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       # taz.de -- Neues Album Zugezogen Maskulin: Drohnen über den Dörfern
       
       > Das Berliner HipHop-Duo Zugezogen Maskulin geht auf seinem neuen Album
       > „10 Jahre Abfuck“ steil: Es liefert eine Chronik der kaputten zehner
       > Jahre.
       
   IMG Bild: Steile Perspektive auf das vergangene Jahrzehnt: das Duo Zugezogen Maskulin
       
       Wo sind die Utopien geblieben? Die Utopien im Pop und die Utopien im
       Deutschrap? Die zehner Jahre waren musikalisch eine Mischung aus dem ganz
       großen Auskotzen, der Kritik an den aktuellen gesellschaftlichen Zuständen
       und einer Ignoranz dieser Zustände, sie mündete in einem Übermaß an
       Hedonismus.
       
       Shoppengehen statt nachdenken. Lady Gaga träumte sich kürzlich auf einen
       neuen Planeten, immerhin. K.I.Z malten sich 2015 mit [1][„Hurra die Welt
       geht unter“] ein postapokalyptisches Szenario aus, hinterher könnte alles
       besser werden, und sonst? Gerade in der deutschen HipHop-Szene fehlen
       abseits der endlosen Bauchnabelschau die Zukunftsvisionen.
       
       Vielleicht hat es mit dem kapitalistischen Realismus zu tun, [2][den der
       Brite Mark Fisher] in seinem gleichnamigen Buch postuliert, wenn er
       schreibt, dass der Kapitalismus selbst unsere Träume kolonisiert habe.
       Deutsche Rapper träumten im letzten Jahrzehnt vor allem von Materiellem und
       vom Rausch, eine neuen Gesellschaftsordnung war eher nicht von Belang.
       Natürlich ist Hedonismus erlaubt.
       
       Testo und Grim104 aus Berlin, die als [3][Duo Zugezogen Maskulin] heißen,
       wurde im letzten Jahrzehnt immer wieder politischer Aktionismus
       zugesprochen. Die beiden Rapper verkörpern rebellische Attitüde. Bei den
       hochseriösen Feierlichkeiten zum Mauerfall-Jubiläum am Brandenburger Tor
       wurden sie wegen provokanter Statements sogar ausgebuht, und das ZDF wollte
       ihren Auftritt plötzlich nur noch zur Hälfte übertragen.
       
       ## Die Utopien fehlen
       
       Doch auch ihnen, das merkt man auf ihrem neuen Album „10 Jahre Abfuck“,
       fehlen die Utopien. Schlecht ist ihre Musik deswegen nicht. Sie folgt eher
       [4][der Ton-Steine-Scherben-Formel] „[5][Macht kaputt, was euch kaputt
       macht]“.
       
       Kaputt macht Zugezogen Maskulin der Rechtsruck der letzten Jahre, klar.
       Kaputt macht Zugezogen Maskulin, und darum geht es ausführlich auf ihrem
       Album, auch der Kontext, in dem sie sich musikalisch und privat bewegen:
       Deutschrap, urbane Mittelschicht oder je nach Sichtweise Kulturprekariat in
       Berlin, Dasein als privilegierte Künstler.
       
       2011 waren Zugezogen Maskulin ein nischiges Internetphänomen,
       Untergrundrapper, Praktikanten eines HipHop-Magazins, im Mainstream
       irrelevant. Erst eine Zusammenarbeit mit dem traditionsreichen
       [6][Hamburger Label Buback] änderte das. 2015 erschien ihr Debütalbum
       „Alles Brennt“.
       
       Schon damals waren die beiden mal zynische, mal selbstironische Beobachter
       ihrer Umgebung und politischen Umwelt. Und schon damals wollten sie vieles
       in Brand setzen, weil es ihnen so auf die Nerven ging. Abfuck hat also
       Konjunktur im Schaffen von Zugezogen Maskulin – alle zwei bis drei Jahre
       mal so richtig auskotzen auf Albumlänge.
       
       ## Mittelding aus Chronik und Kurzreportage
       
       Aber zum Glück ist es ja nicht nur das stumpfe Aufregen. Zugezogen Maskulin
       sind zwar wütend, aber eben keine Wutbürger. Stattdessen sind ihre Songs
       ein Mittelding aus einer Chronik der letzten zehn Jahre und einer Art von
       literarischer Kurzreportage. Was Realität ist und was Autofiktion, ist
       schwer zu unterscheiden. Klar ist, dass alles, was Zugezogen Maskulin
       erzählen, so in etwa auch passiert und dass dieser Fakt problematisch ist.
       
       Schon [7][der Titelsong] macht klar, worum es hier geht, wenn Testo rappt:
       „War im Paradies, doch dann ging’s los mit Sarrazin / Erst machte er die
       Ossis arm, dann quatschte er vom ‚Juden-Gen‘ / Und von Kopftuchmädchen /
       Ging auf eins in die Charts / Damit war über meine Mitmenschen alles
       gesagt“ und kurz darauf ergänzt: „Die Maske war gefall’n, es folgten zehn
       Jahre Verblödung / Eine endlose Spirale aus Skandalen und Empörung“.
       
       Zugezogen Maskulin skizzieren diese Endlosspirale. Sie rattern sie im
       Hochgeschwindigkeitsrap runter, reihen die Ereignisse aneinander. Auf dem
       Song „Tanz auf dem Vulkan“ finden sich so viele Bezüge zu all den
       rechtsradikalen und rassistischen Anschlägen der letzten Jahre, von Halle
       bis Hanau, dass es schwer ist, hinterher zu kommen.
       
       Mit ihrer atemlosen Erzählweise schaffen es Zugezogen Maskulin so, einen
       Zustand zu simulieren, der ohnehin Realität ist. Online folgt News auf
       News, Grausames auf Grausames. Bam, Bam, Bam. So lange, bis man vieles
       nicht mehr auseinanderhalten kann oder Sachen vergisst, die nicht in
       Vergessenheit geraten dürfen.
       
       ## Die Rapszene wird durch den Kakao gezogen
       
       „10 Jahre Abfuck“ ist wegen dieser Simulation einer Jahrzehntchronik, aber
       auch aus mehreren anderen Gründen ein gutes Album: Die beiden Künstler
       kreieren nicht nur Abgründe, teilweise ziehen sie auch die Rapszene durch
       den Kakao, von der sie selbst ein Teil sind. Ironie ist im Deutschrap nicht
       sehr verbreitet. Zugezogen Maskulin schaffen es, nicht nur nach außen,
       sondern auch nach innen zu blicken und sich selbst zu reflektieren.
       
       Ihre Männlichkeit zum Beispiel in den beiden Tracks „Echte Männer
       Freestyle“ und „Jeder Schritt“. Oder die Panikattacken in einem Business,
       in dem es vor allem darum geht zu funktionieren, was schließlich mit endlos
       Alkohol gelindert werden soll.
       
       „10 Jahre Abfuck“ ist also das Abbild einer doppelten Enttäuschung,
       gesellschaftspolitisch und persönlich, es geht oft über die Rollenmodelle
       als Rapper. Musikalisch stehen Zugezogen Maskulin im Saft, das Album ist
       gut produziert von Ahzumjot und Silkersoft, der von Anfang bis Ende drückt,
       bohrt und rattert und das Geschehen in den Reimen optimal untermalt. Dieser
       synthetische Klanghybrid, den man als Post-Trap bezeichnen könnte, wirkt
       maximal dystopisch.
       
       „10 Jahre Abfuck“ klingt wie ein Abschluss mit allem und natürlich auch
       nach dem Abschluss eines Jahrzehnts, das für Zugezogen Maskulin nur
       oberflächlich betrachtet gut verlief. Im Finale des Albums „Exit“ klingt
       sogar ein Karriereende als letzte Konsequenz an.
       
       Was kann danach noch kommen? Vielleicht gelingt doch ein Wechsel vom
       zyklischen Auskotzen und der Selbstdekonstruktion hin zum Utopischen, wenn
       alles, was kaputt macht, auch kaputt ist. Hängt von den gesellschaftlichen
       Entwicklungen ab. „Eltern sind weit weg, Dörfer aus denen wir / Früher vor
       Langeweile mal flohen / Sind heute von Hightech-Drohnen / Geschützlos –
       Sicherheitszonen, ah/ Das sind die Zwanziger Jahre“, rappt Grim104. Klingt
       also schon an, dass in zehn Jahren ein Nachfolger auf das aktuelle Album
       folgen könnte. Es wird keine Utopie sein.
       
       17 Aug 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Neues-KIZ-Album/!5208961
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   DIR [4] /Gesamtwerk-von-Ton-Steine-Scherben/!5269835
   DIR [5] https://youtu.be/UwE8dlRnsio
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   DIR [7] https://www.youtube.com/watch?v=wWu4SIx1y_E
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Johann Voigt
       
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