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       # taz.de -- Sozialforscher über das Biotop Kreuzberg: „Misstrauen gegen alles von oben“
       
       > In „Kreuzberg – das andere Berlin“ versucht der Soziologe Jürgen Enkemann
       > die Widerständigkeit und Alternativität des Bezirks zu erklären.
       
   IMG Bild: Protest gehört in Kreuzberg dazu, und irgendwann kommt die Polizei. Szene von 2014
       
       taz: Herr Enkemannn, ihr neuestes Buch heißt „Kreuzberg – das andere
       Berlin“. Wie meinen Sie das? 
       
       Jürgen Enkemannn: Es geht um eine besondere historisch gewachsene
       Konzentration von „Alternativität“ in Kreuzberg, von kulturellen
       Gegenentwürfen, verbunden mit einer politischen Protestkultur. Ein Begriff
       wie „das andere Berlin“, der im Titel erscheint, ist nicht primär als These
       von mir anzusehen, sondern weist auf eine Besonderheit, die über Jahrzehnte
       hinweg mit den verschiedensten Etiketten wie „Gallisches Dorf“,
       „Protesthochburg“ oder “'Mythos Kreuzberg“ charakterisiert worden ist. Ich
       versuche der Frage nachzugehen, wieso es gerade in Kreuzberg zu dieser
       Entwicklung kam.
       
       Welchen Bezug haben Sie selbst zu Kreuzberg? 
       
       Ich bin seit den frühen 1960er Jahren in Kreuzberg ansässig und habe somit
       vieles von dem, was in dem Buch geschildert wird, selbst erlebt, seien es
       Treffpunkte der bohemeorientierten Kunstszene wie Leierkasten, Malkiste und
       Nulpe, sei es der Austausch mit türkeistämmigen Bevölkerungsteilen, über
       die es ein Kapitel in dem Buch gibt, seien es die Off-Theater der 1980er
       Jahre, die Aktivitäten der Hausbesetzerbewegung im gleichen Jahrzehnt oder
       mietenpolitische Proteste in jüngerer Zeit. Das habe ich nicht nur erlebt,
       sondern auch engagiert mit vorangetrieben.
       
       Sie stellen in dem Buch auch Kreuzberger KommunalpolitikerInnen der letzten
       100 Jahre vor. Was verbindet Carl Herz, den jüdischen
       SPD-Bezirksbürgermeister von 1926 bis 1933, mit der [1][aktuellen
       Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann] oder ihrem Amtsvorgänger Franz
       Schulz (beide Bündnis 90/Die Grünen)? 
       
       Carl Herz behandle ich in einem Kapitel über “Frühe Impulse für eine
       Kreuzberg-spezifische Widerständigkeit“. Es geht also um eine Art
       Vorgeschichte und noch nicht um jene Entwicklungslinie Kreuzberger
       Besonderheit, deren Beginn erst viel später anzusetzen ist. In einer
       Gedenkfeier für den 1933 gewalttätig aus dem Amt vertriebenen
       radikaldemokratisch orientierten Carl Herz mit einer Ausstellung im
       Rathausgebäude hat sich Monika Herrmann ausdrücklich zu den Positionen
       ihres Vorgängers bekannt.
       
       Und Franz Schulz? 
       
       Franz Schulz möchte ich im Kontext eines Spannungsverhältnisse erwähnen,
       wie es in Kreuzberg zwischen der Verwaltung und verwaltungskritischen
       Strömungen, besonders etwa den „Autonomen“, immer wieder typisch war. Er
       äußert sich in meinem Buch dazu in einem Interview, das ihn selbst als
       einen recht widerständig orientierten Amtsinhaber erscheinen lässt, und
       kennzeichnet darin die “Kreuzberger Widerborstigkeit“ als ein tiefes
       Grundmisstrauen gegen das, was von oben kommt. Das treffe, so sagt er,
       natürlich auch häufig das Bezirksamt und ihn selbst.
       
       Welche Kreuzberger KommunalpolitikerInnen führen Sie noch an? 
       
       Ein frühes Beispiel dieser Dynamik ist bereits der selbst aus einer
       politischen Widerstandsbewegung kommende und vom Naziregime verfolgte
       Kreuzberger Jugendstadtrat Erwin Beck, der im Dezember 1971 in soeben
       besetzten Räumen des Bethanien-Komplexes die Rolle eines Vermittlers
       eingenommen hat. Für die Rebellen, zu denen in jener Nacht Rio Reiser und
       Ton, Steine, Scherben gehörten, verkörperte Beck die „Politik“, die
       Gegenseite, und sie wollten ihn zunächst nicht hineinlassen. Aber nur
       seinem Einsatz war es letztlich zu verdanken, dass die Polizei abgezogen
       ist und ein Bleiberecht für die Räume erwirkt wurde.
       
       Sie behandeln in einem Kapitel ausführlich die heute wenig bekannte
       Kreuzberger Boheme- und Subkultur der 1960er Jahre. Welche Bedeutung hat
       die für Kreuzberg? 
       
       Die Phase der Galerien und Künstlerkneipen, die mit dem Boheme-Begriff in
       Verbindung gebracht wurde, sehe ich als ein sehr entscheidendes Vorspiel
       für die alternative Entwicklung in Kreuzberg, als eine noch unreflektierte
       künstlerisch geäußerte Vorwegnahme späterer Widerstände gegen kulturelle
       Zwänge der „Konsumgesellschaft“ im Kapitalismus. Insbesondere die Gründung
       der Galerie zinke im Jahre 1959, initiiert von dem Künstler Günter Bruno
       Fuchs, war eine Art Urzelle für vieles, was dann als Kreuzberger
       Besonderheit wahrgenommen wurde und starke Sogwirkungen hatte.
       
       Ihr Buch endet mit einem abgebildeten Transparent mit der Aufschrift „Wir
       holen uns den Kiez zurück“. Ist dieser „trotzig-optimistische Ausblick“ Ihr
       Statement gegen auch manches linke Lamento, dass das rebellische Kreuzberg
       tot ist und sich die Gentrifizierung nicht mehr aufhalten lässt? 
       
       Das lässt sich eventuell so verstehen, aber der Ton in meinen „Ausblicken“
       ist zugleich der einer Offenheit. Gentrifizierungstendenzen etwa lassen
       sich nicht immer mit Erfolg blockieren, und die Höhepunktphasen der
       Kreuzberger Widerständigkeit mögen eher in der Vergangenheit liegen. Aber
       sie haben in jüngerer Zeit auch immer wieder neue Anstöße erfahren. Von
       Kreuzberg können weiterhin Impulse für Aktionen gegen Rassismus oder gegen
       Profitgier von Immobilienspekulanten ausgehen.
       
       3 Jul 2020
       
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