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       # taz.de -- ARD-Film „LOMO“: Hart am Rande der Überzeichnung
       
       > Eine Coming-of-Age-Geschichte im digitalen Zeitalter. Nichts Neues, doch
       > es lohnt sich wegen des fantastischen Casts und der lustigen
       > Milieuzeichnung.
       
   IMG Bild: Jonas Dassler als Karl – wie immer sehr gut geschauspielert
       
       Irgendwann war das Internet für uns alle dann doch kein Neuland mehr –
       nicht einmal für die alten Tanten ARD und ZDF. Es gab nun schon einige
       Filme, die sich mit den besonderen Coming-of-Age-Problemen der Digital
       Natives befassen: Cyber-Mobbing, [1][Cyber-Grooming] und so. „LOMO – The
       Language of Many Others“, den das Erste in seiner „FilmDebüt“-Reihe zeigt,
       ist also nicht der erste seiner Art. Der schon 2015 gedrehte Film ist
       allerdings auch nicht mehr so ganz atelierfrisch. Man sieht das an der
       beachtlichen Karriere, die der Hauptdarsteller, der in „LOMO“ einen
       17-jährigen Schüler gab, zwischenzeitlich hingelegt hat.
       
       Jonas Dassler, heute 24, hat in Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk
       ohne Autor“ gespielt, in Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ und,
       [2][als Frauenmörder Fritz Honka, in Fatih Akins „Der Goldene Handschuh“].
       Seiner Einschätzung als „Jahrhunderttalent“ könne nicht widersprechen, wer
       ihn habe spielen sehen, stand in einem großen Porträt in der Süddeutschen
       Zeitung. Ob er auch in „LOMO“ schon so groß aufgespielt hat? Mal schauen:
       
       „Als Karl (17) an der Suche nach seinem Platz in dieser Welt scheitert,
       überlässt er seinen ‚Followern‘ sämtliche Entscheidungen über sein Leben
       und steuert damit auf eine Katastrophe zu.“ So fasst die ARD die Handlung
       von Julia Langhofs erstem Langfilm zusammen. Ach ja. Das Scheitern an der
       Suche nach seinem Platz in der Welt ist eigentlich nichts weiter als eine
       gewisse, für das Alter nicht eben untypische Antriebs- und Planlosigkeit.
       Weiß eben mit 17 Jahren noch nicht jeder so genau wie Karls fünf Minuten
       ältere Zwillingsschwester, wohin die Reise gehen soll. Na und?
       
       „Die Darstellung des Caligula vernachlässigt sein indolentes Verhalten“,
       hat der Lehrer Doro in ihr Heft geschrieben. Doro ohne Sinn für Indolenz
       verführt ihren Klassenkameraden Karl, also Jonas Dassler, nur um ihn
       alsbald während einer Party eiskalt wieder abzuservieren. Gewiss ist er
       nicht der erste Junge mit so einer Erfahrung (mit Doro), aber in dem Alter
       nimmt man sich das halt sehr zu Herzen. ARD-Presseheft: „Für Karl ist jetzt
       klar: Nichts ist wahrhaftig, alles ist Willkür. Desillusioniert beginnt er
       ein gefährliches Spiel.“ Sein Liebesspiel mit Doro landet im Internet.
       
       ## Bis in die kleinste Nebenrollen top besetzt
       
       In einem anderen Film wäre Karl der Cyber-Mobber: der Täter. Aber hier
       kommt nun wohl Jonas Dasslers Talent zum Tragen – und sein
       [3][„James-Dean-Gesicht“] (SZ). Als Zuschauer will man ihm die Tat nicht
       nur nicht übelnehmen, sie nicht einmal als pubertäre Dummheit abtun – nein,
       man ist sogar bereit, sie als nihilistischen Akt des Widerstands zu
       goutieren. Ziemlich genau in der Weise wie in „Die Reifeprüfung“ die Affäre
       des damals auch sehr attraktiven Dustin Hoffman mit der verheirateten Mrs
       Robinson. Die Erwachsenen in „LOMO“ können es in Sachen Bigotterie locker
       mit ihr aufnehmen.
       
       Und, ehrlich gesagt, das ist das Beste an „LOMO“. Nicht das auf
       ästhetischer Ebene originelle digitale Problemgefilme – das einen in
       anderen Filmen weniger kalt gelassen hat. Und auch nicht die Darstellung
       Karls durch den so irre talentierten Jonas Dassler.
       
       Aber er spielt in einem bis in die kleinste Nebenrolle (mit Barbara
       Philipp) fantastisch besetzten, herrlich hart am Rande der Überzeichnung
       agierenden Ensemble.
       
       Zum Beispiel Peter Jordan als Karls Architektenvater, der um seine Villa
       irgendwo in einem der gesetzteren Bezirke im Südwesten von Berlin –
       möglicherweise ganz in Nachbarschaft des künftigen Domizils von Jens Spahn?
       – bangt, weil der rettende Großauftrag, Berlin ist ein Dorf, ausgerechnet
       vom Wohlwollen von Doros Mutter abhängt.
       
       Der Kater namens „Buckminster“ (Fuller), die goldfischglasgroßen
       Rotweingläser, der „Defender“ als Familienkutsche … Die Milieuzeichnung ist
       eine einzige Aneinanderreihung von Klischees. Und als solche ein
       Riesenspaß!
       
       24 Aug 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Polizeivideo-gegen-Cybergrooming/!5432726
   DIR [2] /Berlinale-Der-goldene-Handschuh/!5568976
   DIR [3] https://www.sueddeutsche.de/kultur/jonas-dassler-berlinale-european-shooting-star-portrait-1.4806567
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jens Müller
       
       ## TAGS
       
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