URI:
       # taz.de -- Debatte um Denkmäler: Gelegentlich vom Sockel geholt
       
       > Die meisten Bronzestatuen haben ihre Zeit lange hinter sich.
       > Provisorische, austauschbare Denkmäler müssen her für die wahren
       > HeldInnen.
       
   IMG Bild: Intervention am Denkmal: Harriet Tubman auf der Statue des Generalkonföderierten Robert E. Lee
       
       Vor Jahren war der große lateinamerikanische Schriftsteller Eduardo Galeano
       zu Besuch bei seinem deutschen Verlag in Wuppertal. Er blieb staunend vor
       dem Standbild einer jungen Frau stehen. Offensichtlich eine Arbeiterin. In
       Lebensgröße und aus Bronze. „Was ist das für eine zivilisierte Stadt“, rief
       er aus, „die einer Arbeiterin ein Denkmal setzt!“ Seit 1979 schmückt die
       Statue von Mina Knallenfalls die Elberfelder Innenstadt.
       
       Keine historische Figur, sondern eine Heldin aus einem Mundartgedicht von
       Otto Hausmann. Sie steht mitten im Alltagsleben, ohne Sockel und Attitüde.
       Mal wird sie getätschelt, mal mit Blumen umrankt. Niemand käme auf die
       Idee, sie umzuwerfen. Die „Mina“ ist eine Ausnahme. Fast überall erheben
       mächtige Statuen einen Anspruch auf historische Repräsentanz. Oft fahren
       sie schwerere Geschütze auf, wortwörtlich als militaristisches Memento mori
       sowie im erinnerungskulturellen Kampf.
       
       Meist nehmen wir sie kaum wahr, auch wenn wir ihren tiefen Schatten
       durchschreiten. Nur gelegentlich, nach Protesten, Aufständen oder
       Revolutionen, werden sie vom Sockel geholt. Dann – und nur dann – erfüllen
       sie die Aufgabe, die ihrer deutschen Bezeichnung eingeschrieben ist:
       Denk-mal. Während in England [1][ein Sklavenhändler kopfüber ins
       Hafenbecken fällt], neigen wir hierzulande eher zur gepflegten Diskussion.
       So, als gäbe es keinen dringlichen Handlungsbedarf.
       
       Doch in jeder deutschen Stadt wimmelt es von Kriegerdenkmälern. Nehmen wir
       etwa Stuttgart. Im Mittleren Schlossgarten wird mit einem löwenstarken
       Denkmal das Grenadier-Regiment „Königin Olga“ geehrt. Kaum jemand denkt
       sich was dabei, nur wer zu Hause auf Wikipedia nachschlägt, wird von den
       historischen Fakten fast erschlagen: 1848 „eingesetzt zur Bekämpfung von
       Unruhen im Lande“, 1900 am „zweiten internationalen Expeditionskorps in
       China beteiligt“, 1904/1906 „nehmen Soldaten des Regiments am Kampf gegen
       die Herero in nicht bekannter Stärke teil“.
       
       ## Jedes Denkmal lässt Geschichte zur halben Lüge erstarren
       
       Wenn man die pseudo-objektive Sprache von Wikipedia in die Ehrlichkeit von
       Leichensäcken und Gräbern übersetzt, bedeutet dies: brutale Niederschlagung
       von heimischen demokratischen Protesten; imperialistische „Strafexpedition“
       gegen einen Volksaufstand; und Massenmord in Deutsch-Südwestafrika. Anders
       gesagt: Dieser steinerne Löwe repräsentiert all das, was wir heute als
       Gesellschaft ablehnen. Wo hingegen sind die Denkmäler all der exekutierten
       Deserteure?
       
       Des unbekannten Saboteurs und der Revolutionäre wie etwa Fritz Anneke,
       dessen Forderungen aus den Jahren 1848/49 heute allesamt im Grundgesetz
       verankert sind? An seiner Stelle thront weiterhin und weithin sichtbar
       Wilhelm I., König von Württemberg, der nach der blutigen Niederwerfung der
       Revolution von 1848/49 seine Absicht bekräftigte, „das Volk vom
       periodischen Fieber der Wahlen befreien“ zu wollen.
       
       Statt an VorkämpferInnen heutiger Errungenschaften zu erinnern, stehen
       überall in Deutschland und Österreich [2][Mahnmale gefallener Soldaten].
       Wenn es eine gesellschaftliche Übereinkunft gibt, dass weder der Erste noch
       der Zweite Weltkrieg eine gute Sache war, dann sollten wir doch auch jene
       ehren, die gegen diesen Wahn gekämpft haben! Es gibt Alternativen, könnte
       man einwenden und etwa auf das Sowjetische Ehrenmal in Treptow hinweisen.
       
       Was zu Recht an die Befreiung vom Nationalsozialismus erinnert, wurde 1949
       auf Befehl Stalins errichtet. Denn jedes Denkmal lässt Geschichte zur
       halben Lüge erstarren. Indem es in Erinnerung ruft, verschweigt es
       zugleich. Etwa, dass die Soldaten der Roten Armee als Okkupationstruppen
       massenhaft Frauen vergewaltigt und ein totalitäres System installiert
       haben, das in Osteuropa 45 Jahre lang Unterdrückung, Ausbeutung und
       Schrecken etabliert hat.
       
       ## Wo ist der unbekannte Saboteur, wo die Revolutionäre
       
       Wenn also Verteidiger althergebrachter Gedenkorte wie der britische
       Premierminister Boris Johnson fordern, dass „die Menschen unsere
       Vergangenheit mit all ihren Unvollkommenheiten verstehen“ sollten, dann
       muss die Frage erlaubt sein, ob die statuarische Verkörperung komplexer
       historischer Zusammenhänge zu diesem Verständnis beiträgt. Steht im
       Schlossgarten neben dem Löwen eine Tafel über den Genozid an den Herero?
       Gibt es im Treptower Park eine Dauerausstellung über die Ambivalenz von
       Befreiung/Unterdrückung?
       
       Was in einem Museum ein Leichtes wäre, funktioniert im öffentlichen Raum
       kaum. Solange unsere Denkmäler versteinerter Ausdruck von Geschichtlichkeit
       bleiben, können sie keine andere soziale Funktion erfüllen, als die
       Selbstgerechtigkeit von Macht zu dokumentieren. Nötig sind deshalb keine
       weiteren Denkmäler, sondern eine Neubewertung der Erinnerungskultur.
       
       Natürlich wäre es schön, die sechs Meter hohe Bronzestatue von Thomas
       Jefferson durch die Bronzestatue einer schwarzen Frau zu ersetzen, etwa der
       einstigen Sklavin und Freiheitskämpferin Harriet Tubman, wie einer von
       Jeffersons Nachfahren neulich in der New York Times forderte. Aber dies
       wäre nur ein punktueller Erfolg. Das Störende an den Denkmälern ist die
       Hybris ihrer vermeintlichen Unvergänglichkeit. Geschichte aber ist ein sich
       wandelndes Narrativ.
       
       Wir sollten lieber [3][provisorische Denkmäler] errichten, was technisch
       durch den 3-D-Druck leicht zu verwirklichen wäre, anhand von Vorschlägen,
       die aus Diskussionen in Vereinen, Gemeinderäten oder Klubs von
       lokalhistorisch Interessierten erwachsen. Diese Mahnmale würden als
       Momentaufnahmen wirken, die geeignet wären, ein profundes Gespräch über die
       wahren Heldinnen der Geschichte hervorzurufen.
       
       Wer widerspricht und andere zu überzeugen vermag, der darf seinen Vorschlag
       in der nächsten Denkmalssaison verwirklichen. Aber das wäre zu
       demokratisch, Gott und Wilhelm behüte.
       
       22 Jul 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Denkmalsturz-in-Bristol/!5694694&s=denkm%C3%A4ler/
   DIR [2] /Peinliche-Denkmaeler/!5694708&s=denkm%C3%A4ler/
   DIR [3] /Die-steile-These/!5693726&s=mahnmal/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ilija Trojanow
       
       ## TAGS
       
   DIR Schlagloch
   DIR Denkmäler
   DIR Black Lives Matter
   DIR Erinnerungskultur
   DIR Schwerpunkt Rassismus
   DIR Deutscher Kolonialismus
   DIR Irland
   DIR Schlagloch
   DIR Kolumne Der rote Faden
   DIR Denkmäler
   DIR Kolonialismus
   DIR Schwerpunkt Tag der Befreiung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Türkische Netflix-Serie „Diriliş: Ertuğrul“: Falsche Helden
       
       Das TV-Epos „Diriliş: Ertuğrul“ findet besonders in muslimischen Staaten
       Zuspruch. Der Mythos um den ruchlosen Krieger ist alles andere als
       zeitgemäß.
       
   DIR Genozid an Herero und Nama: Zeit für angemessene Reparationen
       
       Deutschland will die Opfer des kolonialen Völkermordes in Namibia mit 10
       Millionen Euro entschädigen. „Nicht annehmbar“, findet Namibia.
       
   DIR Dublin streitet über Statuen: Fußfesseln oder Beinschmuck?
       
       Das berühmteste Hotel Irlands baut Statuen ab. Sie sollen rassistisch sein.
       In dem Haus gab es einst Agenten und einen Hitler.
       
   DIR Diskussionskultur in Corona-Zeiten: Die Aggressionsdemokratie
       
       Twitter und das Klima – ein neuer Forschungsgegenstand. Eine Studie zeigt:
       Erst ab 35 Grad ist es den meisten wieder zu heiß, um wütend zu werden.
       
   DIR Debatte um Zeugnisse des Kolonialismus: Neue Denkmäler braucht das Land
       
       Die Skulpturen fragwürdiger HeldInnen der Geschichte werden in Frage
       gestellt. Das ist in Ordnung, wir sollten aber auch den Guten gedenken.
       
   DIR Peinliche Denkmäler: Steine des Anstoßes
       
       Die Bürgerinitiative Braunschweig (Bibs) fordert, sämtliche Denkmäler der
       Stadt kritisch zu bewerten. Drei gelten als besonders problematisch.
       
   DIR Die steile These: Baut neue Denkmäler!
       
       Überall in der Welt werden gerade Monumente gestürzt. Das ist okay. Aber es
       wäre gut, neue zu errichten – zum Beispiel für Gastarbeiter.
       
   DIR Kriegsende vor 75 Jahren: Opfer, Täter, Denkmäler
       
       In Osteuropa wird die Erinnerungspolitik nationaler. In Berlin streitet
       man, wie man an den Vernichtungskrieg im Osten erinnern soll.