aus den 90ern.
       
       Parental Advisory-Faktor Neben Freundschaft, stressenden Cops und der
       Lieblingshood Neukölln geht es ums Ticken, Kiffen, Ziehen. Nicht gerade
       etwas für Sechsjährige, aber Jugendliche sollten es einordnen können.
       
       ## Shindy: „Kudamm x Knesebeck“
       
       „Kudamm Ecke Knesebeck Ecke Knesebeck, back in Berlin und ich bin nach wie
       vor der bekannteste Touri Höhere Sicherheitsstufe als Vladimir Putin
       Vielleicht treff ich Sonny bei Mientus Vielleicht treff’ ich Ari bei Fancy
       Wir sind alle am Handy Zu viele Bitches auf Whatsapp, ich brauche ein Nokia
       Guten Morgen Herr Schindler, willkommen zurück hier im Waldorf Astoria!
       Herr Schindler, Herr Schindler, Herr Schindler, Herr Schindler, Herr
       Schindler, Herr Schindler Die Wäsche, die Gäste, ich schnips’ mit dem
       Finger, sie bringen’s auf Zimmer“ 
       
       Michael „Shindy“ Schindler, 31, geboren in Bietigheim-Bissingen, tummelt
       sich lieber in Charlottenburg-Wilmersdorf als in Neukölln. Er kann
       eigentlich alles: Beef mit Kolleg*innen und gefährliche Körperverletzung,
       aber auch großspurig und wunderbar sweet und selbstironisch sein (so wie in
       seinem Song „Highschool Musical“).
       
       Street Credibility nur im dicken Auto.
       
       Sexismusfaktor Erseigentlichguterjunge.
       
       Parental Advisory-Faktor „Hier kommt der Schulschreck, nie ohne
       Knutschfleck.
       
       ## BHZ: „Flasche Luft“
       
       „Trink ’ne Flasche Luft in der S-Bahn/ Steilgang mit den Brüdern und den
       Schwestern/ Alles ist gut, hoffe, dass sich nichts verändert/ Wir lungern
       auf Straße, aber wir sind keine Gangster“ 
       
       „Flasche Luft“ von der Schöneberger Crew BHZ ist ein Partysong, der
       überhaupt nicht nach Feiern und Party klingt, sondern mehr wie für die
       Twenty-Something-Depression am Suicide-Tuesday geschrieben. Denn wenn
       dienstags regelmäßig die Rezeptoren an den Synapsen durch die
       Drogenexzesse des Wochenendes so abgestumpft sind, dass sich dort wirklich
       kein Endorphin mehr herumtreibt, kann man schon mal traurig sein. Und man
       darf auch Angst bekommen, irgendwann einmal dreißig zu werden. Gegen diese
       biochemische Schieflage hilft wiederum eine Flasche Pfefferminzlikör in der
       S-Bahn. Zusammen mit den Brüdern und Schwestern, na klar.
       
       Street-Credibility Echte Gangster schlafen nicht in der Ringbahn.
       
       Sexismus-Faktor Frauen dürfen hier sogar Schwestern sein und sippen Luft
       wie alle.
       
       Parental Advisory-Faktor Eltern finden gut, dass das Kind endlich über
       seine Gefühle spricht.
       
       ## Pashanim: „Airwaves“
       
       „Dunkelblaue Prada-Caps, Kalenji-Kapuze tief Du denkst, du wirst
       überfallen, wenn du einen von uns siehst Ball hochhalten mit Shabab und
       Leute grüßen nebenbei Große Louis-Taschen tragen und Piqué-Polos in Weiß
       Hallo, ich bin's, am Handy, red nicht wie bei Sims Kymco Roller und ich
       fahr, Mehringdamm den ganzen Tag Tahos wissen, kennen die Songs, 61-Berlin
       Bronx“ 
       
       Wenn man wie Can David Bayram alias Pashanim in Kreuzberg geboren ist, kann
       einem Keuzberg 61 rund um Riehmers Hofgarten wie die New Yorker Bronx
       vorkommen. Neuköllner Rapper lächeln da natürlich nur. Klasse haben die
       gechillten Stücke des 19-Jährigen aber trotzdem.
       
       Street Credibility reicht für 61.
       
       Sexismusfaktor schulbuchtauglich.
       
       Parental Advisory-Faktor Eltern, die bei Shindy mitsingen, finden es zu
       soft.
       
       ## [3][Reinhören]: Die ganze [4][Playlist bei Spotify (inklusive
       Bonustracks)]
       
       13 Sep 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://open.spotify.com/playlist/52bKXIRofZLZXpgvaPO6rg?si=KxK4uQqvTV2ZIFXyeBp30w
   DIR [2] https://youtu.be/WImpxuRxGgA
   DIR [3] https://open.spotify.com/playlist/52bKXIRofZLZXpgvaPO6rg?si=KxK4uQqvTV2ZIFXyeBp30w
   DIR [4] https://open.spotify.com/playlist/52bKXIRofZLZXpgvaPO6rg?si=KxK4uQqvTV2ZIFXyeBp30w
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Erik Peter
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