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       # taz.de -- Einwanderung nach Deutschland: Fachkraft mit Relevanz gesucht
       
       > Die Migrationsströme nach Deutschland sind fast zum Erliegen gekommen.
       > Braucht es überhaupt noch qualifizierte Arbeiter*innen aus dem Ausland?
       
   IMG Bild: Besseren Zeiten: Szene von einer Jobmesse für ausländische Fachkräfte und Geflüchtete 2016
       
       Berlin taz | Christian Schröder ist beschäftigt. Zwischen mehreren Terminen
       sagt der Personalleiter des Resorts Fleesensee ins Telefon: „Seit wir
       wieder geöffnet haben, brauchen wir jede Hand.“ Das Resort an der
       Mecklenburgischen Seenplatte schloss wegen der [1][Coronapandemie] am 19.
       März. Seit dem 25. Mai empfängt man dort wieder Gäste aus ganz Deutschland.
       Und schon macht sich auch der Fachkräftemangel wieder bemerkbar.
       
       Noch Ende Februar hatte Schröder in der taz berichtet, wie händeringend er
       auf der Suche nach Personal ist. Das Resort beschäftigt mehrere
       Geflüchtete, teils als Auszubildende. Doch viele Geflüchtete in Deutschland
       haben inzwischen Arbeit gefunden, auch aus dieser Gruppe werde es mit dem
       Rekrutieren schwieriger, hatte Schröder erzählt. Deswegen setzte er große
       Hoffnungen in das [2][Fachkräfteeinwanderungsgesetz]. Das trat im März in
       Kraft und sollte es Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten erleichtern, zum
       Arbeiten nach Deutschland zu kommen.
       
       Doch quasi zeitgleich mit dem Inkrafttreten des Gesetzes kam die
       Coronapandemie vollends in Deutschland an. Viele Unternehmen schlossen ihre
       Türen, und Deutschland machte die Grenzen dicht. An Einwanderung war kaum
       zu denken.
       
       Grenzschließungen, der Einreisestopp für Drittstaatsangehörige, die
       Schließung vieler ausländischer Visastellen und die Reduktion des
       Flugverkehrs hätten dazu beigetragen, dass Migrationsströme nach
       Deutschland „annähernd zum Erliegen gekommen sind“, heißt es in einem
       Papier des ifo-Instituts von Mitte Juli. Auch seien Dienstleistungen wie
       die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen teils ausgesetzt. Das
       neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei nun „praktisch wirkungslos“.
       
       ## „Händeringend“ auf der Suche nach Fachkräften
       
       Aber gäbe es überhaupt Bedarf? Trotz allmählicher Lockerungen stecken viele
       Unternehmen in der Krise, die Konjunktur ist abgesackt, die
       Arbeitslosenzahlen sind gestiegen. Braucht es überhaupt noch Fachkräfte aus
       dem Ausland?
       
       Ja, sagt Christian Schröder. Der Fachkräftemangel sei durch die Pandemie
       nicht verschwunden. „Das deutsche Inlandsreiseverhalten beschert uns gerade
       sehr gute Buchungszahlen und wir sind wieder händeringend auf der Suche
       nach Fachkräften“, sagt der Personalleiter.
       
       Die aktuellen Buchungen reichten zwar nicht aus, um den entstandenen
       Schaden auszugleichen. „Aber wir könnten das niemals abarbeiten, wenn wir
       nicht jeden Mann und jede Maus an Bord hätten.“ Schon längst stünde man
       wieder vor der Herausforderung, entsprechende Fach-Profile zu finden.
       Eigentlich hatte Schröder zum 1. August sieben Auszubildende aus dem
       Nicht-EU-Ausland einstellen wollen – doch wegen der Corona-Einschränkungen
       ist das unmöglich.
       
       Das Bundesinnenministerium (BMI) führt seit Anfang Juli in Abstimmung mit
       der EU eine „Positivliste“ von Ländern außerhalb der EU, aus denen Menschen
       ohne coronabedingte Einschränkungen einreisen dürfen. Mitte Juli umfasste
       diese Australien, Georgien, Kanada, Neuseeland, Thailand, Tunesien und
       Uruguay. Japan, Südkorea und China sollen folgen. Alle anderen
       Drittstaatler dürfen nur nach Deutschland einreisen, „wenn sie eine
       wichtige Funktion ausüben oder ihre Reise zwingend notwendig ist“, erklärt
       eine Sprecherin des BMI.
       
       ## Besonders strenge Vorgaben für Azubis
       
       Das gilt unter anderem für Menschen in der Gesundheits- und Pflegebranche
       oder für Saisonarbeiter*innen. Andere Fachkräfte sind nur dann von den
       Beschränkungen ausgenommen, wenn ihre „Beschäftigung aus wirtschaftlicher
       Sicht notwendig ist“ und die Arbeit nicht aufgeschoben oder im Ausland
       ausgeführt werden kann. Dafür ist eine entsprechende Bescheinigung des
       Arbeitgebers vorzulegen.
       
       Noch strenger sind die Restriktionen für Menschen, die eine Ausbildung
       beginnen wollen. Das ist nur für die „besonders systemrelevanten Bereiche
       Gesundheit, Pflege und Transport“ gestattet, erklärt die BMI-Sprecherin.
       
       Doch selbst Einreisen, die erlaubt wären, können nicht unbedingt
       stattfinden. Ob eine Antragstellung „tatsächlich möglich“ sei, hänge auch
       von der Lage vor Ort ab, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. So könnten die
       Visastellen einiger deutscher Auslandsvertretungen aufgrund von
       Reisebeschränkungen, Ausgangssperren oder sonstigen Einschränkungen „nur
       eingeschränkt oder im Notbetrieb“ arbeiten.
       
       In Tadschikistan etwa, wo mehrere von Schröders künftigen Azubis herkommen,
       ist die deutsche Botschaft derzeit geschlossen. Im Gegensatz zum Vorjahr
       halbierte sich die Gesamtzahl der erteilten Visa zum Zweck der
       Erwerbstätigkeit im ersten und zweiten Quartal 2020 – von 58.813 auf
       30.117. Es ist der niedrigste Wert seit 2015.
       
       ## Corona bremst
       
       Deutschland sei auch weiterhin auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen,
       betont das Ministerium. „Dass unsere Wirtschaft vor Ausbruch der
       Coronapandemie so gut dastand beziehungsweise wir jetzt vor dem Hintergrund
       dieser robusten Wirtschaft agieren können, wäre ohne Zuwanderung kaum
       möglich gewesen“, sagt ein Sprecher.
       
       So sieht es auch Panu Poutvaara, Mitglied des Sachverständigenrats
       deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) und Leiter des ifo
       Zentrums für Internationalen Institutionenvergleich und
       Migrationsforschung. „Aber wahrscheinlich sehen wir die positiven Effekte
       des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes erst im nächsten Jahr.“ Doch sobald die
       Wirtschaft sich erhole, sei es gut, bereit zu sein – etwa in den
       Konsulaten, die die Visaanträge bearbeiten müssen.
       
       „Durch Corona wurden die Auswirkungen des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes
       vielfach ausgebremst“, sagt auch Annika Göbel vom Deutschen Industrie- und
       Handelskammertag. „Derzeit dürfte die Nachfrage deutscher Unternehmen aber
       auch eher gering sein – im April und Mai wurden insgesamt 178.000 offene
       Stellen neu gemeldet, das sind etwa 50 Prozent weniger als im Vorjahr.“
       Mittelfristig werde sich das wegen des demografischen Wandels aber wieder
       deutlich ändern.
       
       In den vergangenen drei Jahren sei etwa die Hälfte des Stellenzuwachses auf
       die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland zurückzuführen gewesen.
       „Strukturell hat Corona an der Situation nichts verändert“, so Göbel. Sie
       mahnt außerdem einen Ausbau der Digitalisierung in den zuständigen
       Verwaltungen an. „Es könnte passieren, dass die Unternehmen in Deutschland
       sich schneller erholen als die Verwaltungen im Ausland. Es wäre gut, wenn
       etwa Visaanträge in den Auslandskonsulaten auch während eines Lockdowns
       weiter bearbeitet werden könnten.“
       
       ## Beim Einwanderungsstop droht eine Kettenreaktion
       
       „Natürlich geht die Einwanderung in der Krise zurück – aber sie zu stoppen
       wäre grundfalsch“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und
       Berufsforschung (IAB). 2019 seien durch den demografischen Wandel rund
       350.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter verloren gegangen – Tendenz
       steigend.
       
       „Das müssen wir aufgrund der gleichzeitig steigenden Lebenserwartung
       mindestens kompensieren, um die sozialen Sicherungssysteme zu
       stabilisieren“, sagt Brücker, und warnt vor Kettenreaktionen: „Nehmen wir
       mal die Bauwirtschaft, die wie in Süddeutschland weiter gut läuft: Wenn wir
       da sagen, niemand darf kommen, dann werden sie das durch inländische
       Arbeitskräfte nicht kompensieren können. Dadurch gehen die Bauaktivitäten
       zurück, und das hat wieder Einfluss auf die Arbeitsnachfrage in anderen
       Bereichen.“
       
       Dass Fachkräfte und Auszubildende von den Einschränkungen unterschiedlich
       hart betroffen sind, kritisiert Brücker. „Einreisebeschränkungen aus
       gesundheitlichen Gründen können natürlich immer gerechtfertigt sein“, sagt
       Brücker. „Wenn dann aber für bestimmte Länder oder Branchen Ausnahmen
       gemacht werden, die für Azubis nicht gelten, macht das weniger Sinn. Das
       Infektionsrisiko durch den Zuzug von Azubis und Beschäftigten dürfte kaum
       unterschiedlich ausfallen.“
       
       Azubis fehlten derzeit in vielen Bereichen, und zur Bewältigung des
       Fachkräftemangels brauche es eine langfristig angelegte Strategie. „Zu der
       gehört auch, dass die Menschen gut ausgebildet sind“, sagt Brücker. „Wir
       würden ja in der Krise auch nicht entscheiden, die Ausbildung junger
       Deutscher auszusetzen.“
       
       Dem würde wohl auch Christian Schröder vom Resort Fleesensee zustimmen. Die
       Einschränkungen für Auszubildende sind für ihn ein großes Problem. „Wir
       haben nun für drei Jahre eine deutlich verminderte Azubitruppe“, sagt er.
       „Das trifft uns sowohl betriebswirtschaftlich als auch im Hinblick auf die
       Chance, selbst ausgebildete Fachkräfte nach der Ausbildung zu übernehmen.“
       
       31 Jul 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Dinah Riese
       
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