# taz.de -- Unabhängige Justiz unter Druck: Protest gegen neue Anwaltskammern
> Anwält*innen protestieren in Ankara gegen die Gründung mehrerer
> Anwaltskammern pro Provinz. Sie befürchten Spaltung und Einflussnahme der
> Regierung.
IMG Bild: Die Polizei drängt die Anwält*innen mit Schutzschilden und Pfefferspray zurück
Der Platz vor dem Justizgebäude im Herzen Ankaras ist am Freitag komplett
schwarz und blau. Mehr als tausend Anwält*innen in schwarzen Roben sind
umzingelt von hunderten blau uniformierten Polizist*innen. Die Anwält*innen
aus verschiedenen türkischen Städten versuchen zu dem zwei Kilometer
entfernten Parlamentsgebäude zu gelangen, in dem gerade gerade über einen
Gesetzesentwurf zu den Anwaltskammern beraten wird. Die Protestierenden
befürchten, dass mit dem Gesetz das Recht auf Zusammenschluss von
Anwält*innen eingeschränkt werden sowie bestehende Anwaltskammern
zerschlagen und der Regierung unterstellt werden könnten.
Die Polizei drängt die Anwält*innen mit Schutzschilden und Pfefferspray
zurück. Ein Anwalt zeigt seine Robe, die bei den Auseinandersetzungen mit
der Polizei zerrissen ist. Eine andere hält die Plastik der griechischen
Göttin der Gerechtigkeit, Themis, hoch, deren linke Hand, in der sie die
Waage hält, zerbrochen ist. Im Hintergrund zieht jemand eine Robe einen
Fahnenmast hoch, das Symbol des “Widerstands der Verteidigung“.
Der Gesetzesentwurf, der schon seit einiger Zeit von den Koalitionspartnern
AKP und MHP diskutiert wird, wurde am 30. Juni ins Parlament eingebracht.
Er sieht eine Änderung des Wahlsystems der Anwaltskammern vor. Außerdem
soll es möglich werden, mehrere Kammern innerhalb einer Provinz zu gründen.
Die Regierung begründet die Änderungen damit, dass die Kammern “ihren
Aufgaben nicht rechtmäßig nachgehen“.
Nach Angaben der türkischen Anwaltskammer waren 2019 mehr als 127.000
Anwält*innen registriert. Alle müssen Mitglied in einer Anwaltskammer sein;
pro Provinz gibt es bisher eine Kammer. Der Entwurf sieht vor, dass in
Städten, in denen mindestens 5.000 Anwält*innen registriert sind, ab 2.000
Mitgliedern eine neue Anwaltskammer gegründet werden kann. Für die
Istanbuler Anwaltskammer, die mit mehr als 46.000 Mitgliedern die größte
Anwaltskammer der Welt ist, bedeutet das die Aufspaltung.
Die Anwältin Züleyha Gülüm, Istanbul-Abgeordnete für die HDP, ist Teil der
Justizkommission des Parlaments. Als die Kommission ihre Sitzung
unterbricht, geht auch Gülüm zu dem Sitzstreik vor dem Parlament, den
einige Vorsitzende der Anwaltskammern organisiert haben, um die
polizeilichen Absperrungen zu durchbrechen. Gülüm sagt, das Ziel der AKP
sei es, “erwünschte und unerwünschte Anwaltskammern“ zu schaffen. Nachdem
schon Richter*innen und Staatsanwält*innen der Kontrolle der Regierung
unterworfen worden sind, seien nun die Anwält*innen an der Reihe.
## Anwält*innen brechen zum „Marsch der Verteidigung“ nach Ankara auf
Die Änderung des Wahlsystems der Anwaltskammern wird in der Türkei seit Mai
heiß diskutiert. Nachdem die Ankaraner Anwaltskammer eine LGBTI-feindliche
Äußerung des Vorsitzenden des Präsidiums für Religionsangelegenheiten
Diyanet, Ali Erbaş, kritisiert hatte, wurde Ende April ein Verfahren gegen
die Kammer eingeleitet. Daraufhin schrieb die AKP-nahe Tageszeitung Sabah
in einem Artikel vom 7. Mai: “Wenn die Anwaltskammern ihre eigentlichen
Aufgaben vernachlässigen und sich in die Politik einmischen, ist es Zeit,
sich dieses ungerechte Wahlsystem, das dahinter steckt, vorzuknöpfen.“
Außerdem hieß es in dem Artikel, dass die Gesetzesänderung auf Anweisung
Erdoğans bereits in Arbeit sei.
Aus Protest gegen den Gesetzesentwurf riefen die Anwaltskammern zum „Marsch
der Verteidigung“ nach Ankara auf. Am 19. Juni brachen Anwält*innen aus
allen Ecken der Türkei zu Fuß in die Hauptstadt auf. Am 29. Juni fanden in
zahlreichen Provinzen Demonstrationen statt, bei denen sich 78 der 80
Anwaltskammern in einer gemeinsamen Erklärung gegen die Gesetzesänderung
positionierten. Die “Große Verteidigungskundgebung“, die Vorsitzende der
Anwaltskammern und Anwält*innen am Freitag in Ankara geplant hatten, wurde
jedoch vom Gouverneur verboten.
Fulya Dağlı ist eine von hunderten Anwält*innen, die am Freitagmorgen nach
Ankara gekommen ist, um gegen das Verbot zu protestieren. Dağlı, die seit
anderthalb Jahren in Istanbul als Anwältin arbeitet, harrt in Robe und mit
Gesichtsmaske vor der Polizeiabsperrung aus. Nachdem die Polizei versucht
hat, die Versammlung aufzulösen, bildeten die Anwält*innen hier eine
Sitzblockade. Dağlı betont, dass die Anwaltskammern schon lange dem Druck
der Regierung ausgesetzt seien. In dem Gesetzesentwurf sieht sie vor allem
eine Gefahr für junge Anwält*innen, die gerade das Referendariat
abgeschlossen haben. Dass die Anwält*innen dann gezwungen wären, in
„regierungsnahen Anwaltskammern“ Mitglied zu werden, würde die bestehenden
Probleme von Jurist*innen laut Dağlı weiter verstärken. „Alle, die sich für
Recht und Gerechtigkeit einsetzen, werden einen gewaltigen Rückschlag
erleben.“
Auch die Vorsitzende der Anwaltskammer der nordosttürkischen Provinz
Trabzon, Sibel Suiçmez, ist der Meinung, dass das Anwaltsgesetz
problematisch sei und dass das Justizsystem insgesamt gestärkt werden
müsse. Zusammen mit anderen Vorsitzenden sitzt sie seit dem 2. Juli vor dem
Parlamentsgebäude. Sie kritisiert, dass der Gesetzesvorschlag ohne
Rücksprache mit dem Dachverband der Anwaltskammern und Anwält*innen
eingebracht wurde und auch auf wissenschaftlicher Ebene nicht diskutiert
wurde. “ Wir haben gesagt: 'Nehmt diesen Vorschlag zurück und lasst uns
alle zusammen ein zeitgemäßes Gesetz erarbeiten, dass die Möglichkeiten des
Volkes auf Rechtsbeistand stärkt.’ Aber wir bekamen auf diesen Vorschlag
keine Antwort“, erzählt Suiçmez.
Die HDP-Abgeordnete Oya Ersoy, die an den Parlamentssitzungen teilgenommen
hat, berichtet, dass viele Abgeordnete dazu gezwungen worden seien, den
Gesetzesvorschlag in aller Eile hinter verschlossenen Türen
fertigzustellen. „Das Gesetz, das mehrere Anwaltskammern pro Stadt
vorsieht, zielt genau darauf ab, den Zusammenschluss der Anwält*innen, also
der Strafverteidigung, zu verhindern“, sagt sie.
Nachdem die Justizkommission im Parlament ihre Sitzung am Freitag zu später
Stunde unterbrochen hat, beenden die Anwält*innen ihren Sitzstreik. Am
Samstag nimmt das Parlament die ersten fünf Bestimmungen des Gesetzes, auch
die Bestimmungen zu den “mehrfachen Anwaltskammern“. Doch zusammen mit den
Sitzungen des Justizausschuss geht auch der Sitzstreik der Vorsitzenden der
Kammern vor dem Parlament weiter.
Aus dem Türkischen von Julia Lauenstein
4 Jul 2020
## AUTOREN
DIR Vecih Cuzdan
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